„Keiner kommt heil aus dem Krieg wieder raus!“

Führt der Weg zur Friedfertigkeit nur über Traumaheilung? 8. und letzter Teil des Essays von Bernd Schoepe. 


Autor: Bernd Schoepe. Dieser Beitrag wurde mit dem Pareto-Client geschrieben. Sie finden alle Texte der Friedenstaube und weitere Texte zum Thema Frieden hier. Die neuesten Pareto-Artikel finden Sie in unserem Telegram-Kanal.


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Dies ist Teil 8 des Essays von Bernd Schoepe. Lesen Sie hier Teil 1Teil 2Teil 3, Teil 4Teil 5 und Teil 6 und Teil 7. Den gesamten Text mit Anmerkungen finden Sie hier.

„Wer aber den Frieden will, der rede vom Krieg.“ (33)

Walter Benjamin

Krieg tötet und verstümmelt nicht nur Menschen, zerstört nicht nur materielle und immaterielle Werte und die Natur. Krieg vernichtet auch menschliche Lebenschancen. 

Krieg zeitigt immer, auch dann, wenn man äußerlich mit heiler Haut davonkommt, eine Engführung, Verarmung des Lebens. Lebensengführung bedeutet, dass menschliche Möglichkeiten, das Potenzial zur Entfaltung persönlicher Anlagen und Neigungen absterben oder gänzlich getilgt werden. Dieses Absterben von Freiheit und Tilgen von Neuem erzeugt jede Menge Leid. Unserer Existenz werden dadurch Sinn, Glückserfahrungen, Erfüllung, Zufriedenheit und Anerkennung vorenthalten, im Kriegsfall geraubt. 

Zwei besonders schlimme Exterminatoren menschlicher Möglichkeiten sind daher zu nennen: Die Armut und den Krieg. Der Krieg ist der schlimmste, weil man sich, anders als bei der Armut, an ihn nicht gewöhnen kann. Gewöhnt man sich an den Krieg, dann um den Preis, alles Menschliche aufgeben zu müssen.

Das Leuchten der Jugend besteht darin noch voller Möglichkeiten zu sein.

Vor diesem Horizont sehe ich das meinem Text vorangestellte Zitat aus Sean O‘ Caseys Theaterstück „Der Preispokal“. Zum Inhalt:

„Der Pokal ist eine Fußball-Trophäe, die der F. C. Avondales dem Entscheidungstor verdankt, das Harry Heegan schoss. Er und seine Kameraden müssen in den Ersten Weltkrieg, und als sie wiederkommen, gibt es ein paar Krüppel in der ehemaligen Mannschaft. Harrys Beine sind gelähmt, sein Mädchen tanzt mit einem anderen, er wirft ihr den Preispokal vor die Füße und hadert mit Gott und der Welt.“  (34)

Deutet man das Zitat des irischen Schriftstellers, sind mit dem Krieg der Glanz und die innere Spannkraft des Lebens dahin. Durch diesen Verlust kehren alle Versprechungen des Lebens verkrüppelt von den Schlachtfeldern heim. Aus dem Spiel ist bitterer Ernst geworden. Der Preispokal ist verloren, auch dann, wenn man ihn gewinnt.

Deshalb – und weil nichts mehr so sein wird wie es war, als es anfing – „werden kräftige Beine nutzlos und strahlende Augen dunkel“, wie O‘ Casey traurig schön schreibt.

Über die Wünsche und Träume meines Vaters, über seinen Preispokal, habe ich nie mit ihm gesprochen. Heute frage ich mich, wieso ich ihn nicht einfach mal danach gefragt habe. Aber dieses eine Mal gab es nicht. Die Wünsche und Träume meiner Mutter hingegen waren in meiner Jugend durchaus präsent, begegneten mir aber doch eher als eine Form von Leid. Das machte etwas mit mir. Es hat in mir das Gefühl bestärkt, meinen eigenen Weg gehen zu wollen und dabei keine faulen Kompromisse zu machen. Ich bekam eine Vorstellung davon, was zu viel falsche Rücksichtnahme auf andere für Dich selber heißen kann und dass es in der Familie auch um Macht über andere, nicht nur um Liebe, gegenseitiges Verständnis und altruistisches Füreinander-Sorgen geht.


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An diesem Punkt komme ich nun nun auf das längere Zitat von Erich Fromm aus dem Vortrag „Zur Theorie und Strategie des Friedens“ zurück, das ich meinem Essay ebenfalls vorangestellt habe. Mit ihm kann gut zur Koda meiner Überlegungen übergeleitet werden. Denn Fromm betont darin, dass bedeutende und lange auf den geschichtlichen Prozess einwirkende Nebenerscheinungen des Krieges in „der Verdummung, der Lähmung der Vitalität, der Einbildungskraft“ und „dem Schöpferischsein des Menschen“ liegen. Er gibt zu bedenken, dass diese Folgen kriegerischen Handelns „für die (…), die die Gewalt ausüben“ nicht von Nachteil, sondern im Gegenteil durchaus intendiert sein können, da aus diesen Nebenerscheinungen für die Herrschenden zusätzlicher Nutzen gezogen werden kann. 

Am Schluss möchte ich daher näher auf das toxische Phänomen der Traumatisierung durch Kriegshandlungen und Kriegsfolgen eingehen, das genauer untersucht werden muss, sofern wirkliche Aufklärung über die von Fromm benannten Symptome „der Verdummung, der Lähmung der Vitalität, der Einbildungskraft und dem Schöpferischsein des Menschen“ gewollt ist. Wir werden sehen, dass und wie daraus eine Lehre entwickelt werden kann, in der das Persönliche  – meine Familiengeschichte – mit dem Allgemeinen – der Mobilisierung der Gesellschaft zu Militarismus und Krieg als Herrschaftsmittel bzw. die Verweigerung der Mobilisierung als der Widerstand gegen solche Herrschaft – konvergiert.

Für Fromm stand außer Frage, dass die Theorie des Friedens

 „eine Theorie vom Menschen, eine Theorie von der Gesellschaft und eine Theorie von der Interaktion zwischen Mensch und Gesellschaft erfordert, und zwar eine dynamische Theorie, die von den sichtbaren und noch nicht-manifesten Kräften handelt, die sowohl im Menschen wie in der Gesellschaft vor sich gehen.“

 Bedeutung und Wirkungsweisen des Kriegstraumas

Das Zitat von Fromm über die Nebenerscheinungen des Krieges und seine Rede über den Anteil der nicht- bzw. noch nicht manifesten Kräften führen mich an der Stelle zur Trauma-Problematik, weil sich m.E. hinter ihr etwas verbirgt, was aufzuschlüsseln für eine Theorie des Friedens heute von größter Wichtigkeit wäre. Damit schließe ich zugleich nochmal an das Benjamin-Zitat „Wer den Frieden will, rede über den Krieg“ an, denn das „Reden über den Krieg“ – genauer das Reden darüber, was es heißt, nicht heil aus dem Krieg wieder herausgekommen zu sein, also die nicht bewältigten und verarbeiteten Belastungen mit sich herumzuschleppen und weiterzugeben – ist in den Generationen unserer Eltern und Großeltern unter einem Berg von Traumata verschüttet und bis heute nicht geborgen worden. 

Diese Traumata sind angesichts der massenpsychologischen Mechanismen, so wie sie in der Corona-Plandemie generalstabsmäßig Anwendung fanden (ich erinnere hier nur an das Strategie-Panikpapier aus dem Bundesinnenministerium vom März 2020) und angesichts akuter Kriegsgefahr, gezielter Angsterzeugung und Gehorsamkeitsproduktion durch die Cognitive Warfare (Kognitive Kriegsführung) erneut stark virulent geworden. 

Unter Traumapsychologen besteht heute ein breiter Konsens darüber, dass die Gesellschaft an den Folgen einer kollektiven Traumatisierung leidet, die durch den Zweiten Weltkrieg verursacht wurde. 

In einem interessanten Aufsatz von Susanne Wolf, der im Mai 2025 vom Multipolar-Magazin veröffentlicht wurde (35), wird dazu die Traumatherapeutin Dami Charf mit den Worten zitiert, dass manche Trauma-Forscher „von einer verdeckten Epidemie“ von Entwicklungstraumata sprechen. Entwicklungstraumata hätten „gravierenden Einfluss auf das Verständnis der Welt, von sich selbst und der eigenen Sicherheit“. Es sei davon auszugehen, dass „traumatische Erfahrungen (…) unser Leben massiv beeinflussen.“ (36)

In diesem Kontext dürfte die Corona-Krise als wichtigste Zäsur in der Nachkriegszeit anzusehen sein, in der dieses kollektiv latent wirkende Trauma erneut zum Ausbruch gebracht wurde. Wolf zitiert hier die Psychotherapeutin und Traumaexpertin Michaela Huber, die die „ganze Corona-Krise als eine Art gesellschaftlicher Schock“ bezeichnet. (37)

Transgenerationale Weitergabe des Traumas und Traumaheilung

Dabei ist wichtig zu wissen, dass Traumata über Generationen weitergegeben werden. Allerdings so, dass „die sichtbaren Auswirkungen manchmal eine Generation überspringen.“ Misst man danach den Zeitabstand zwischen dem Traumaherd und dem Moment seines Wiederaufflammens, wird die Annahme plausibel, dass die Auswirkungen in den letzten fünf Jahren die gesamtgesellschaftliche Sichtbarkeitsgrenze signifikant überschritten haben. In Bezug auf den Zweiten Weltkrieg, so schreibt Susanne Wolf, „würden Traumaforscher davon ausgehen, dass unsere Gesellschaft an den Folgen eines kollektiven, transgenerationalen Traumas, leidet“. Dabei wird allgemein auf die Rolle der Umweltfaktoren und Lebenserfahrungen als Faktoren hingewiesen, die die Gene beeinflussen. Traumata werden aber nicht eins zu eins weitergegeben, vielmehr ist davon auszugehen, dass sie ihre Gestalt und ihre Erscheinungsweisen ändern.

Einen Weg zur Traumaheilung, auf den Wolf verweist, hat Thomas Hübl, Autor und Mitentwickler des Collective Trauma Integration Process, aufgezeigt:

„Wenn eine Person eine individuelle Geschichte erzählt, geht eine Heilungswelle durch die Nervensysteme, die sich auf das Kollektiv“ auswirke. Auch durch künstlerischen Ausdruck werde „nicht-gesehenes sichtbar und Unausgesprochenes hörbar gemacht“. (38)

Diese Methoden sind als Schlüssel anzusehen, um Traumata, d.h. die darin verkapselten oder verlarvten bzw. abgespaltenen Erfahrungen, produktiv bearbeitbar zu machen und eine Heilung zu erreichen.

 Wer inneren wie äußeren Frieden will, muss das Schweigen und die Abwehr durchbrechen, also vom Krieg und dem, was ihm/uns im Krieg widerfuhr, reden. Solange wir unter dem Bann des Verschweigens stehen und uns nicht selbst ermächtigen, wird man immer wieder „Rettung ausgerechnet von jenen (…) erhoffen, die eigentlich ihre (unsere) Peiniger sind“ (Arno Gruen). Erforderlich dafür ist aber eine gemeinsame gesellschaftliche Anstrengung. Ein Klima der Offenheit und Achtsamkeit für diese Phänomene müsste Voraussetzung sein, damit solche individuellen Prozesse gefördert und überhaupt wahrgenommen werden können. 

Sind diese Möglichkeiten, wie derzeit, nicht gegeben, fehlt weiterhin die Bereitschaft zu einer ernsthaften (d.h. nicht bloß selektiven und ritualisierten) Aufarbeitung des geschichtsmächtigen Traumas des Zweiten Weltkriegs. Dann muss befürchtet werden, dass der dem Trauma inhärente Lernvorgang sowohl individuell weiterhin krankmachende Überforderungen als auch gesellschaftlich einen noch höheren Anpassungs- und Konformitätsdruck produziert. Wichtig zum Verständnis der Problematik ist, dass Traumata, die zu einer Identifizierung mit dem Aggressor führen, nur aus einer Situation der Angstüberwältigung entstehen. Die Identifizierung mit dem Aggressor ist, wie der Psychologe und Psychoanalytiker Arno Gruen schreibt, „eine Reaktion äußerster Hilflosigkeit“:

„Das, was Gehorsam bewirkt und zugleich steuert, ist ein uralter Mechanismus, dessen Wurzeln in früher Kindheit liegen, als wir dem Versuch der uns versorgenden Erwachsenen ausgesetzt waren, uns ihren Willen aufzuzwingen. Diese Erfahrung bedroht jedes Kind mit dem Erlöschen seines eigenen, gerade im Keimen begriffenen Selbst. Das Ergebnis dieses Prozesses ist, dass gerade solche Kinder, deren Willen besonders stark einem Ausmerzen unterworfen war, ein verhängnisvollen Gehorsam und Treue gegenüber Autoritäten entwickeln.“  (39)

Die Überforderungssituation wirkt sich in toxischer Weise auf das Zusammenleben aus. Genauer qualifiziert Wolfgang Schmidbauer (40) den durch die Traumatisierung ablaufenden innerpsychischen Lernprozess: „Das seelische Trauma ist ein Lernvorgang, in dem bestimmte Verhaltensweisen in einer ungerechtfertigten Verallgemeinerung erworben werden. (…) Die Abwehr des Traumas erfolgt durch Identifizierung mit dem Angreifer.“ Der Hass auf den Verursacher des Traumas wird in sein Gegenteil verkehrt, weil dadurch die Angst vor dem hasseinflößenden Objekt vermindert wird. Als Beispiele nennt Schmidbauer „ein Kind, dass den Gesichtsausdruck des Lehrers nachahmt, vor dem es besondere Angst hat, oder einen Lehrer, der die Ausdrucksweise eines Vorgesetzten kopiert, den er zutiefst hasst.“ (41)  

Für Arno Gruen ist die Abwehr des Traumas gleichbedeutend mit der Quelle für die Entstehung von Feindbildern. „Das Eigene“, das von den Eltern vernachlässigt, missachtet, bestraft wird, „wird (…) zum Fremden, um es dann außerhalb der Grenzen des eigenen Selbst zu bestrafen. (…) Der innere Feind, der mit dem Fremden identisch ist, ist jener Anteil im Kind, der verwirkt wurde, weil Mutter oder Vater oder beide ihn verwarfen, wenn es auf seine eigene Sicht bestand. (…) Der Hass auf das Eigene bringt Kinder hervor, die sich nur noch (…) erleben können, wenn sie diesen Hass nach außen wenden können.“ (42)

Die „ungerechtfertigte Verallgemeinerung“ eines womöglich qua Traumatisierung induzierten Lernvorgangs, der den Hass auf den Verursacher des Traumas verleugnet, den Verursacher idealisiert und daher den Hass nach außen wenden muss, um seine Ich-Schwäche zu überdecken, ist in Bezug auf die Bewertung und Behandlung des Russland-Ukraine- und des Gaza-Konflikts im herrschenden deutschen Mainstream mit Händen zu greifen. Hier kann besichtigt werden, wie die eigenen Bedürfnisse missachtet werden und dadurch die eigene moralische Integrität beschädigt und die Entwicklung zur eigenen Autonomie unterdrückt wird.

Identifikation mit dem Angreifer – Deutsche Geschichtsumschreibung als Traumafolge? 

Die Nachfahren der Täter des größten Verbrechens des Zweiten Weltkrieges „verallgemeinern“ den russischen Angriff auf die Ukraine nicht nur dahingehend „ungerechtfertigt“, dass sie sich durch das Weglassen bzw. Verzerren seiner Historie moralischen Dispens über die von ihren Großeltern und Urgroßeltern getöteten 27 Millionen Menschen der Sowjet-Republiken, nach Überfall des Hitler-Reichs auf die Sowjetunion am 22.6.1941, erteilen. Welche Erleichterung für das so lange schuldbeladen in Sack und Asche gehende Land! Darüber hinaus wähnen sie sich im Recht, im Namen von Anti-Faschismus, Frieden, Demokratie und Menschenrechten, ihre eigenen Waffen erneut gegen die Menschen in Russland zu richten, um ein teils krypto-faschistisches, teils offen faschistisches Regime in der Ukraine zu verteidigen. Der Überhöhung des Objekts – mit der Ukraine verteidigen wir unsere Demokratie und alles, was uns lieb und teuer ist; fällt die Ukraine so werden wir dem aggressiven Ivan auch in die Hände fallen – korrespondiert mit der Dämonisierung Putins als neuem Hitler. 

Hinzu kommt, dass der Antisemitismus als „deutsche Staatsräson“ immer absurdere Blüten treibt: In der Ukraine duldet man Antisemitismus und die ihn legitimierende faschistische Ideologie nicht nur, sondern man unterstützt beides. In Bezug auf Israel und den Völkermord an den Palästinensern in Gaza durch die ebenfalls mit Faschisten und ultrarechten Zionisten durchsetzte Regierung, stellt man sich schützend vor diese Faschisten und zionistischen Rassisten, die die Palästinenser entmenschlichen, bevor sie sie – auch mit deutschen Waffen (Deutschland ist nach den USA der zweitwichtigste Waffenexporteur) – wahllos töten. In Deutschland hingegen framt man jede vergleichsweise harmlose Kritik an der Migrationspoliik als Nazi-Hassrede und würde sie denunziatorisch am liebsten verfolgen. Dort aber wird jeder Palästinenser, werden auch Kinder, zu Hamas-Terroristen, mindestens aber Terror-Kollaborateuren oder willfährigen Werkzeugen (der von Israel ja gepäppelten) Hamas gestempelt, weshalb sie an ihrem Tod letztlich selber schuld seien. 

Dabei entgeht den sich „Israelfreunde“ nennenden Akklamateuren und Beihelfern zum Völkermord, dass Kollektiv- (Vor-)Urteile über Völker und die Reduktion von Individuen auf eine einzige Eigenschaft, ihre Zugehörigkeit zu einer Gruppe, immer schon der beste Nährboden für genuin faschistisches Gedankengut waren. Arno Gruen bemerkt:

„Diese Abstrahierung macht ein emphatisches Erleben des andern unmöglich.“ Empathie aber „sei die Schranke zur Unmenschlichkeit und der Kern unseres Menschseins.“ (43)

Den beschämenden Höhepunkt dieser Identifikation mit dem Aggressor, in dessen Zuge die Umschreibung, der Revisionismus der eigenen Geschichte auf dem weggebrochenen Fundament von menschlicher Anteilnahme, Einfühlungsvermögen und gegenseitigem Verstehen, die nichts mehr gelten sollen, mit Hochdruck von statten geht, markierte bislang der 8. Mai 2025, konkret die offizielle Gedenkfeier der Bundesrepublik im Deutschen Bundestag zum Kriegsende vor achtzig Jahren am 8. Mai 1945. Obwohl ohne die sowjetische Rote Armee die Befreiung Deutschlands vom Nazi-Regime noch länger gedauert hätte und die Rote Armee mit Abstand die meisten Opfer in diesem von Nazi-Deutschland als Vernichtungsfeldzug gegen Russland geführten Krieg zu beklagen hatte, verweigerten die Repräsentanten des Täter- und Aggressorenvolks im Berliner Reichstag und auch an vielen anderen offiziellen Gedenkorten Russland und Weißrussland ein Mindestmaß an diplomatischem und menschlichem Respekt. 

Die Repräsentanten der Täternation entschieden in geschichtsblindem moralischen Hochmut, ihre Opfer vom Gedenken auszuschließen. Sie fügten dem schweren Unrecht der Tat ein schweres Unrecht des Erinnerns hinzu. Eine unverantwortliche Verharmlosung der nationalsozialistischen Gräueltaten paarte sich mit dem stolz vorgetragenen, fatalen Eigenlob, man habe aus der Geschichte gelernt. 

Neben der moralischen Widerwärtigkeit, ja Schändlichkeit, die aus diesen Vorgängen sprechen, die auf Entscheidungen deutscher Amtsträger zu einem Zeitpunkt zurückgehen, wo der Frieden zwischen Russland und der Ukraine zum ersten Mal nach drei Jahren wieder in greifbare Nähe gerückt ist, müssen sie auch politisch als ein unüberlegter, dummer und selbstschädigender Akt gewertet werden. Denn, so kommentierte das Schweizer Journal21 die Vorgänge: 

Der Feind von heute wird irgendwann wieder zum Nachbarn, mit dem man Verträge schließt. Das erscheint gegenwärtig in Bezug auf Russland undenkbar. Aber auf die Dauer ist es unausweichlich. Auch daran könnte eine Gedenkfeier erinnern und vor den russischen Gästen den Wunsch zum Ausdruck bringen, dass diese Zeiten nicht allzu lange auf sich warten lassen.“  (44)

„Keiner kommt heil aus dem Krieg wieder raus!“

Eingedenk der transgenerationalen Wirkungsweisen des Weltkriegstraumas, ist es unumgänglich, dass, wenn Krieg und Faschismus sich nicht wiederholen sollen, die obige Erkenntnis und das, was aus dieser Erkenntnis folgt, öffentlich, breit und intensiv auf nationaler Bühne diskutiert werden muss. Was der Satz millionenfach und doch jeweils ganz individuell bedeutet, gilt es gerade mit Blick auf den selbstgefährdenden Zustand, in dem sich die Republik heute befindet, zu beleuchten. Ich bin mir sicher, dass aus der Vielzahl an (noch nicht) erzählten Geschichten und (noch nicht) gehaltenen Reden über den Krieg, seinen Interpretationen und Evokationen, wie als Folge eines Dominoeffekts ein ganzes Diskursuniversum den Raum für die richtigen und dringend notwendigen, da überfälligen Schritte zur Verbesserung (= Zivilisierung) unseres Gemeinwesens und zur Stärkung seiner politischen (Erinnerungs-)Kultur schaffen kann.

Am Beispiel meiner Familie habe ich mit diesen Erinnerungen meine persönlich grundierte Warnung vor Krieg und Faschismus zu formulieren versucht. Nur dank der Friedenstaube, d.h. nur weil ich wegen der Friedenstaube anfing, mich mit meinem persönlichen Bezug zum Thema Krieg und Frieden überhaupt auseinanderzusetzen, bin ich zu der Erkenntnis des besonderen Wertes gelangt, der im persönlichen (nicht im rhetorisch-formelhaft vorgestanzten) Reden über Krieg und Faschismus liegt. 

Deshalb finde ich das Pareto-Projekt der unzensierbaren Friedenstaube auch so wichtig, weil genau das sein Anliegen ist: Das Pareto-Projekt möchte diese Erkenntnis – wie sie mir jetzt, aber erst nach diesem Durchgang durch meine Familiengeschichte, unmittelbar vor Augen steht – stiften und kommunizieren!

Bedenkt man, dass laut aktuellem ARD-Deutschlandtrend über 50% der Bevölkerung der gefährlichen und sozial bedrohlichen Aufrüstung zustimmen (also sich massiv gegen ihre eigenen Interessen aussprechen) und sieht man sich die Schwäche der Friedensbewegung an, wird vor dem Hintergrund der Erkenntnisse der Traumaforschung die Notwendigkeit einer tiefergehenden und differenzierteren Ursachenanalyse deutlich. 

Natürlich muss man hier fragen, wie es dazu kommen kann, dass mehr als jeder Zweite – ähnlich wie bei Corona, wo es noch mehr gewesen sein dürften – einem fiktiven Bedrohungsnarrativ glaubt, das ihnen eingehämmert wird, obwohl  sich dieses Bedrohungsnarrativ und seine Folgen klar gegen die Interessen der allergrößten Mehrheit der Bevölkerung richtet. Dann wird klar, dass es nicht ausreicht, solche Befunde und Ergebnisse allein „auf eine zugespitzte Propaganda (…) und Meinungsmache“, die „Gehirnwäsche in Rekordzeit“ ermöglicht habe, zurückzuführen (45). Es muss auch eine spezifische innerpsychische Disposition dafür geben, was uns auf die Spur des Traumas bringt.

Die lange anhaltenden Traumatisierungen als Ursprünge für diese psycho-sozialen Fehlentwicklungen, müssen für die Analyse der grassierenden Un-Friedfertigkeit in unserem Land unbedingt mit herangezogen werden, um zu erklären, wie der Friedenskonsens in der Bundesrepublik so schnell und widerstandslos aufgekündigt werden konnte. Dabei muss insbesondere daran gegangen werden, die psycho-sozialen Wurzeln der „Freiwilligen Knechtschaft“ aufzudecken, über die vor über fünfhundert Jahren der Richter, Philosoph und Freund Michel de Montaignes, Étienne de La Boëtie (1530-1536), einen noch immer brandaktuellen Essay geschrieben hat.  

Psychogenetisch gälte es dafür, den Entwicklungspfad dieser Identifizierung mit dem Aggressor zurückzuverfolgen. Indem man sich die Mechanismen und Projektionen dieses Lernvorgangs vergegenwärtigen würde und dagegen im Sinne Walter Benjamins anspräche, könnte man hinter das Geheimnis dieses inneren Zwiespalts steigen. So ließe sich erkennen, dass der Zwiespalt, unter dem man leidet, selber Produkt eines Gehorsams ist, den man nur aufbringen und leisten kann, weil man von sich selbst entfremdet wurde:

Besondere Bedeutung gewinnt dieses Problem im Hinblick auf jene Phase (…) des unglücklichen Bewusstseins, in der die Wir-gegen-sie-Mentalität mit ihrer Betonung der Gegensätze überwunden wird und der Mensch erkennt, dass die Knechtschaft auf rätselhafte Weise seinen eigenen Wünschen entspringt.“ (46)

Abschließend, sozusagen als Quintessenz meines Vortrags über die Traumatisierung, die zur Erhöhung der Merkfähigkeit, in nur einen Satz gefasste Forderung:

Die politischen Konsequenzen der Identifikation mit dem Aggressor müssen in der Bundesrepublik für eine nachhaltige Friedensarbeit, Friedenserziehung und Friedensfähigkeit aufgeklärt und aufgearbeitet werden. 

Da die Reste der „Friedensdividende“ der Nachkriegsordnung von kriegsgeil gewordenen europäischen Politikern gerade verspielt werden, läuft die Zeit, wo doch zugleich das Verdrängte stark zur Wiederkehr drängt, sonst dafür ab.


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