Eine autobiographische Notiz meiner Entlassung als Universitätsprofessorin, die für mich völlig überraschend kam (zuerst am 4. Mai 2025 auf Linkedin veröffentlicht).
Heute, genau auf den Tag, vor sieben Jahren wurde ich als Universitätsprofessorin von meiner Universität fristlos entlassen. Für mich völlig überraschend, aus heiterem Himmel. Und ohne dabei zu erfahren, was ich konkret getan haben sollte, das eine derartige Sanktion rechtfertigen würde.
Ich erinnere mich noch sehr gut an den Tag. Ein Freitag. Eigentlich wollte ich erst am folgenden Montag wieder am Institut sein. Die Tage davor war ich auf einer Konferenz in Deutschland, wo mich eine merkwürdige Nachricht aus dem Rektorat erreichte. Ich solle am Freitag, 4.5.2018, um 13 Uhr für ein Gespräch mit dem Rektor in meinem Büro sein. Erste Merkwürdigkeit: Gespräche mit dem Rektor fanden üblicherweise in dessen Büro statt und nicht in dem Büro desjenigen, mit dem er sprechen wollte. Zweite Merkwürdigkeit: Ein Grund war nicht angegeben und der Versuch, telefonisch zu erfahren, worum es gehen sollte, wurde von der nervös klingenden Chefsekretärin abgewimmelt. Sie könne darüber nichts sagen. Der schriftliche Text klang wie eine Vorladung.
Ich fuhr quasi über Nacht etwa 600 km von der Tagung nach Österreich, war gegen Mittag im Büro und bat eine nahe Kollegin und Mitarbeiterin darum, bei dem Gespräch dabei zu sein. Zu unangenehm-merkwürdig erschien mir die “Ladung”.
Punkt 13 Uhr betritt der Rektor das Büro, begleitet von der Justiziarin. Beim Handschlag zur Begrüßung blickte er sich um und sagte:
“Ich war schon einmal hier. Da haben wir über angenehmere Dinge gesprochen.”
“Ja”, erwiderte ich, “ich erinnere mich. Sie sprachen damals mit uns über den Erfolg unseres Instituts. Und teilten mir mit, dass Sie das Institut vergrößeren und dafür eine weitere Professur neu einrichten möchten.”
Man muss dazu wissen, dass es sich um ein sehr kleines Institut handelte. Seit meiner Berufung an die Universtität im Jahr 2010 war ich dort die einzige Professorin und auch die einzige habilitierte Mitarbeiterin. Das hat laut Prüfungsrecht Folgen, denn bestimmte Prüfungen dürfen nur von Habilitierten abgenommen werden. Insgesamt war ich damit in der absurden Situation, verantwortlich für etwa 430 oder 440 Studentinnen und Studenten zu sein (eine damals übliche Betreuungsrelation betrug etwa 60 bis 65:1). Das freundliche Gespräch, auf den der Rektor sich bezog, lag etwa zweieinhalb Jahre zurück.
Das war es auch schon an Nettigkeiten. Wir setzten uns, der Rektor schob einen Brief über den Tisch und sprach gleichzeitig die fristlose Entlassung aus und fügte hinzu: “Sie wissen ja, warum”.
Ich war perplex und sagte, nein, ich wisse nicht, warum, und fragte, was vorgefallen sei. Der Rektor verweigerte die Antwort mit der Begründung, dass er mir keine Gründe nennen müssen, da ich dann unter Umständen Vorteile in einem eventuellen Gerichtsverfahren hätte.
Die Kollegin stand unter Schock, wollte verstehen und vermitteln. Fragte wieder und wieder nach den konkreten Gründen und verwies darauf, dass man doch erst einmal alle Seiten hören müsse, um einen Sachverhalt überhaupt zu verstehen. Auch sie erhielt keine Antwort, nur den Hinweis, dass ich Mitarbeiter herabwürdigend behandelt habe und dass dies vor einem Gericht zu klären sei, wenn ich das wollte.
Ich wurde aufgefordert meine Schlüssel auszuhändigen, darauf hingewiesen, dass für das Ausräumen meiner persönlichen Sachen aus dem Büro ein Termin zu vereinbaren sei, und wurde aus meinem Büro eskortiert.
Das “Gespräch” dauerte sieben Minuten. Das hat mich beeindruckt. Sieben Minuten, die mein Leben komplett verändert haben. Vielleicht fiel es mir deswegen ein, vorhin im Wald, als ich darüber nachdachte, welches Datum wir eigentlich heute haben. Sieben Minuten. Vor sieben Jahren. Eine Katze hat sieben Leben … Das verflixte siebente Jahr … Irgendetwas hat es auf sich mit der Sieben.
Meine verstörendste Erinnerung: Ich hatte den Eindruck, dass sowohl der Rektor als auch die Justiziarin Freude bei dem Gespräch empfanden. Ich erinnere mich, dass ich genau das an einer bestimmten Stelle dachte. Im Rückblick bin ich beeindruckt, wie das Gehirn selbst unter großem Stress solche Wahrnehmungen reflektieren kann. Kurz danach sagte der Rektor: “Glauben Sie, mir machen solche Gespräche Freude?” Meiner Erinnerung nach blieb ich ihm eine Antwort schuldig.
Ich durfte mich noch auf dem Flur des Instituts aufhalten. Das nutzte ich, um die noch anwesenden Mitarbeiter über die Situation zu informieren. Erst einige Wochen später sollte ich ein Haus- und Betreungsverbot für den gesamten Campus erhalten. Es ist bis heute aufrecht.
Danach fuhr ich nach Hause. Wie so viele Universitätsprofessoren lebte ich ein geteiltes Leben, in Österreich die Professur, Mann und Privatleben in Deutschland. Einfache Fahrt genau … 700 km.
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Zuerst veröffentlicht auf Linkedin am 4. Mai 2025. Für einen beschränkungs- und zensurfreien Zugang nun auf Pareto.