Freie Medienakademie VII

Wochenbericht: 15. bis 21. November. Mit Tove Soiland und Hannah Arendt, Post-Vac und alternativer Geschichtsschreibung.

Wien im Nebel. So ist das im Herbst. Eingeladen hat die Initiative „Demokratie und Grundrechte“, ein loser Haufen ohne Pipapo. Thema: „Totalitarismus neuen Typs: Krieg & Manipulation“. Der Ort nimmt etwas Druck vom Kessel: Das Martins-Schlössl wirkt wie aus der Zeit gefallen und auf jeden Fall weit weg von den Aufgeregtheiten des Tages. Ein Achtel Wein, Gulaschsuppe, Schnitzel.

Und Tove Soiland, eine Psychologin aus der Schweiz, von der ich gerade das Buch „Progressive Landnahme“ gelesen habe und die den gut hundert Wienern an den Holztischen nun erklärt, was falsch läuft in der Linken und was das mit den US-Diensten zu tun hat. Totalitarismus, sagt sie, ist die Vollendung von Liberalismus und Kapitalismus. Das wir das nicht sehen würden, habe mit einer Begriffsverschiebung zu tun und hier vor allem mit Hannah Arendt. Soiland spricht über das Kriegsende und über die Systemkonkurrenz, die einfach umgedeutet worden sei in einen Kampf zwischen Totalitarismus und „freier Welt“, unterfüttert mit einer Erfindung: individuelle Freiheit, bei den Kommunisten genauso wenig zu haben wie bei den Nationalsozialisten.

Die alte Linke hätte gesagt: im Kapitalismus erst recht nicht, aber die Etikettenschwindler haben gewonnen und nebenbei eine neue Linke erschaffen, die nicht mehr nach Besitz und Eigentum fragt. Spannend, zumal es bei Tove Soiland auch um den Kongress für kulturelle Freiheit geht, ein CIA-Geschöpf, das über Zeitschriften wie Der Monat die Deutungshoheit übernahm. Ob Hannah Arendt im Auftrag handelte oder benutzt wurde, bleibt im Martins-Schlössl offen.

 

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Texte

Das Monster schläft nur. Noch eine Veranstaltung, diesmal ganz bei uns in der Nähe. Jörg-Heiner Möller, gerade noch Chefarzt in Burglengenfeld, hat in Straubing vor vollem Haus über seine Post-Vac-Patienten gesprochen. Ein Bericht von Antje Meyen.

Das Phänomen Drosten. Marcel Barz (der „Erbsenzähler“) war im sächsischen Corona-Ausschuss, ist eingeschlafen und hat aufgeschrieben, was er träumen durfte.  

Gorbatschow und Gödelitz. Der dritte Bericht vom Montag, diesmal aus Köln, wo der neue Film von Ralf Eger Premiere hatte. Bastian A. Werner war dabei – und tief berührt.

Sowjetisierung der Debatte. Die Schweiz als Insel der Seligen? Mitnichten – zumindest nicht in Sachen Plattform-Zensur. Michael Straumann über ein Gesetz, bei dem die EU Pate stand.

Gesinnungsdemokratie? Ein merkwürdiger Wortzwitter, ja. Donar Rau musste kreativ werden, um die Rede zu verarbeiten, die Frank-Walter Steinmeier am 9. November gehalten hat.

Erlernte Hilflosigkeit. Felix Feistel schaut in seiner Kolumne Oben & Unten ganz anders auf das Digitalgefängnis. Wer der Technik und ihren Regeln folgt, sagt er, der hat schon verloren.  

Alternative Geschichte. Beate Broßmann über Dominik von Ribbentrop: „Verstehen. Kein Verständnis. Anmerkungen eines Enkels“. Ein Text, der es in sich hat – genau wie das Buch.

Legal, illegal, der EU egal. Helge Buttkereit hat am Medien-Tresen schon einmal über die EU-Sanktionen gegen Thomas Röper, Alina Lipp und Hüseyin Doğru berichtet. Jetzt gibt es ein Gutachten, bezahlt vom BSW, das sagt: Brüssel verstößt hier gegen EU-Recht. Folgen? Keine. Immerhin, sagt unser Autor: “Das Märchen von der Democracy made in Brüssel” wird immer unglaubwürdiger.

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Videos

Seit Freitag online: mein Gespräch mit Jürgen Müller, einem Aktivisten aus München, der einst für den Klimanotstand trommelte und dann all seine Mitstreiter verlor, als er erst bei Corona Fragen stellte und dann in Sachen Krieg. Fünf Jahre im Schnelldurchlauf, die ohnehin wie im Flug vergangen sind. 

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Kurse

Ich habe diese Woche etwas Neues ausprobiert. Arbeitstitel: „Still bleiben, dagegenhalten, weglaufen? Wie wir im Gespräch bleiben“.

Der Medien- und Propagandaforscher auf Abwegen sozusagen, denn der Austausch von Angesicht zu Angesicht gehört nicht zu meinen Forschungsschwerpunkten und war deshalb bisher auch nicht Teil des Kursprogramms. Das könnte sich jetzt ändern, wenn es die entsprechende Nachfrage gibt. Der Testlauf mit 23 Leuten hat sechs Stunden gedauert. Hinterher Zufriedenheit auf beiden Seiten.

Für Wiederholungen brauche ich einen Raum und natürlich Teilnehmer vor Ort, 15 bis maximal 25. Anfragen gern per Mail, wie auch Bewerbungen für das sonstige Programm.

Sonstiges

Lang hat es gedauert, aber nun könnte es doch noch vor Weihnachten fertig sein: ein Buch über die „Medienskepsis in Ostdeutschland“, das sich auf Gruppendiskussionen vor Ort stützt und außerdem seziert, wie Bautzen zu „Brown Under“ wurde. Eher akademisch, aber auch mit zwei Interviews (Wilhelm Domke-Schulz, Jörg Drews) und vielen Stimmen.

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Links

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