Der Teppich meines Lebens strickt sich aus der immer gleichen Erzählung, stelle ich fest. Zwar sehen einzelne Teile ganz unterschiedlich aus, bei genauer Betrachtung jedoch sind sie in ihrem Kern … identisch. Eine autobiographische Notiz in drei Teilen: Das Buch (Teil 1), Sozialer Tod (Teil 2), Die Folgerungen (Teil 3).
Die Geschichte, um die es mir geht, lässt sich nicht leicht erzählen. Es geht um ein Buch, das ich schrieb, das sehr gut war und trotzdem (oder deswegen) einige Feinde fand, und das (mitsamt Verlag) fast ganz aus der Welt genommen wurde. Und es geht um mein berufliches Leben als Universitätsprofessorin, das mir nicht in die Wiege gelegt worden war, das aufgrund einer ausgemachten Schurkerei ein abruptes Ende fand und ich selbst fast ganz aus der beruflichen Welt genommen wurde. Beide Geschichten erzählen vom Werden, von wechselvollen Reaktionen und von Vernichtung. Und das in einer Parallelität, die mich verblüfft.
Ich beginne mit dem geschredderten Buch.
Das Werden
Wer Bücher schreibt, hat vermutlich zu jedem einzelnen eine besondere Beziehung, allein schon dadurch, dass er die Umstände erinnert, die dazu geführt haben, mit dem Schreiben zu beginnen.
Das Buch, von dem ich berichte, wurde in Schmerzen geboren. Oder präziser: In einer Zeit, in der mein Körper große Schmerzen litt. Ich lernte damals, mich auf die kurzen Phasen zwischen den Schmerzwellen zu konzentrieren und so meinen Fokus auf Schmerzfreiheit statt auf den Schmerz zu richten. Ich fand heraus, dass sich die Freude über die Schmerzfreiheit enorm verstärken ließ, wenn ich mich zugleich noch mit etwas beschäftigte, das mir am Herzen lag. So schrieb ich das Buch. Im Liegen und mit Literatur, die ich (wie damals noch üblich) in der Bibliothek bestellte und die mein Mann beschaffen musste. Denn ich konnte weder dorthin gehen, noch irgendwelche Taschen tragen.
So schrieb ich ein kleines Lehrbuch für Studienanfänger und all jene, die sich für die Möglichkeiten von Erkenntnis, den Sinn und Zweck von Theorie und Wissenschaft und die Frage, wie Neues überhaupt in die Welt gelangt, interessieren. Geographie, das Fach meiner späteren Professur, hatte zu der Zeit mit solcherlei Fragen eher wenig am Hut, um nicht zu sagen: Nichts. Mich aber interessierte das, brennend sogar, ist es doch die Grundlage jedes wissenschaftlichen Denkens. Dachte ich.
Ein derartiges Buch gab es nicht. Für viele andere Fächer oder ganz allgemein für „die Wissenschaft“ selbstverständlich ja, aber nicht für Geographie. Und so schrieb ich ein Buch, das ich selbst gerne in meinen Lehrveranstaltungen verwendet hätte. Ich nannte es „Theoretische Geographie“. Es war eine Einführung in Theorie und Wissenschaft, in Erkenntnistheorie mit geowissenschaftlichen Beispielen und einem Überblick über die Denkstrukturen und Herangehensweisen in der Geographie als Wissenschaft.
Die Reaktionen
Ich hatte mit etwas Gegenwind gerechnet (das gehört dazu), aber, wenn ich ehrlich bin, vor allem mit Anerkennung. Denn das Buch füllte eine Lücke, war verständlich geschrieben und bot zudem unmittelbar verwendbares Material für jede Einführungsveranstaltung. Wie könnte so etwas nicht erfolgreich sein?
Womit ich nicht gerechnet hatte, war – Schweigen. Es gab meiner Erinnerung nach nur zwei Fach-Rezensionen. Eine beschrieb allein den Inhalt und enthielt sich jeglichen rezensierenden Kommentars. Die andere tat ähnliches, aber rang sich am Ende noch ein Urteil ab, das in etwa so lautete:
“Ein verdienstvolles Anliegen, dass in seiner etwas einfachen Sprache dem komplexen Sachverhalt nicht wirklich adäquat begegnet“
Ich formuliere aus der Erinnerung, da ich die Rezension nicht mehr finde.
In Amazon (in heutigen Zeiten einer der Maßstäbe, ob etwas ein „Seller“ ist), hat das Buch seit Erscheinen im Jahr 2010 nur zwei Bewertungensr=8-1) erhalten, einmal fünf und einmal vier von fünf Sternen. In der einzigen ausführlichen Bewertung (von „Quitscheente“) steht folgendes:
Mündlich erhielt ich etwas mehr Rückmeldung, vor allem jüngere Kolleginnen und Kollegen schienen den Band tatsächlich in ihren Lehrveranstaltungen einzusetzen und sagten bei einer Begegnung mal etwas darüber. Es klang durchwegs begeistert. Von der etablierten Kollegenschaft – Schweigen.
Mit zwei Ausnahmen. Ein älterer Kollege aus Österreich (wir schätzten uns gegenseitig sehr) wies in den einleitenden Worten zu einem Vortrag, den ich in Wien hielt, auf das Buch hin und fügte hinzu:
„Ich ärgere mich sehr über das Buch. Vor allem, weil ich es nicht selbst geschrieben habe.“
Ein Lob. So war es gemeint. Und so habe ich es verstanden.
Ein anderer Kollege, aus Deutschland, ebenfalls älter, sagte:
„In diesem Alter so ein Buch schreiben zu wollen und es mit „Theoretische Geographie“ zu betiteln, ist schiere Anmaßung.“
Ich war verblüfft. So etwas schien also ein Alterswerk zu sein und nur Wenigen vorbehalten. Das hatte ich weder gewusst noch bedacht. Ich las ein wenig in meinem Buch und fand: Es ist gut. Vielleicht geht es also doch. Auch in meinem Alter. Und ganz ohne Erlaubnis …
Mit jenem Kollegen verband mich ein durchaus ambivalentes Verhältnis. Er hatte mir einst ein Gutachten für ein Stipendium mit der Begründung verweigert, ich hätte ja offenbar schon viel ausprobiert (da aus meinem Lebenslauf hervorging, dass ich vor dem Studium eine Berufsausbildung gemacht und einige Jahre in einem ordentlichen Beruf gearbeitet hatte). Und dass ich es nun an der Universität versuchte, nun ja, das könne er nicht unterstützen. Jahre später gratulierte er mir nach dem letzten Teil meines Habilitationsverfahrens, der öffentlichen Vorlesung, mit den Worten:
„Herzlichen Glückwunsch zur halben Menschwerdung.“
Auch damals war ich verblüfft. Und brauchte einige Zeit, um zu verstehen, was er zu mir – und über mich – gesagt hatte. Und über sich. Seitdem beschäftige ich mich auch wissenschaftlich immer mal wieder mit der Frage, was wir Menschen eigentlich sind. Was ich jetzt wohl bin, in seinen Augen? Als entlassene Professorin …
Erst kürzlich erfuhr ich, dass einige andere Kolleginnen und Kollegen die Ansicht jenes Kollegen über das Buch teilten. Dieses Urteil teils sogarbis heute mit großer Emotionalität vorbringen. Kein Mitarbeiter würde es dann wagen, es in Veranstaltungen einzusetzen oder zu empfehlen. Kein Wunder, dass es kein “Seller” wurde.
Soweit ein völlig normales Verhalten in der Wissenschaft. Verrückt, finden Sie nicht? Ich wundere mich, dass es mir damals nicht so verrückt erschien wie jetzt, im Rückblick …
Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende. Sie hat eine Pointe, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Denn das Buch ist ja noch nicht geschreddert.
Die Vernichtung
Das Buch ist in einem altehrwürdigen Verlag erschienen, der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft in Darmstadt (wbg). 2023 musste der Verlag Insolvenz anmelden, nachdem eine Software-Anpassung mehrere Monate lang verhinderte, dass der Verlag korrekte Rechnungen ausstellen konnte (welche Ironie!). Der Herder Verlag übernahm zwar ab 2024 etwa 200 Titel der wbg, darunter jedoch nicht die Schriftenreihe, in dem das Buch erschienen war.
Die wbg bot mir im Rahmen ihres Insolvenzverfahrens an, Exemplare zu einem günstigen Preis abzukaufen, bevor der Bestand geschreddert würde. Ich bestellte 30 Exemplare, die mich jedoch nie erreichten.
Auf der Seite von Herder WBG-Wissen ist das Buch nicht zu finden. Trotzdem lässt es sich über Amazon noch bestellen. Zu etwa dem halben Preis. Ein Restbestand. Es ist also noch ein wenig in der Welt. Und gleichzeitig nicht mehr.
„Theoretische Geographie“ als eine Art Schrödingers Katze. Da (fast) niemand das Buch beobachtet (also bestellt), gilt Schrödingers Annahme der “Superposition” (es existiert und gleichzeitig existiert es nicht). Ein Buch über Möglichkeiten der Erkenntnis als eine “verschmierte Realität” aufgrund der objektiven Nichtexistenz von Information …
Das gefällt mir!
Fortsetzung folgt …
… in “Geschreddert in der Wissenschaft! Teil 2: Sozialer Tod“.
Und in “Teil 3: Die Folgerungen”. Dort finden Sie die Auflösung, was die beiden Geschichten verbindet, warum sie strukturell das Gleiche erzählen und welche tiefere Bedeutung das für mich hat.
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