„Hyvää itsenäisyyspäivää“ oder Was blieb von der Unabhängigkeit Finnlands?

Alljährlich am 6. Dezember – während sich in Österreich Krampus und Nikolo umtreiben - feiern die Finnen ihre 1917 erklärte Unabhängigkeit. Angesichts des NATO-Beitritt des Landes im Jahr 2023 ist dieser Nationalfeiertag allerdings bloße Makulatur. Außer man hält es mit jenen, die deswegen weiter feiern, weil seinerzeit damit die Abkehr von russischer Herrschaft verbunden war, in die man selbst um den Preis der neuen Abhängigkeit von den USA bzw. dem Westen nie mehr zurück kehren will. Versuch einer Bestandsaufnahme. Von Michael Karjalainen-Dräger

Erst sieben Jahre ist es her, dass die Finnen den 100. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit gefeiert haben, auf dessen Basis der bis 2023 blockfreie Staat aufgebaut war, der sich durch seine Äquidistanz in den Beziehungen zu Ost und West auszeichnete. In diesen Jahren konnten friedensstiftende Aktivitäten wie die von 1972-1975 in Helsinki abgehaltene 1. Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) stattfinden, die eine Folge von blockübergreifenden Konferenzen der europäischen Staaten zur Zeit des Kalten Krieges war; oder einer wie Martti Ahtisaari groß werden, der ob seiner zahlreichen zuerst als Politiker und dann als Chef der von ihm gegründeten Friedensorganisation CMI (Crisis Managment Initiative) initiierten und erfolgreich gestalteten Friedensgespräche, etwa in Bosnien-Herzegowina oder dem Kosovo, später im Irakkonflikt zwischen Sunniten und Schiiten, im Jahr 2008 mit dem Friedesnnobelpreis ausgezeichnet wurde. Eine für Österreichs Geschichte interessante Begebenheit war sein Wirken als einer von „drei Weisen“, die 2000 die Auswirkungen der ÖVP-FPÖ-Regierung unter Wolfgang Schüssel für die EU prüften.

Ein unabhängiger finnischer Staat besteht tatsächlich erst seit knapp mehr als hundert Jahren. Das Gebiet, von dem ursprünglich nur einige Küstenstreifen besiedelt waren, wird im Mittelalter von den Schweden, die ihr Herrschaftsgebiet über die Ostsee ausdehnten, besetzt. 1809 erringen dann die Russen die Macht über das heutige Finnland, die Finnen bekommen eine autonome Verwaltung, ein eigenes Postwesen und eine eigene Armee. “Finnland ging es gut unter der russischen Herrschaft”, sagt Historiker Hecker-Stampehl in einem Beitrag des WDR anlässlich des Jubiläums im Jahr 2017. Allerdings nur bis zum Jahr 1881, den die Nachfolger des ermordeten Zahren Alexander II. heben die Privilegien des Landes auf. Von da an wächst von Jahr zu Jahr der Wunsch nach Unabhängigkeit von Russland, der dann im 1. Weltkrieg seinen Höhepunkt erreicht; antizaristische Unruhe schwappen nach Finnland über und als im November 1917 die bolschewistische Revolution die Zarenherrschaft beendet, nutzt das finnische Parlament die Gelegenheit, um am 6. Dezember die Unabhängigkeit des Landes zu erklären. Revolutionsführer Lenin stimmt dieser Erklärung zu, das Land allerdings ist gespalten. So beginnt im Jänner 1918 ein bis Mai desselben Jahres dauernder Bürgerkrieg zwischen den Roten Garden und der Weißen Armee, der insgesamt rund 40.000 Menschen (davon rund je 10.000 in direkten Kampfhandlungen bzw. durch Hinrichtungen, der Rest durch Tod in Internierungslagern oder durch die Folgen der Internierung) das Leben kostet; dieser wird mit Hilfe der Deutschen zu Gunsten der „Bürgerlichen“ entschieden. 1919 finden die ersten freien Wahlen im Land statt, der Unabhängigkeitstag wird deklariert und zehn Jahre später auch als Nationaler Feiertag etabliert.

Über hundert Jahre war man stolz auf die Blockfreiheit, bis mit dem Einmarsch russischer Truppen in der Ukraine Ende Februar 2022, die Angst vor einem Überfall Russlands, mit dem Finnland eine 1400 km lange Grenze verbindet, zum Thema in der veröffentlichten Meinung wurde. Schon bald gab es Meinungsumfragen, die einen Schwenk der Bevölkerung hin zu einem NATO-Beitritt des Landes suggerierten, die Rede war von einer auf 60% angestiegenden Zustimmung zu diesem Schritt. Und tatsächlich gaben die Finnen innerhalb von knapp mehr als 13 Monaten dieses Alleinstellungsmerkmal auf, am 4. April 2023 wurde der Beitritt zum transatlantischen Militärbündnis besiegelt. Weder in der Politik, noch in den Medien – und auch nicht in der Bevölkerung - gab es Proteste dagegen. Seither rollt die NATO-Militärmaschinerie im Land und bei genauerer Betrachtung stellt sich die Frage, ob die Sicherheit des Landes dadurch wirklich größer geworden ist. Man könnte auch zur gegenteiligen Ansicht gelangen, da man nun als Teil der westlichen Allianz gilt, die sich auf Biegen und Brechen mit Russlands Präsident Putin und seinen Strategen anlegen will.

Diesem gelingt es aber immer wieder, die Politiker des Landes zu überraschen, wenn nicht sogar zu beschämen. War man davon ausgegangen, dass nach dem NATO-Beitritt Finnlands, russische Schulden nicht mehr beglichen würden, so musste man kürzlich kleinlaut eingestehen, dass bislang alle offenen Posten zeitgerecht bezahlt wurden; die dafür in der Staatskasse gebildete Rückstellung konnte dadurch schon großteils aufgelöst werden. Über den Schaden für die finnische Wirtschaft, der von einem Tag auf den anderen, sämtliche Verbindungen zum östlichen Nachbarn gekappt wurden, herrscht öffentlich Stillschweigen. Auch das Problem mit den mit russischen Komponenten gebauten Atomkraftwerken soll laut verantwortlichen Stellen gelöst sein, es haben sich demnach Partner im Westen gefunden, die notwendige Ersatzteile liefern.

Mit den in den letzten beiden Jahren aus einer Mischung aus Panik und politischem Kalkül gesetzten Schritten hat man sich auch endgültig der Chance beraubt, im nun täglich anschwellenden neuerlichen West-Ost-Konflikt, als dringend notwendiger, erprobter und auch vertrauenswürdiger Vermittler zu fungieren. Der Fall Finnlands (in die Hände des Westens und der USA) hat einen Graben geschaffen, der wohl lange nicht wieder zugeschüttet werden kann – wenn überhaupt. Das ist meine traurige und gleichzeitig erschreckende Bilanz zum heurigen Unabhängigkeitstag Finnlands.

Und obwohl ich in jeder Situation Perspektiven zu finden im Stande bin, so gelingt mir das im Moment in diesem Fall nur schwer oder gar nicht; weil es letzten Endes von den Menschen abhängt, die sich für andere Lösungen engagieren – und die gibt es aktuell in diesem Land im Norden meiner Wahrnehmung nach nicht bzw. trauen sie sich noch nicht, ihr Gesicht zu zeigen.


Bildrechte:

mkd.report[s], Michael Karjalainen-Dräger, CC BY-SA 4.0
Finnland: Bild von Kjrstie28) auf Pixabay28)

Martti Ahtisaari: Johannes Jansson/norden.org, CC BY 2.5 DK \https\://creativecommons.org/licenses/by/2.5/dk/deed.en, via Wikimedia Commons

Leonid Breschnew und Gerald Ford in Helsinki: National Archives and Records Administration, Public domain, via Wikimedia Commons

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