Mein erster Essay für WeiterDenker dreht sich rund um die Begriffe Menschlichkeit, Über- und Unmenschlichkeit sowie um das von mir so genannte wahre Menschsein.
I
So oft wie in den letzten Jahren wurde ich noch nie nach meiner Menschlichkeit befragt. Und da geht es wohl nicht nur mir so. Wer kennt sie nicht, die immer wiederkehrenden so oder ähnlich lautenden Fragen beim Besuch einer Website. Diesen regelmäßig geforderten Beweis, den man mit bloß einem Klick meist leicht erbringen kann, möchte ich hier in einen anderen Kontext stellen, nämlich den im so genannten real life (nicht zu verwechseln mit dem wirklichen Leben).
II
Egal, ob man sich in der kleinen virtuellen Welt der eigenen Filterblasen oder in der großen weiten Welt der Machthaber und Despoten sowie der ihnen viel zu oft dienenden Medien umschaut, so ist viel von Übermenschlichkeit – also etwa Nationalismus oder Transhumanismus – und von Unmenschlichkeit – beispielsweise Überwachungsmaßnahmen, Kontrolle oder kriegerische Auseinandersetzungen – die Rede. Beides steht in engem Zusammenhang, ja bedingt einander sogar.
Die Annahme von Übermenschlichem hat nicht erst heute zum Schaffen eines Mythos vom Übermenschen geführt. Wo wir als Menschheit dadurch hingekommen sind, lässt sich nicht nur an den Religionskriegen oder am Völkermord des Nationalsozialismus ablesen, sondern reicht bis zu den Genoziden der Gegenwart. Wenn das eine besser als das andere, dieser besser als jener ist, dann wird Menschlichkeit mit Füßen getreten und das, was uns alle verbindet, nämlich unser Menschsein nicht nur in Frage gestellt, sondern gleichsam abgeschafft. Wer so denkt, landet nämlich ganz schnell in der grassierenden Unmenschlichkeit. Und die ist nicht mit einem Tastendruck weg zu schaffen, nein die bleibt dir nicht nur an den Fingern kleben, sie vernebelt Hirn und Herz.
Und von der anderen Seite her betrachtet führt eine unmenschliche Lebensweise auf den Pfad der Übermenschlichkeit. Denn der Unmenschliche fühlt sich dabei auch noch im Recht, stellt sich also über andere, wird damit quasi zum Übermenschen.
Beides ist eine menschliche Möglichkeit. Es gibt aber auch noch eine dritte: das wahre Menschsein, wie ich es bezeichnen möchte.
III
Was aber macht dieses wahre Menschsein und die damit verbundene Menschlichkeit aus?
Das wahre Menschsein zeichnet sich durch seine tiefe Verbundenheit mit allem Menschlichen, aber darüber hinaus auch mit einem Verbundensein mit der belebten und unbelebten Natur aus. Die oft als primitiv bezeichneten Kulturen, die wir heutzutage ganz woke indigen nennen, was die darin innewohnende Differenzierung und Abwertung nicht besser, aber besser unsichtbar macht, kennen diese Lebensweise. Unsere Technikgläubigkeit hat uns in allen Lebensbereichen, von der Bildung über die Medizin bis hin zum gesellschaftlichen Miteinander in einen Irrgarten geschickt, aus dem wir kein Entrinnen finden. Anstatt im Labyrinth des Lebens Schritt für Schritt voran zu gehen, um die eigene Mitte zu erreichen, straucheln wir lieber an selbst aufgestellten Glaubenssätzen und Denkbarrieren. Nicht ohne Grund hat man uns jegliches Labyrinth für einen Irrgarten vorzumachen versucht, viel zu oft erfolgreich.
Wenn heute ein österreichischer Bildungsminister – wie auch schon so mancher seiner Vorgänger – plausibel zu machen versucht, dass es um den Erwerb von Kompetenzen geht, so verneint er den alten humanistischen Bildungsbegriff, der angestrebt hat, Menschen zu Universalgelehrten mit einer guten Portion Menschlichkeit zu bilden. Wenn ich bei einer Deutschmatura Textsorten abzuarbeiten habe, aber keinerlei Bezug mehr zur Literatur herstellen muss, dann ist das Ende einer humanen Gesellschaft nicht mehr weit. Literarisches Schaffen bietet uns Lesern eine wundervolle Reflexionsmöglichkeit, die klassischen Tragödien einen herrlichen Spiegel, was alles schief laufen kann, Katharsis, also Läuterung gratis, aber nicht umsonst, gleich inbegriffen.
Auch im Fall des strauchelnden Gesundheitssystems zeigt sich die Unmenschlichkeit, da es das Kranksein zur Norm macht und Gesundheit zur Ausnahme. Nicht umsonst sind die Götter in Weiß nahezu alle zu Übermenschen mutiert, die uns mit Hilfe von Pharmazeutika nur vermeintlich gesund machen wollen. Denn die mit Medikamenten verbundenen Nebenwirkungen machen uns in der Regel zu lebenslangen Kunden der Pharmaindustrie.
Und wenn der Sinn von Gesellschaft bloß darin besteht, dass wir Konkurrenz und Gegeneinander in den Mittelpunkt stellen und das – zwar ständig besprochene, aber niemals wirklich befeuerte – Miteinander außen vor lassen, dann verleugnen wir eine weitere Grundlage des Menschlichen, nämlich die Notwendigkeit zur Kooperation, um zu (über)leben. Wir sind einfach aufeinander angewiesen.
Auf diese Weise werden wir uns selbst entfremdet und sind nicht einmal mehr in der Lage, für uns selbst da zu sein bzw. uns selbst zu lieben. Immer müssen wir an uns selbst herummäkeln und und optimieren; ein weiterer Faktor, der ganze Industriezweige entstehen hat lassen, und uns einerseits in die Übermenschlichkeit und andererseits in die Unmenschlichkeit getrieben hat.
IV
Viel ist heutzutage auch von der Liebe die Rede. „Liebe geht raus!“ ist einer dieser nichts bedeutenden Sager, die man mittlerweile sogar bei Fußballübertragungen zu hören bekommt. Die Liebe ist immer schon missverstanden worden und bedarf einer kritischen Betrachtung. Auch sie muss aufs Menschliche zurück gestutzt werden, damit sie ihre wahre Wirkung entfalten kann.
In Luc Bessons Film „The Fifth Element“ endet der Versuch eine die Menschheit bedrohenden Katastrophe mit Bomben und Raketen abzuwehren mit einer bei jedem Einschlag sich vergrößernden Bedrohung. Erst die Bereitschaft, sich diesem Kampf gegen das Böse zu entziehen, um ihm mit liebevoller Menschlichkeit die Nahrung zu entziehen, führt zur Rettung der Welt.
Wieder eines dieser Beispiele, die man heutzutage gerne als naiv oder sogar als „Esoscheiß“ bezeichnet. Aber die Wahrheit ist so einfach. Einfach so.