Über den kriegstraumatisierten Vater und den Traum vom eigenen Leben. Teil 7 des Essays von Bernd Schoepe.
Autor: Bernd Schoepe. Dieser Beitrag wurde mit dem Pareto-Client geschrieben. Sie finden alle Texte der Friedenstaube und weitere Texte zum Thema Frieden hier. Die neuesten Pareto-Artikel finden Sie in unserem Telegram-Kanal.
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Dies ist Teil 7 des Essays von Bernd Schoepe. Lesen Sie hier Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5 und Teil 6.
IX Die sichtbaren und die unsichtbaren Beschädigungen durch den Krieg
An dieser Stelle möchte ich auf das Zitat von Patrick Baab aus der Einleitung zurückkommen, das diesem Text auch den Titel gab.
Obwohl in meiner Familie niemand sichtbare Beschädigungen oder Versehrtheiten aus dem Krieg mit nach Hause gebracht hatte, lässt sich der Satz „Keiner kommt aus dem Geschehen in einem Kriegsgebiet wieder heil raus, das macht etwas mit einem“ auch auf meine Familie anwenden.
Je länger ich darüber nachdenke – das sind die Erfahrungen des zweiten und dritten Blicks, auf die ich in der Einleitung hingewiesen habe – desto stärker komme ich zu dem Schluss, dass ich diese Beschädigungen als ihr Sohn auch mit mir herumtrage. Das, was der Krieg aus ihnen gemacht hat, wirkte sich in gewisser Weise auch auf mich aus, ist an mich vererbt worden. Ich habe, ich wiederhole es an der Stelle noch einmal, doch nur zwanzig Jahre nach Kriegsende das Licht der Welt erblickt. Wie haben sich die Spuren des Krieges also in mir und meiner Persönlichkeitsentwicklung sedimentiert? (Ich finde, jeder, der dem Frieden näherkommen möchte, sollte sich diese Frage stellen.)
Ich sprach von den Wunden des Krieges als Verlarvungen, die im familiären Leben, meist unterschwellig, spürbar wurden und die ich als Kind und Jugendlicher zwar nur unzureichend erfassen konnte, aber dennoch mit aufgenommen habe. Sie traten für mich fast ausschließlich maskiert in Erscheinung. Nur bei meiner Mutter wurden sie etwas greifbarer für mich, weil sie offener damit umging. Während es bei meinem Vater nur ganz selten einmal geschah, dass die Maske etwas angehoben oder ein Stück weit heruntergezogen wurde. Immer aber ging es dabei – was mir erst jetzt richtig klar geworden ist – um direkte oder indirekte Folgen des Krieges.
Ich habe noch nicht berichtet, dass ich unter dem liebevollen Schirm der Mütter (Mutter, Großmutter) groß geworden bin. Mein Vater blieb eigentlich ein Randgänger in meiner Welt als Heranwachsender. Eine Art Dauer- oder Stammgast der Familie. Da er als Handlungsreisender viel unterwegs war, passte das natürlich zu dem Eindruck, den er auf mich machte. Dies und die dominanten Mutterfiguren, ließen meinen Vater zwar männlich (auch im Sinne einer Unerreichbarkeit), aber blass und eindimensional aussehen. Seine berufsbedingte Absenz ist nicht der einzige Grund für sein schattenhaftes Dasein gewesen. Vielmehr blieb mir mein Vater emotional fern. Denke ich an ihn heute und will meine Eindrücke mit einem Wort zusammenfassen, kommt mir vor allen anderen Bezeichnungen das Wort „Gehemmtheit“ in den Sinn. Auch wenn ich über die Frage, wie er auf mich wirkte, länger grüble, will mir kein besseres Wort dafür einfallen. Irgendwie wirkte seine Abwesenheit bei physischer Anwesenheit so, als sei er von seinen eigenen Kräften in einem existenziellen Sinn abgeschnitten worden.
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IX. 1 Im Volkssturm – Die verlarvten Grenzerfahrungen meines Vaters
Was sehe ich heute als den Hauptgrund für diese Gehemmtheit an, die meinen Vater so stark charakterisierte?
Rufe ich mir sein Bild vor Augen – er ist jetzt dreißig Jahre tot – begegnet mir ein Mensch, der große Schwierigkeiten damit hatte, Gefühle zu zeigen. Dieses Problem meines Vaters hatte großen Anteil daran, dass wir uns später ganz entzweiten. Ich bin auch der Meinung, dass ihn diese Unfähigkeit nach dem Tod meiner Mutter (sie starb neun Jahre vor ihm, mit 51 an Krebs) in eine selbstzerstörerische Spirale getrieben hat. Auch mein Unverständnis der Blockade gegenüber, die mein Vater nicht überwinden konnte (worunter er sichtlich litt) trug natürlich dazu bei, dass sich die Fronten zu den Zeiten, in der ich selbst schon ein junger Erwachsener geworden war und mir in der Rolle des „angry young man“ gefiel, verhärteten. Wenn ich etwas Schlechtes über mich sagen will, so ist hier ein guter, besonders passender Moment dafür gekommen, ein Moment, der mich quasi dazu einlädt. Denn schon in früher Jugend fand ich diebisches Gefallen daran, meine Umgebung über die Schmerzgrenze hinaus zu provozieren. Da konnte ich sehr grob und sehr penetrant werden. Das war die andere, die harte Seite meiner empfindsamen, introvertierten Seele, auf der allerdings auch seitens meines Vaters und meines älteren Bruders gerne herumgehackt wurde.
Wie ich schon sagte, rief diese Wahrnehmung, dass mein Vater irgendwie von seinem Gefühlsleben abgeschnitten worden sei, den Eindruck der Maskierung bei mir hervor. Sie verdunkelte den Blick auf meinen Vater. Mit dem Beginn eigenständigen Denkens wurde er für mich zu einer Rätselfigur, gleichzeitig aber war er marginalisiert. Alles, was ich brauchte und wonach ich verlangte, holte ich mir von meinen Müttern. Aber objektiv betrachtet musste ich es mir von ihnen holen, da mein Vater gefühlt zu 95 Prozent ausfiel.
Nur wenn er zuviel trank, stellte sich eine, wenn auch verquere Verbindung zu seinen Gefühlen her. Dann waren die Schwerfälligkeit und Schattenhaftigkeit plötzlich weg und er kam in Fahrt, redete sich in Rage. Heraus kam aber in der Regel eine kaum ungenießbare Mischung aus Wehleidigkeit (als meine Mutter noch lebte, kommentierte sie dies oft mit dem Satz: „Du bedauerst Dich wieder selbst!“) und Aggressivität, ein Jähzorn, von dem man merkte, dass sich da etwas stark in ihm aufgestaut hatte.
Ganz selten fiel die Maske so, dass ich es merkte und hellhörig wurde. Ich hatte schon erwähnt, dass mein Vater uns wenig aus seiner Vergangenheit erzählte. Ich kann mich aber an ein oder zwei Situationen am Küchentisch erinnern, wo in eigentlich gelöster, guter, doch zugleich intensiver Stimmung mein Vater vom Krieg zu erzählen begann. Ohne mich noch genau an die Details erinnern zu können, weiß ich, dass mir auffiel, dass mein Vater anders als sonst redete. In der Stimme und den Worten, so hatte man das Gefühl, brach sich etwas Bahn, was irgendwie verschüttet gewesen war. Doch dann begriff ich rasch, dass mein Vater seine Erfahrungen aus dem Krieg und seine Flucht daraus schilderte und erst da kam mir zum ersten Mal klar zu Bewusstsein, dass mein Vater den Krieg im Kampf ja miterlebt hatte!
Noch nicht 15-jährig habe man ihn, da er schon so erwachsen ausgesehen habe, für den Volkssturm, Hitlers letztes Aufgebot, rekrutiert. Ob er sich aus jugendlichem Übermut, aus Langeweile oder politischer Indoktrination selbst für den Volkssturm gemeldet hatte (meinem Vater fehlte in seinen wichtigsten Jahren der Entwicklung ja sein eigener Vater. Der war in den Krieg gezogen, als er sieben oder acht Jahre alt war) oder ob er in einem „Heimatschutz“-Verband ohne eigenes Zutun gelandet war, ist mir nicht bekannt. Es ist bei ihm aber wohl so abgelaufen, dass aus Schieß- und anderen militärischen Übungen, die ihm „Spaß“ machten und bei denen er sich als 14-jähriger in einem Fluidum von Abenteuerlichem, Gefährlichem und vielleicht auch Heldenhaftem austoben konnte, bald blanker Ernst wurde. Denn irgendwann im Winter 1944/45 ist die Front dann näher und näher gerückt.
Als sein Verband schließlich Feindesberührung bekam, das heißt Rotarmisten auf nächste Nähe zu der Stellung vorgerückt war, auf der er Posten stand und Kampfhandlungen aufflammten, sei er zum ersten Mal völlig ungeschützt und sofort besonders heftig mit der Realität des Krieges konfrontiert worden. Mehrere seiner Kameraden seien bei den Kampfhandlungen zu Tode gekommen. Überall sei Blut gewesen und er hätte schreiende Verletzte und auch Leichenteile gesehen, über diese Bilder als die Tonspur des Schreckens gelegt, höre er immer noch manchmal nachts und im Traum die laut ratternden Salven aus den Maschinengewehrläufen. So oder so ähnlich erzählte es unser Vater. Und dass es ihm gelang, irgendwie abzutauchen und diesem Inferno zu entfliehen. Er sei auf einen der letzten Züge, die von Schlesien gen Westen fuhren, aufgesprungen, und schaffte es sich dorthin abzusetzen, wo die US-Amerikaner eine Zone bereits besetzt hielten.
Bei seinen Schilderungen habe ich damals, glaube ich, nur kurz daran gedacht, dass ich ja ungefähr genauso alt bin wie er damals war, als er dem sinnlosen Tod auf dem Schlachtfeld nur um Haaresbreite entging. Aber erst jetzt glaube ich zumindest ansatzweise ermessen zu können, was diese Erfahrungen, von denen mein Vater in meiner Gegenwart nur ein oder zwei Mal sprach, für einen 14-Jährigen bedeutet haben.
Dazu habe ich einen Abschnitt über Kriegstraumata gefunden:
„Kriegserlebnisse können bei Kindern und Jugendlichen schwerste Traumatisierung zur Folge haben.
Erfahrungen wie der Tod der Eltern oder naher Verwandter, Bombardierung, Raketenbeschuss, Granaten, Explosionen, Flucht, Verlust von Haus und Heimat, langfristige Trennung von den Eltern, (…) Zeuge oder Zeugin von Ermordung, Erschießung, Folter gehören für Kinder in Kriegsgebieten zum Alltag.Traumatische Ereignisse treffen ein Kind sowohl auf mentaler als auch auf physischer Ebene völlig unvorbereitet. Solche Ereignisse sind außergewöhnlich, unvorhersehbar und liegen außerhalb der normalen Lebenserfahrung eines jungen Menschen. (…)
Kinder und Jugendliche können innere Mechanismen entwickeln, u. a. die Strategie der Vermeidung, indem sie die eigenen Gefühle verdrängen, inneres Unbehagen und Wünsche nicht zur Kenntnis nehmen und eine positive Fassade vorspielen. (…)
Sehr oft wirken diese jungen Menschen selbstständig, selbstständiger als sie sind. Sie können emotional distanziert wirken, meiden Nähe und Freundschaft und sind oft sehr leistungsbereit.
Nach einem traumatisierenden Ereignis ist Stabilisierung besonders wichtig. Die Erregung, die jede traumatische Situation hervorruft, kann dadurch modifiziert und reguliert werden. Darüber reden fördert das Denken, Denken modifiziert Gefühle und Handlungsmöglichkeiten und die Bewältigungsstrategien werden dadurch vielfältiger.“ (32)
IX.2 Der Verzicht aufs eigene Leben: Die verlarvten Erfahrungen meiner Mutter
Worin bestand das, was ich als Verlarvung von lebensgeschichtlich besonders wichtigen Erfahrungen bezeichnet habe, bei meiner Mutter?
Nun, ich hatte bereits kurz angesprochen, dass der große Wunsch meiner Mutter Kunstgeschichte oder Archäologie zu studieren, nach dem Krieg unerfüllt blieb. Nach ihrer Ausbildung hatte sie nicht mehr gearbeitet, sondern meinen Großvater in beruflichen Angelegenheiten unterstützt. Auch krankheitsbedingt, nach ein oder zwei Herzinfarkten, Aufenthalten in Sanatorien usw. war er immer mehr auf die Hilfe seines einzigen Kindes angewiesen, das er wohl zu besitzergreifend sehr geliebt hat.
Die Sache mit dem Studium projizierte meine Mutter später stark auf ihre Kinder (darin kam exakt dieses: „Ich will, dass meine Kinder es mal besser haben als ich“ zum Ausdruck). Dass mein Bruder nicht studieren wollte, sondern lieber nach einer Lehre einen technischen Beruf ergriff und „nur“ Facharbeiter werden wollte, hat ihr stark zu schaffen gemacht. Sie selbst hatte in oder vielleicht auch schon vor der ersten Schwangerschaft, sich entschlossen zu Hause zu bleiben und sich ganz den Kindern, dem Haushalt und ihrer früh verwitweten Mutter zu widmen. Ich weiß nicht, ob man sagen kann, dass meine Mutter später diese Entscheidung bereut hat. Und am Schluss ging dann alles so schnell. Sicher aber hatte sie das Gefühl, etwas Wichtiges, Entscheidendes, Erfüllendes in ihrem Leben versäumt zu haben.
Der Traum vom eigenen Leben
Meine Mutter hat, als wir Kinder etwas größer waren, geklagt, sie wäre gern noch etwas anderes als unsere Putzfrau geworden.
Sie war eine gute, aber keine leidenschaftliche Köchin und Hausfrau, sie brachte unsere Wohnung und später unser Haus und, so muss man rückblickend sagen, unser aller Leben gut in Ordnung (denn als sie starb, zerbrach der innere Zusammenhalt der Familie schon bald), aber sie tat sich mit den Routinen dieses Lebens schwer und vor allem nagte wohl die Frage: „Soll das alles gewesen sein?!“ stark an ihr.
Dazu muss man wissen, dass sie ein sehr aufgeschlossener, neugieriger Mensch war, der sich für vieles interessierte, für ganz unterschiedliche Dinge begeistern konnte und gerne viel mehr von der Welt gesehen hätte. Ganz anders mein Vater. Wenn meine Mutter einen anderen Partner gehabt hätte, der sich selbst gern mit ihr zusammen ab und zu aus dem Alltagstrott herausgerissen und der Freude daran gehabt hätte, seine Frau zu entführen und zu verwöhnen, dann hätte sie vermutlich weniger unter der Hausfrauenrolle gelitten. So aber witterte sie mit den Jahren eine Art familiärer Verschwörung gegen sich.
Als ich etwa zwölf, dreizehn Jahre alt war, begann sie unabhängig von meinem Vater, der am liebsten allein in seinem Bastelkeller saß und seine Märklin-Eisenbahn dort im Kreis fahren ließ, sich einen eigenen Bekannten- und Freundeskreis aufzubauen, ging ins Theater, fuhr mit einem Freund der Familie zu Tennisturnieren in andere Städte, traf sich regelmäßig zum Schwof mit ihrem Damen-Kegelclub, ging mit ihrem zweitgeborenen Sohn, der früh einen Faible dafür entwickelte, gerne in Restaurants und auf kulinarische Kurzreisen in die nahe gelegenen Mutterländer der Haute Cuisine, Frankreich, Belgien, Luxemburg. Dennoch litt sie darunter, dass ihr Mann so gar nicht gern gemeinsam mit ihr etwas unternahm.
Mir vermittelten die Reisen mit meiner Mutter als Teenager, dass es noch etwas anderes als das Leben im schläfrigen und provinziell beengten Beamtenstädtchen Koblenz gab. Gleich hinter dem Schlagbaum begann in den frankophonen Nachbarländern eine Welt für mich, die, so klischeehaft das auch klingen mag, Freiheit, Abenteuer und eine intensivere, höhere Lebensart, das savoir vivre, versprach. Auch meine Mutter empfand das ähnlich; die kleinen Fluchten hatten etwas komplizenhaftes.
„Wenn die Kinder aus dem Gröbsten raus sind, dann werde ich mir endlich meinen Traum erfüllen“. Das hörten wir in den letzten Lebensjahren oft aus dem Mund meiner Mutter und sie sprach mit mir gern über ihren Plan irgendwo dort, wo ein schöner Flecken Erde ist, am besten in einer Weingegend, ein kleines Hotel zu pachten oder zu kaufen. Sie wollte es nach ihren Vorstellungen herrichten und einen Partner zu finden, der selber ein guter Koch ist oder einen guten Koch für das Restaurant, das dazu gehören sollte, anheuern, einen Partner, der mit ihr diesen Lebenstraum verwirklicht. Sie hätte sich von meinem Vater nicht scheiden lassen, aber der Gedanke, getrennte Wege zu gehen, schien sie aufatmen und Hoffnung schöpfen zu lassen: endlich keine Rücksicht mehr nehmen müssen! Endlich sein eigenes Leben leben können!
Sie hatte nicht nur all die Jahre auf ihre Kinder Rücksicht genommen, für die sie immer da war, wofür ich ihr immer dankbar bleiben werde, sondern auch auf ihre Mutter, die sie aus Mitleid und Verantwortungsgefühl ins Haus geholt hatte. Das versperrte ihr jetzt, wie sie merkte, den Schritt zum eigenen Leben, denn die Mutter wurde älter und gebrechlicher und vor allem noch anspruchsvoller in der Erwartung, dass ihre einzige Tochter sich um sie und ihre Neurosen kümmert. So war meine Großmutter, nachdem sie siebzig Jahre alt wurde, nicht mehr von dem Gedanken abzubringen, dass nichts mehr lohne, keine Anschaffungen mehr sinnvoll, keine Planungen noch möglich seien, da sie ja nun sowieso bald stürbe. Tatsächlich sollte sie noch über zwanzig Jahre weiterleben und dabei in dieser Zeit drei Mal am Grab ihrer Nächsten stehen, erst am Grab ihrer Tochter, dann am Grab ihres ersten Enkels und schließlich an dem ihres Schwiegersohns.
Meine Mutter ging zunehmend offensiv mit diesem Problem um, begehrte auf, schuf sich ihre eigenen Freiräume, was aber wohl viel Kraft kostete. Was bei meinem Vater die innere Blockade war, die ihn bedrängte, war bei ihr die äußere Blockade, der freilich eine innere korrespondierte: sich von Mutter, Mann und Kindern in ihrem Leben ausgebremst und an die Kette gelegt zu fühlen, in einen „goldenen Käfig“ gesperrt leben zu müssen. Den Ausdruck „goldener Käfig“ benutzte meine Mutter öfter. Ich fand ihn übertrieben, schließlich lebten wir weder im Palast, noch fuhr mein Vater einen Porsche, nicht einmal einen Mercedes. Wenn du im Wohlstand aufwächst, dabei aber nicht von dessen typischen Statussymbolen umgeben bist, ist das alles ganz normal für dich. Es sei denn, du hast gute Freunde, die arm sind, und die hatte ich nicht. Erst später habe ich erkannt, wie privilegiert mein Zuhause war.
Trotzdem war etwas verlarvt in ihr, was zum Ausbruch kam, als sie, kaum war der zweite Sohn aus dem Haus (ich war damals gerade frisch an der Uni in Frankfurt am Main eingeschrieben, besuchte als Erstsemester die Seminare und Vorlesungen – das meiste verwirrte mich sehr –, und hatte meine erste eigene Wohnung bezogen) an Krebs erkrankte und nur drei Monate nach der schrecklichen Diagnose starb. Ich brauchte Jahre, um mich nach ihrem Tod wieder zu fangen. Das war die dunkelste Zeit meines Lebens. An sie denke ich nur höchst ungern zurück.
(Teil 8, zugleich letzter Teil, folgt in Kürze).
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