Geschreddert in der Wissenschaft! Teil 3: Die Folgerungen

Inwiefern erzählen die beiden Geschichten über das geschredderte Buch (Teil 1) und die geschredderte Professur (Teil 2) strukturell das Gleiche? Und: Was folgt daraus? Der letzte Teil dieser autobiographischen Notiz (3/3).

Auslöser für diesen Text über zwei Geschichten meinen Lebensteppichs (Teil 1 und Teil 2) war ein unerwartetes Gespräch am Rande einer Gerichtsverhandlung Anfang Juli vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg, wo meine Kollegin Anke Uhlenwinkel immer noch um ihr Recht kämpft. Seit fast 14 Jahren.

Ich war als Beobachterin dort und traf einen Kollegen aus Berlin, den ich lange nicht gesehen hatte. Später im Café erzählte er mir, dass er, bevor wir uns persönlich kennenlernten, viel von mir gehört habe. Stets mit großer Anerkennung, wenn es um das kleine Institut dort im wilden Süden Österreichs ging. Was ich dort auf die Beine gestellt hätte, sei so beeindruckend. Aber die Empörung einiger Kollegen über dieses Buch! Selbst nach Jahren noch mit Eifer vorgetragen. Welches Buch? Na, das über die Theorie der Geographie!

Beides – die Anerkennung jener Kollegen und die Empörung anderer Kollegen – waren mir neu. Ich hörte das zum ersten Mal.

Erst auf dem Weg nach Hause entfaltete sich die strukturelle Ähnlichkeit der Geschichte des Buches mit der Geschichte meiner Professur. Ich staunte über das, was sich in mir als Bild entfaltete. Dann musste ich lachen und dachte: Das Universum – oder wer auch immer im Hintergrund von all dem steckt, was IST– hat wirklich Humor. Ja, Humor, Ironie und ganz offensichtlich großen Spaß am Fabulieren. Es versteckt seine Botschaften in fein orchestrierten Inszenierungen, deren Entschlüsselung oft gelingt, wenn sie gar nicht beabsichtigt ist.

Nehmen wir die Anerkennung und die Empörung, über die mein Kollege sprach. Heute frage ich mich, warum ich nie davon gehört hatte. Was ich wahrgenommen hatte, war … Schweigen. Immer wieder dieses Schweigen … Ein Schweigen, das ich im Kontext der Entlassung als so laut empfand, dass ich das Gefühl hatte, taub davon zu werden.

Oder hatte ich anderes vielleicht gar nicht wahrgenommen? Ausschließen kann ich das nicht. Ich erinnere mich daran, an einigen Stellen in meinem Leben Entscheidungen getroffen zu haben, die diese Form der Nicht-Wahrnehmung durchaus ermöglichen.

Gleich zu Beginn meiner Professur zum Beispiel: Ich schaute mir die Situation an der neuen Universität in den ersten Wochen genau an, sprach mit Mitarbeitern (sofern welche auftauchten) und mit vielen anderen Menschen im Umfeld des Instituts, sogar österreichweit, und wunderte mich immer mehr, wohin ich da geraten war. Nach etwa drei Wochen zog ich eine erste Bilanz und kam zu dem Schluss, dass es sein könnte, dass an meiner neuen Wirkungsstätte alle kollektiv verrückt seien. Das Falschfahrer-Phänomen tauchte auf und ich prüfte die Möglichkeiten, ob nicht eher ich selbst das Problem sei. Nach reiflicher Überlegung beschloss ich, dass ich die Hypothese eines kollektiv Verrücktseins gelten lassen wollte, bis ich andere Evidenz erkennen konnte. Wenn das zuträfe, dann hätte in der Folge nichts von dem, was dort geschieht, etwas mit mir zu tun.

Aus heutiger Sicht verdanke ich es wohl dieser Entscheidung, dass es acht Jahre dauerte, bis ich entlassen wurde. Und dies obwohl bereits an dem Tag meines Dienstantritts ein Kollege eine Art Akte über mich zu führen begann (wovon ich erst Jahre nach meiner Entlassung erfuhr) und allerhand veranstaltete, um mich zu unangemessenen Reaktionen zu bringen. Wie sich später herausstellte, war er nur einer von mehreren, die merkwürdige Dinge mit diesem Ziel unternahmen. Ich nahm das zwar wahr, allerdingst das Wenigste davon ernst, musste sogar oft lachen, ob der Absurditäten, die ihnen eingefallen waren.

Dass der Vorwurf, der zu meiner Entlassung führte, dann ausgerechnet auf Mobbing lautete, verstehe ich heute wiederum als eine Ironie jenes humorigen Universums.

Das Muster …

Die beiden Geschichten aus Teil 1 und 2 habe ich in erster Linie mir selbst erzählt. Um in einer Art Selbstklärung die Strukturen herauszuschälen. Vieles bleibt unerzählt. Menschen, die in beide Geschichten eingewoben waren. Freundschaft, Intrigen, Verrat, Betrug, enttäuschte Liebe inklusive … Fast eine griechische Tragödie.

Der Versuch, die intuitiv wahrgenommene Struktur der zwei Facetten meines Lebens sprachlich zu fassen, führte zu Überschriften, die – wie mir erst jetzt klar wird – die universelle Abfolge des Lebens selbst beschreiben: Werden – Reaktionen – Vernichtung. Andere Begriffe für Geburt – Leben – Tod.

Jeder Teil meines Lebensteppichs wird so zu einem Fraktal. Jedes stellvertretend für jedes andere, ebenso wie für das Ganze. Jedes einzelne dem anderen so selbstähnlich, dass ausreichte, eines genau anzuschauen, um alles zu sehen. Und doch reiht das Leben Fraktal an Fraktal, ineinander verwoben und klar voneinander getrennt. Immer die gleiche Geschichte, jeweils in anderem Gewand, jeweils mit einem anderen Inhalt und doch … immer dasselbe.

Lasse ich die Geschichten einmal weg und fokussiere mich auf den Extrakt des Erlebten, tritt klar das Muster meiner Persönlichkeit hervor:

  • Die Suche nach Orientierung. Nach Regeln. Danach, was mich halten könnte (die vielen Fragen bereits als Kind und was sich durch mein Leben zieht).
  • Gleichzeitig: Die Orientierung an meiner inneren Ausrichtung, meinem Kompass, an dem, was ich für richtig halte und nicht an dem, was andere meinen. Ich habe eine klare Vorstellung von dem, was ich für richtig und falsch halte. Dieses Urteil fällt schnell, fast automatisch. So schrieb ich das Buch und so füllte ich die Rolle der Professorin aus. So handelte ich in meinem Alltag.
  • Die Suche nach Freiräumen, nach Freiheiten um jeden Preis (ein Buch schreiben, wenn der Körper vor Schmerzen weder ein noch aus weiß; meine eigenen Forschungsfragen verfolgen, obwohl ich in diesem Ein-Professorinnen-Institut für etwa 450 Studierende verantwortlich war; ein unverschämt großes Fest feiern in einer mir grundsätzlich abträglichen Umgebung …).

Soweit kling das vielleicht ganz gut. Nach dem Versuch eines geradlinigen, selbstbestimmten Lebens, obwohl ich “im System diente” und fast erstickte an der Bürokratie und der Menge an Zumutungen, mit denen Professoren mittlerweile beschäftig gehalten werden. Nach einem „Trotzdem“, auch wenn ich jenen Anteil an „Trotz“ erst heute wirklich sehen kann.

… und wie es Leid erzeugt

Gleichzeitig haben eben genau diese Aspekte meiner Persönlichkeit einen Preis. Das klare, sicher Urteil beispielsweise, das schnell, ja automatisch fällt. Es schließt sofort andere Möglichkeiten aus, trennt sie ab, erlaubt keine Spielräume und erzeugt auf diese Weise eine Rigidität, eine Sturheit, die Signale eines Weges, der leichter wäre, unsichtbar werden lässt. Türen, die sich in anderer Richtung öffnen, nicht sehen kann. So rannte ich gegen jede Wand, die auch nur annähernd in meiner Richtung stand. Ich fand sie, garantiert.

In den beiden Geschichten auch ganz deutlich: die Härte, die es brauchte.

Härte, um all das zu bewältigen. Es durchzustehen.

Härte. Schon in der Kindheit und Jugend. Härte. Gegen mich selbst, und, ja, damit zwangsläufig auch gegen andere. Das Buch, unter Schmerzen geboren. Die Wissenschaftlerin, unter Schmerzen geboren (und für tot erklärt). Die Professorin, gestartet in einem Umfeld, das ich als kollektiv verrückt erklärte, um einen Standpunkt zu finden, aus dem heraus ich ein Institut entwickeln konnte, dass wenige Jahre später eines der forschungsstärksten der gesamten Universität war. Soviel Härte. Vor allem mir selbst gegenüber.

Nicht davon tat mir gut.

Und gleichzeitig sah ich keine Möglichkeit, einen anderen, einen weicheren Weg einzuschlagen.

Danach zu fragen, was es ist, was ich eigentlich möchte. Und ob das, was ich da jeweils tat, mir mehr von dem bringt, was ich eigentlich möchte.

Der Weg

Die Entlassung – ein Schlüsselerlebnis.

Erst im Rückblick sehe ich, wie sehr es mir den Boden unter den Füßen weggezogen hatte. Wie tief es das Vertrauen in mich selbst erschütterte. Wie ich anfing zu glauben, dass nichts von dem, was ich in meinem Leben gemacht hatte, gut war (diese Überraschung, die Würdigung „meiner Leistungen“ im Video zu hören, in Teil 2).

Bei anderen: Automatisch die Vermutung, dass doch etwas dran sein müsse, an den Vorwürfen. Es muss etwas Erhebliches vorgefallen sein. Ein Rektor spricht doch nicht einfach so eine fristlose Entlassung aus. Schließlich steht er einer Institution vor, die sich der Wahrheitssuche verpflichtet hat. Eine Entlassung aus willkürlichen Gründen? Als Schurkerei? So ganz ohne rechtsstaatliches Verfahren? Das kann es doch nicht geben. Undenkbar. Ich musste also etwas wirklich Schlimmes getan haben.

Die Scham. Sie ist da. Unweigerlich. Unausweichlich Auch wenn ich gleichzeitig immer wusste, dass ich nichts von dem, was mir vorgeworfen wurde, getan hatte.

Scham. Dieses abgründigste Gefühl, das man nicht aushält, wenn es da ist. Geschweige denn, darüber sprechen kann. Das Gefühl, an der Scham zu ersticken. Mich verkriechen zu wollen. Nie wieder über diese Zeit auch nur nachdenken zu wollen. Geschweige denn, darüber sprechen. Oder schreiben.

Ich erlebte die Zeit der Entlassung als einen sozialen Mord. Ich war nicht nur beruflich plötzlich tot, sondern gezielt getötet worden. Mit einer Inszenierung und freihändig formulierten Vorwürfen. Eine tatsachenorientierte Untersuchung auf der Grundlage üblicher rechtsstaatlicher Prinzipien hätte das in Null-Komma-Nichts aufklären können. Aber es war Abträglichkeit und Niedertracht im Spiel. Dann haben Sie keine Chance.

Ein sozialer Mord ist eine Erfahrung der anderen Art. Anders als bei einem Mord, der den Körper dahinrafft, erleben Sie mit, wie danach über Sie gesprochen, geschrieben und in jedem Fall: geurteilt wird. Jeder weiß etwas anderes, was Sie getan haben. Strafrechtlich relevantes in jedem Fall. Etwas wirklich Schlimmes. War da nicht auch etwas mit Geld? Drittmitteln? Sexueller Belästigung?

In Ihrer Gegenwart … Schweigen. Betretenes Wegsehen. Kein Nachfragen. Weitere Beschämung.

Eine wirklich spezielle Erfahrung. Eine, die ich, offen gesagt, lieber in einem Roman oder im Kino wahrgenommen hätte. Kafka zu lesen fand ich schon immer anstrengend. Kafkas Protagonistin zu sein … darauf hätte ich gerne verzichtet.

Das Ausgeliefertsein ist etwas, das wir auch in der Studie zur Entlassung von Professoren von all unseren Studienteilnehmern hörten. Die Willkür. Die Hilflosigkeit. Eine Entlastung zu hören, dass es anderen auch so ging. Dass man „kein Einzelfall“ ist, sich vielmehr ein Muster zeigt, das über den Einzelnen hinaus deutet.

Über die Scham sprachen wir nicht. Aber die Beschämung war gegenwärtig. Sie ist Teil der Vernichtung.

Keiner der wenigen Professoren, die ihren Fall überhaupt vor Gericht brachten, hat übrigens bislang substantiell in einem Verfahren gewonnen (wie das geht, kann man beispielsweise in der Akte Guérot nachlesen).

Soziale Morde, von der Justiz gedeckt. Oder zumindest: nicht aufgedeckt.

Der Ausweg

Haben Sie sich schon einmal Bilder von Fraktalen angesehen? Richtig in sie vertieft? Sie zeigen eine Schönheit, die sprachlos macht. Welche Perfektion! Welche Ästhetik! Welche Klarheit! Welche Einheit im (vermeintlichen) Getrennt-Sein!

Man sieht das nur mit etwas Abstand.

Ähnlich geht es mir mit den beiden Fraktalen meines Lebensteppichs. Mit etwas Abstand sehe ich die Schönheit der Architektur der Geschichten. Die Ebenen, die Schichten, die Kanten, Rundungen und Ecken. All das, was meiner Persönlichkeit die optimale Entfaltung geboten hat.

So viel Anstrengung, so viel Kampf, so viel Leid.

Jeder Tag ein neues Angebot. Welch ein Theater! Welch eine Inszenierung!

Wenn zutrifft, dass wir bei unserer Inkarnation selbst eine Situation wählen, in der wir bestimmte Erfahrungen machen wollen, dann habe ich für meine Eintrittskarte in diese Inkarnation tatsächlich einen fantastischen Gegenwert erhalten!

Die eigene Persönlichkeit kennenzulernen und zu verstehen, ist der Beginn für den Ausweg. Den Weg aus der Härte (oder was immer Ihr Thema ist). Raus aus der immergleichen Erfahrung.

Die Möglichkeit zu entdecken, dass ich wählen kann. Ganz grundsätzlich: Wählen. Auch, und ganz besonders: welche Erfahrungen ich in meine Welt ziehen möchte. Wie meine Reise mit diesem Ticket weitergehen soll.

Die Entdeckung, dass ich nicht meine Persönlichkeit BIN. Sondern sie das Kostüm ist, in der ich diese Inkarnation verbringe. Ein Kostüm, das so tut, als sei es das, was ich BIN. Aber es ist eben nur das: ein Kostüm. ICH bin etwas anderes.

Die eigene Persönlichkeit zu kennen, ist der Startpunkt, von dem aus diese Art Entdeckungsreise*** losgehen kann.

Es ist, soviel kann ich sagen, eine großartige Reise.


*** Für Reiselustige: Eine Karte zur eigenen Persönlichkeit gibt einem das Enneagram. Eine Bedienungsanleitung für die eigene Persönlichkeit gibt einem Claudia Graf und die IPSE-Methode.


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