Das »arabische Problem«

Die Ursprünge des Zionismus und seine heutigen Folgen. Von Tom-Oliver Regenauer (Teil 2/3).

Autor: Tom-Oliver Regenauer. Dieser Beitrag wurde mit dem Pareto-Client geschrieben. Sie finden alle Texte der Friedenstaube und weitere Texte zum Thema Frieden hier. Die neuesten Pareto-Artikel finden Sie auch in unserem Telegram-Kanal.


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Zionistische Theorie

 

Die Gewaltbereitschaft von Jabotinskys Organisation überrascht nicht wirklich, wenn man weiß, das gerade der zionistische Revisionismus der 1920er stark von Mussolinis Faschismus in Italien inspiriert war. Siehe Artikel der Haaretz vom 20. Juli 2019 mit dem Titel* »Als die Juden Mussolini verehrten und Nazis unterstützten: Lernen Sie Israels erste Faschisten kennen*«. Jabotinsky sah im faschistischen Italien eine aufstrebende Macht, die er als natürlichen Alliierten verstand (S.150). So gründete er 1934 und in Abstimmung mit Benito Mussolini die Betar Naval Academy in Civitavecchia (Italien), um Kadetten aus aller Welt für die israelischen Seestreitkräfte auszubilden. Groß-israelisch orientierte Revisionisten wie Jabotinsky berufen sich auf die ursprünglichen Ziele des Zionismus und lehnen jegliche Kompromisse mit der arabischen Bevölkerung hinsichtlich der jüdischen Besiedlung Palästinas ab.

 

Nachzuvollziehen ist diese Position unter anderem in Jabotinskys 1923 für Rasswet, eine zionistische Zeitschrift)) und zunächst auf russisch publizierten Essay »Die Eiserne Mauer (Wir und die Araber)«. Jabotinsky war der Ansicht, dass die arabische Bevölkerung Palästinas niemals freiwillig eine jüdische Mehrheitsbevölkerung akzeptieren würde und für die Übernahme ihres Landes seitens der Zionisten auch keine »Gegenleistung« zu erbringen sei. Daher müsse die zionistische Kolonisierung entweder aufhören – oder ohne jegliche Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung vorangehen. Und Zweiteres ist augenscheinlich der Fall. Diese »versteckten Wurzeln von Israels faschistischer Vergangenheit« waren unter anderem Thema eines Beitrags des Middle East Monitor vom 27. Januar 2020. Obwohl man in Anbetracht von Betars Aktivitäten in den Vereinigten Staaten und dem fortgesetzten Genozid in Gaza wohl kaum noch von einer »faschistischen Vergangenheit« sprechen kann.

 

Eine Woche nach »Die Eiserne Mauer« veröffentlichte Jabotinsky eine Ergänzung mit dem Titel »Die Ethik der eisernen Mauer«. Darin erklärte er:

»Es ist ein Akt einfacher Gerechtigkeit, denjenigen Nationen einen Teil ihres Landes zu entfremden, die zu den großen Landbesitzern der Welt gehören, um einem heimatlosen wandernden Volk einen Zufluchtsort zu geben. Und wenn ein solch großes Land besitzendes Volk sich widersetzt, was ganz und gar normal ist, muss es mit Zwang dazu gebracht werden, zuzustimmen. Gerechtigkeit, die mit Zwang durchgesetzt wird, hört nicht auf, Gerechtigkeit zu sein. Dies ist die einzige Politik gegenüber den Arabern, die wir für möglich halten. Was Verträge betrifft, werden wir später Zeit haben, darüber zu diskutieren

 

Im Lichte solcher Statements ist es umso verwerflicher, wenn Betar USA sich auf der eigenen Webseite bis heute offen zur Ideologie von Jabotinsky bekennt und Schlüsselfiguren der Organisation in der Grayzone-Dokumentation damit prahlen, für »die meisten« von der Trump-Regierung durchgeführten Deportationen wegen Antisemitismus verantwortlich zu sein. Denn Ikonen des Zionismus wie Jabotinsky machten – im Gegensatz zu heutigen Lobbyorganisationen wie AIPAC und ADL – nie einen Hehl daraus, dass es sich bei der Schaffung des Staates Israel um ein Kolonisierungsprojekt handelt, das die Vertreibung der einheimischen Bevölkerung voraussetzt. Ihre Organisationen trugen die Absicht meist schon im Namen: Jewish Colonisation Association (1891), Palestine Jewish Colonisation Association (1924), Jewish Colonial Trust alias Jüdische Kolonialbank (1899, heute Bank Leumi) oder die Abteilung Kolonialisierungalse) der Jewish Agency for Israel (1929), heute die weltweit größte NGO der World Zionist Organization (WZO), welche 1897 von Theodor Herzl gegründet wurde.

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Wladimir Jabotinsky erklärte unumwunden: »Zionismus ist ein koloniales Abenteuer«. Theodor Herzl nannte das zionistische Projekt 1902 in einem Brief an Cecil Rhodes, der die Apartheid mit dem Glen Grey Act 1894 in Südafrika erst erfunden hatte, »etwas Koloniales«. 1896 sprach Herzl von »wichtigen kolonialen Experimenten«, die derzeit in Palästina stattfänden (Abb. 2, 3).

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Am 3. September 1897, beim Zionistenkongress der WZO in Basel, schrieb (S.15) Herzl: »In Basel habe ich den jüdischen Staat gegründet. Würde ich das heute laut aussprechen, würde ich allgemeines Gelächter ernten. Vielleicht in fünf Jahren – und ganz sicher in fünfzig – wird es jeder wissen«. In seinem Tagebuch (S.47) prognostizierte Herzl: »Die Antisemiten werden unsere loyalsten Freunde werden, die antisemitischen Nationen unsere Alliierten«. Eine geradezu schockierende Litanei ähnlich gelagerter Zitate einflussreicher Zionisten findet sich auf der Webseite der »Partners for Progressive Israel« oder bei »Palestine Remembered«. So sagte David Ben-Gurion bei einer Rede 1938:

»Lasst uns die Wahrheit nicht ignorieren. Politisch gesehen sind wir die Aggressoren und sie verteidigen sich. Das Land gehört ihnen, weil sie es bewohnen, wohingegen wir hierherkommen und uns niederlassen wollen – und in ihren Augen wollen wir ihnen ihr Land wegnehmen. Hinter dem Terrorismus steht eine Bewegung, die zwar primitiv ist, aber nicht frei von Idealismus und Selbstaufopferung«.

 

Am 22. November 1947 erpressten von Ben-Gurion entsandte Agenten den Gründer der International Basic Economy Cooperation (IBEC), Nelson Rockefeller)), um die für den 29. November 1947 angesetzte UN-Abstimmung zur Resolution 181 (II), die zur Gründung des Staates Israel führen sollte, zu manipulieren. Rockefeller sollte mittels der einflussreichen IBEC dafür sorgen, dass die südamerikanischen Staaten für die Annahme der Resolution stimmen. Das Druckmittel (S. 424 ff.): Dokumente, die belegen, dass sowohl die Familien Rockefeller und Bush als auch eine Vielzahl anderer Wall-Street-Größen den Aufstieg des Dritten Reiches finanzierten. Der Plan ging auf. Die Dokumente verschwanden. Und der vom erfolgreichen UN-Votum beflügelte Ben-Gurion erklärte 1948 gegenüber seinem Generalstab:

»Wir sollten uns auf die Offensive vorbereiten. Unser Ziel ist es, den Libanon, Transjordanien und Syrien zu zerschlagen. Der Schwachpunkt ist der Libanon, denn das muslimische Regime ist artifiziell und für uns leicht zu untergraben. Wir werden dort einen christlichen Staat errichten und dann die Arabische Legion zerschlagen, Transjordanien eliminieren. Syrien wird in unsere Hände fallen. Dann bombardieren wir und rücken weiter vor, um Port Said, Alexandria und den Sinai einzunehmen

 

Auf die Frage, was mit den Palästinensern geschehen soll, antwortete Israels erster Premierminister einst salopp:

»Vertreibt sie!«.

Und in sein Tagebuch schrieb Ben-Gurion am 18. Juli 1948:

»Wir müssen alles unternehmen, um sicherzustellen, dass sie nie zurückkehren«.


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Yosef Weitz, ab 1932 Direktor des 1901 gegründeten und im Jahr 2015 knapp 13 Milliarden schweren Jewish National Fund (JNF), Spitzname »Architekt des Transfers«, umriss (S. 132) das zionistische Ziel wie folgt: »Die zionistische Idee ist die Antwort auf die Judenfrage im Land Israel (…). Die vollständige Evakuierung des Landes von seinen übrigen Bewohnern und dessen Übergabe an das jüdische Volk ist die Antwort«. Eine Seite später ergänzt er: »Durch Landkäufe, ohne Maßnahmen zur Umsiedlung der palästinensisch-arabischen Bevölkerung, werden wir unser Problem nicht lösen können«. Wie Weitz das »arabische Problem« zu lösen gedachte, lässt sich auf Seite 186 des Buches »Expulsion of the Palestinians« nachlesen: »Ich habe eine Liste der [palästinensischen] arabischen Dörfer erstellt, die meiner Meinung nach geräumt werden müssen, um jüdische Gebiete zu vervollständigen. Außerdem habe ich eine Liste der Orte erstellt, wo Streitigkeiten um Land bestehen und wir militärisch eingreifen müssen«. 

 

Max Nordau stellte auf Seite 40 seines Buches) »Zionismus und Antisemitismus« bereits 1905 klar:

»Der Zionismus lehnt prinzipiell jede Kolonisation im kleinen Maßstab und die Idee eines Einschleichens nach Palästina ab«. Im Gegenteil fordert er, »dass die bestehenden und vielversprechenden Anfänge einer jüdischen Kolonisation gepflegt und erhalten werden sollen, bis die Bewegung in großem Umfang möglich ist«. 

Zionistische Praxis

 

Dieser Umfang sollte zum Beispiel durch »Hebräische Arbeit« – auch genannt »Eroberung durch Arbeit« – erreicht werden. Durch ein zionistisches Konzept, das ab 1905 viel Unterstützung bei den jüdischen Siedlern fand und darauf abzielte, arabischstämmige Arbeitskräfte zu vertreiben. Parallel dazu erwarben zionistische Organisationen Landflächen in Palästina und legten fest, dass diese niemals an nicht-jüdische Besitzer übergehen dürften. In die gleiche Kerbe schlug die Gründung der ersten Kibbuzim, die als kollektivistische Agrargemeinschaften nur Menschen jüdischer Abstammung aufnahmen. Damit war das Kibbuz auch Prototyp für jene Siedlungen, die später außerhalb der Landesgrenzen Israels entstehen sollten. Der aus Belarus stammende Chaim Weizmann, zunächst Präsident der World Zionist Organisation und später erster Staatspräsident Israels, schrieb in seiner 1949 veröffentlichten Autobiographie, er habe »die Hoffnung, dass Palästina durch jüdische Einwanderung letztendlich so jüdisch werden würde wie England englisch ist«. Weizmann erklärt in seinem Buch, wie er sich den »herausragenden Erfolg, den die Franzosen in Tunesien hatten«, zum Vorbild nahm. »Was die Franzosen in Tunesien erreicht haben, könnten die Juden in Palästina erreichen«, so Weizmann.

 

Die 1948 beginnende Nakba, die knapp 750.000 arabischstämmige Palästinenser ihre Heimat kostete, unterstrich, dass Weizmann nicht übertrieben hatte. Paramilitärische Terrorgruppen wie HaganahIrgun und Lehi)) – aus denen sich später die IDF (Israel Defense Forces) formten – massakrierten skrupellos die einheimische Bevölkerung und räumten über 500 Dörfer, die entweder dem Erdboden gleichgemacht oder direkt von Siedlern übernommen und mit neuen hebräischen Namen ausgestattet wurden. Israel vermarktet die ethnische Säuberung der Nakba bis heute als Teil eines Unabhängigkeitskrieges, der zur staatlichen Souveränität Israels beigetragen habe. Zionistischer Zynismus. Denn der Nakba folgte die Naksa, eine weitere Welle von Vertreibungen, die nach dem Sechstagekrieg von 1967 begann – und nie aufhörte.

 

Wer sich dieser Tage also primär echauffiert, weil die Opfer von ethnischer Säuberung und Oppression sich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln wehren, sei auf eine Rede des ehemaligen israelischen Stabschefs Moshe Dayan aus dem Jahr 1956 verwiesen:

**»Wer sind wir, dass wir gegen ihren Hass ankämpfen sollten? Seit acht Jahren sitzen sie nun schon in ihren Flüchtlingslagern in Gaza – und vor ihren Augen machen wir das Land und die Dörfer, in denen sie und ihre Vorfahren gelebt haben, zu unserem Siedlungsgebiet. Wir sind eine Generation von Siedlern. Ohne Stahlhelm und Kanone können wir keinen Baum pflanzen und kein Haus bauen.« **

 

Damals waren es erst »acht Jahre«. Nun sind es bald achtzig – und von Gaza ist kaum noch etwas übrig. Nach aktuellen Angaben der Vereinten Nationen sind 80 Prozent der Gebäude im Gazastreifen zerstört oder beschädigt. In Gaza Stadt sind es 92 Prozent. Die Times of Israel sprach am 8. Oktober von 83 Prozent und circa 81.000 Gebäuden. Knapp 70.000 Menschen starben bislang aufgrund der unverhältnismäßigen israelischen Angriffe. Darunter mindestens 20.000 Kinder.

Fortsetzung folgt…


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