Der letzte Text war eine kleine, wilde intellektuelle Achterbahnfahrt. Dieser Text vertieft Resonanz als schwingendes System, Bewusstsein als emergentes Rätsel und fragt nochmals; Wie entsteht "das Neue"?
Die Antwort lauert in der Auflösung alter Risse. Lassen wir dort etwas Licht hineinscheinen – ein schüchterner Strahl zunächst, der die starren Konturen der Getrenntheit weichzeichnet und die Kluft überbrückt zwischen dem isolierten „Ich“ und der (resonanten) Welt.
Der Ursprung der Trennung: Descartes und das mechanistische Erbe
Beginnen wir Descarts. Sein Dualismus (res cogitans vs. res extensa) wäre ein genauso naheliegender Einstieg gewesen in den letzten Text wie Newton, um das “Hard Problem” des Bewusstseins früh zu framen – woher kommt dieses “Ich denke, also bin ich” inmitten einer mechanischen Welt?
Descarts sah den Körper als Maschine, eine hydraulische Puppe mit Geist als unsichtbarem Steuermann. Philosophisch ist er der Urvater der Trennung von Geist und Materie (oder dem Leib-Seele-Problem) die mein vorheriger Text gerade aufzulösen versucht. Genau diese Kluft – Geist drin, Materie draußen – hat die Wissenschaft fragmentiert. Der Beobachter wird neutral, der misst, ohne zu stören. Und wir erben heute ein Denken in Silos: Physik trennt sich von Philosophie, Neurowissenschaften von Ethik, Quanten-Computing von Bewusstseinsfragen.
Stell dir Descartes als einen der ersten Programmierer vor: Input ist die res extensa, die erweiterte Materie mit festen Gesetzen; Output die res cogitans, der denkende Geist, der zuschaut. Doch der Code hat einen Bug – es fehlt das Qualitative des Erlebens. Der Mensch ist nicht nur denkend, sondern mindestens ebenso fühlend. David Chalmers benennt das später als „Hard Problem“, indem er fragt: „Wie fühlt es sich an, eine Fledermaus zu sein?“
Mit dieser Frage zielt er auf die Qualia ab. Denn wir können noch so genau „verstehen“ (res cogitans), wie eine Fledermaus mittels Schall navigiert (res extensa) – erleben werden wir es nie. Qualia, das phänomenale Bewusstsein, überwindet Descartes’ Trennung durch Beziehung: Sinneswahrnehmung, verbunden mit Emotionen und Bewertung, bildet die Basis des Bewusstseins. Qualia meint die individuellen Empfindungen, die nur dem wahrnehmenden Subjekt zugänglich sind und sich nicht vollständig in Worte fassen lassen.
Descartes’ Dualismus zerfällt, sobald wir annehmen, dass Realität durch Beziehung wird – nicht isoliert, sondern verflochten. Hier entzündet sich das Neue: in der Auflösung der alten Trennung von Körper, Seele und Geist; im mutigen Vertrauen, dass nicht alles, was ich wahrnehme, in Worte gezwängt werden muss. Es beginnt im Glauben an mich als Individuum – untrennbar, wie der Begriff selbst verrät – und an die rohe Kraft meines Erlebens.
Weiter geht’s: Dürr, Bohm und die Auflösung der Materie
Doch was, wenn die Maschine selbst nur eine Illusion ist?
Hier kommt Hans-Peter Dürr ins Spiel, den ich im letzten Text unterschlagen habe: „Es gibt keine Materie, alles ist Energie und Form.“
Das lassen wir mal wirken – Dürr dreht Dualismus von innen auf.
Dürr, ehemaliger Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik und Schüler Heisenbergs, gelangte nach 50 Jahren Forschung zu diesem Schluss. Materie ist nicht aus Materie aufgebaut. Was wir als feste Teilchen wahrnehmen, sind bloße Beziehungsstrukturen – Form ohne Substanz. „Im Grunde gibt es nur Geist“, sagte er einmal. Die Welt besteht nicht aus Dingen, sondern aus Potenzialität – aus dem, was möglich ist, nicht aus dem, was ist. Materie ist geronnene Form, gefrorene Potenzialität, die aus einem schöpferischen Urgrund quillt. Jeder Moment ist eine neue Schöpfung, keine mechanische Fortsetzung des Vorherigen. „Die Zukunft ist nicht die verlängerte Vergangenheit“ – das war einer seiner Lieblingssätze.
Für das Bewusstsein bedeutet diese Erkenntnis: Es kann kein bloßes Produkt der Materie sein, weil Materie selbst nur eine Erscheinungsform von etwas Fundamentalerem ist. Dürr sprach von „Wirks“ statt Teilchen – von reiner Verbundenheit und Beziehung. Resonanz ist in dieser Sicht keine Interaktion zwischen Getrenntem, sondern das Aufscheinen einer fundamentalen Verbundenheit, die immer schon da war. Verstärkt sie sich zu Emergenz, schöpfen wir daraus aus der Potentialität. Somit ist nichts wirklich “neu”, weil alles bereits ist.
Dürr steht nah an Faggin und Kastrup, schlägt aber die Brücke zwischen etablierter Physik und Radikalem. Ergänzt durch David Bohm, der ebenfalls fehlte, entsteht ein kohärenter Sprung. Bohm, Quantenpionier und Philosoph, plädierte für eine „implizite Ordnung“. Jenseits der fragmentierten expliziten Welt – kollidierender Teilchen – liegt eine verborgene Ganzheit, ein holografisches Feld, in dem alles mit allem verbunden ist. Verschränkung ist für Bohm kein „spukhafter Zufall“, sondern Ausdruck dieser Tiefe: Wie Wellen im Ozean, die scheinbar getrennt rollen, doch aus demselben Wasser aufsteigen. Bei Bohm wird Wissenschaft zu resonanter Methode – zum Dialog statt zum isolierten Monolog. Er sah Fragmentierung als Wurzel des Chaos und Holismus als Heilmittel.
In der Zusammenschau von Dürr, Bohm, Faggin und Kastrup zeigt sich: Physik führt uns an die Grenze, wo Trennung aufhört, Sinn zu machen. Resonanz wird dann nicht nur Mitschwingen, sondern Mitschaffen: Aus dem Urgrund quillt das Neue, sobald wir die Getrenntheit durchbrechen. Vom Fragment (Ich) zum Ganzen (Wir).
Vertrauen wir darauf, dass Potenzialität nicht linear, sondern vernetzt quillt – implizite Ordnungen weben sich durch Dialog, nicht Isolation.
Im Dialog mit mir selbst hüte ich mich, mein Denken oder Fühlen zu zensieren.
Im Dialog mit anderen – zensurfrei, radikal aufrichtig. Denn selbst das, was ich nicht verstehe, ablehne, bekämpfe, verurteile oder verdränge, ist Teil des Ganzen und damit Teil von mir.
Und das kann dissonant sein.
Aber jede Dissonanz ist mir mittlerweile eine Einladung: genauer hinzuschauen, hinzuspüren, daran aufzuwachen – für das vielleicht Unbekannte, Unverstandene.
Für das Neue?
Getrenntheit überwinden wir, indem wir bei uns selbst beginnen.
In dem wir uns von Resonanz anrufen lassen und die Dissonanz wie ein unerwarteter Akkord in der Symphonie des Ganzen nachschwingen lassen.
Vom Ich. Zum Du. Zum Wir.