Nicht übertragbar, kein Umtausch, keine Erstattung
Es gab mal eine Zeit (vom 1.Juni 2022 bis zum 31.August 2022), da hat -einfach mal so- einen Monat lang beliebig Bahnfahren, 9€ gekostet. Gut, nicht “einfach so”, sondern wegen der Energiepreise, verursacht durch den Ukraine-Krieg. Der wurde ja inzwischen ausgehend von der deutschen Diplomatie derartig befriedet, dass die Energiepreise nun wieder stabil und unbedenklich sind, wie im Sommer 2022.
Zum Preis eines heutigen Döners gab man also absolut jedem in Deutschland Mobilität. Das ist in vielerlei Hinsicht auch heute noch eine rückblickende Betrachtung wert.
Fast jeder benutzte jetzt die Bahn.
Die Bahn musste nun das erfüllen, was sie angeblich laut Selbstauskunft und auch laut politischer Selbstauskunft ohnehin bereits tat.
Das 9€-Ticket war ein Experiment, das zeigte, was eine gute Bahn sein könnte: günstig, einfach und für alle zugänglich. Doch die Realität sah anders aus. Das Personal war überlastet, die Züge überfüllt und die Infrastruktur so marode und dysfunktional wie eh und je.
Das ist kein Zufall. Die Bahn wird von Investoren und Hedgefonds ausgeplündert, während die Angestellten und Kunden leiden und schweigen. Die Preise sind hoch, die Serviceleistungen schlecht und die Investitionen in die Zukunft maximal teuer, bei minimalem Nutzen.
Dazu kommen die Herrschaften, Gewerkschaften und Funktionärssachen. Die seien hier nur am Rande erwähnt und hinten angestellt.
Ist ja schon schlimm verpönt, weil übers Geld der Deutsche bekanntlich nicht spricht.
Dieser Satz wird noch heute von vielen Menschen grundlegend missverstanden.
Es ist natürlich auch eine Verlockung, dieses Missverstehen:
Eigentlich ist der Spruch ein Bekenntnis zu Großzügigkeit, Gastlichkeit und Wertschätzung. Ein Bekenntnis zu Kultur, Solidarität und Sozialstaat. Übers Geld spricht man nicht, es gibt eben wichtigeres.
Man kann den Satz natürlich auch als Einladung zur gnadenlosen Selbstbedienung interpretieren.
Als “sei so verschlagen und korrupt wie möglich, merkt eh keiner, komm einfach nie zum Punkt und lass andere die Drecksarbeit erledigen.“ Wer diese Lesart wirklich verinnerlicht hat, kann auch Kanzler.
Das 9 € Ticket hingegen und die Bahn machten mobil. Das wollen doch jetzt alle, oder nicht? Mobilmachung.
Als die Bahn dann tat was sie sollte geschah etwas, das man wohl als Kulturereignis sehen und interpretieren sollte.
Das bedeutet: Es war pures Chaos.
Es gab nicht mehr genug funktionierende Bahn, für Deutschland. Das wusste natürlich absolut jeder schon lange vor der Veranstaltung. Keine Ausnahme. Absolut niemand hatte etwas anderes als Chaos erwartet.
Es war der perfekte Zirkus. Das Zelt waren die Bahnsteige und Waggons und die Schienenwege die Tournee-Route. Personal und Fahrgäste die Clowns und zahlenden Komparsen.
Dabei war das Ticket total großartig und einfach.
Günstig. Analog und digital zu haben. So wie eine gute Bahn sein sollte.
Es war eine Runde durchs Kolosseum für 9 €.
Als jeder Mensch merkte, was jeder Mensch in Deutschland in der Realität bedeutet, hinzugezogen den ehrlichen Zustand des Gesamtprojekts deutsche Bahn, war eine gewisse Ernüchterung spürbar.
Einfach einen Zehner in den Automaten oder wahlweise eine App und Bahn fahren. Das war die Vorführung. Die Vorführung der Bahn.
Das letzte gehässige Zugeständnis der ganz offen bekannten Seilschaften eines jahrzehntelang betriebenen Abwrackungsprozesses der Bahn.
Transformiert und verschachert was an Substanz und einträglich war, die Kosten stets der Allgemeinheit aufgetragen, Wartungen verunmöglicht, Strecken abgebaut, Weichen verkauft, Bahnhöfe geschlossen, Mechaniker entlassen, Tochterfirmen gegründet.
Wer erinnert da noch die ganze Nummer mit Stuttgart 21?
Diese historische Farce hat sogar schon eine eigene Wikipedia-Seite bekommen.
Gebracht hat es doch am Ende nur die zweifelhafte Ehre, bekannt zu machen, dass dieses Vorgehen symptomatisch und beispielhaft ist für alles, was auf struktureller Ebene das Unternehmen Bahn auszeichnet. Dazu mehr zum Beispiel hier.
Die deutsche Bahn-AG ist so derart professionell und erfolgreich organisiert- wenn sie mal funktionieren darf, herrscht Chaos und Mangel gleichzeitig.
Teuer ist der Spaß natürlich trotz/dank Chaos und Mangel. ICE Tickets ohne Bahn-Cards, Segnung vom Arbeitgeber, Frühbucher-Umbucher-Rabattjäger-Aktionen am Automaten oder online sind teurer als Flugreisen der gleichen Strecke.
Das ist nur was für Reiche, brave Bürger und Internet-affine Leute.
Ganz vorne im Regal immer schön mit Wucherpreisen, um naive und Gelegenheitsreisende aufs Kreuz zu legen. Oder Leute mit wenig Zeit.
Alles vollkommen nebulöser Verwaltung unterstellt und stets auf Kosten und Zulasten der Angestellten, Lokführer, Schaffner, Zugbegleiter und was es sonst so an exotisch anmutenden Dingen gegeben haben soll, in besseren Zeiten der deutschen Bahn.
Dort Aktionäre und Aufsichtsräte, Funktionäre, Anleger und Kompanions, Gemeindebürgermeister oder wer sonst so fleucht und kreucht ohne Führungsstile in der kopflosen Führungsriege und sich ein Aufträgchen oder Aufschlägchen aufs Honorärchen hier und dort gelegentlich wohl genehmigt.
Da floss schon manches Sümmchen, manches Sümmchen!
Es ist so gesehen doch nur natürliche Evolution, was aus dem 9€ Ticket wurde:
Ein 58€ Ticket ohne ICE und IC Nutzung (die fahren lieber Leerfahrten als umsonst zu fahren),
Nicht länger analog zu haben sondern mit Digitalzwang und als besonderes Feature nur gültig in Kombination mit einer (selbstverständlich analogen) Ausweiskontrolle durch die Kontrolleure.
Weil ein solch erschwingliches Monatsticket an Automaten und Verkaufsstellen nicht angeboten wird, verlangt man von Fahrgästen jetzt, sich ständig beim Bahnfahren auszuweisen und zwar bei Kontrolleuren, denen man damit mal ganz locker nebenbei noch polizeiliche Funktionen aufhalst, welche in keiner Weise notwendig, angemessen, legal oder praktisch sind. Für irgendwen.
Der Preis ist rein rechnerisch sicher irgendwo angemessen.
Doch als Bilanz bleibt im Bezug auf das 9€-Ticket:
Digitalzwang.
Der mehr als sechsfache Preis.
Das Serviceprinzip endgültig pulverisiert.
Verantwortung und Zuständigkeiten verschoben.
Ausweiskontrollen durch die Hintertür auf Rücken des Personals und den Nerven der Gäste.
Das ist das Ticket jetzt.
Das 9€ Ticket war eine bewusste Provokation und Machtdemonstration. Es war eine gute Sache. Es war eine Erniedrigung von Seiten der Politik, von Hedgefonds und Investoren.
“Hier habt ihr die Kunden. Wir warten gespannt auf euer Feedback!
Viel Spaß. Danke für die Euros, tschü-hüss!”
Dabei könnte man mit den Euros viele großartige Dinge tun. Dort “bei der Bahn” werden sie ja scheinbar für wohltätige Zwecke und Aufwandsentschädigungen verwendet, denn in das Schienennetz oder die sinnvolle Zukunftsentwicklung dieser Infrastruktur werden sie nicht investiert.
Da wird auf der einen Seite auf Verschleiß gefahren und gewirtschaftet, geoutsourced, entlassen und verzweifelt versucht, das Tagesgeschäft aufrecht zu erhalten, während andernorts die fetten Beträge munter in Immobilien in Bahnhofsnähe, Edelmetalle, Aktienanteile der Bahn-AG und die ein oder andere Investition in Übersee geflossen sind.
Alle paar Jahre wieder, wendet man man sich dann großherzig und um viele persönliche Einsichten reicher, anderen Abenteuern zu.
Ein neuer Bahnvorstand wird ernannt:
“Hallo! Was läuft so schief bei euch? Wie kann Ich helfen? Mein Vorgänger hat in manchem gute Arbeit geleistet, in anderen vielleicht weniger Gute, aber Ich werde mich bemühen, es besser zu machen. Hihi.
Oh, wir haben aus Gründen der Sicherheit Schenker auch noch verkauft.
Draußen fahren jetzt Felixbusse exakt parallel zu eurem Fahrplan! Also wenn einer von euch mal wieder streiken möchte: Thihi! Ihr werdet sehen, ihr werdet euch vertragen! Obwohl viele Fahrer kaum deutsch können, sitzen die sozusagen im selben Boot.
Wenn ihr Fragen habt, wie es jetzt hier läuft dürft ihr gern ganz allein in mein Büro kommen.
Wenn Ihr euch traut. Thihi.”
Das 9€-Ticket war ein Weckruf. Es zeigte, dass eine andere Bahn möglich ist, eine Bahn, die für alle da ist und nicht nur für die wenigen, die es sich leisten können.
Doch die Funktionäre und die Politik haben das Experiment schleunigst sabotiert. Die Preise sind wieder gestiegen, die Serviceleistungen schlechter geworden und die Pläne für die Zukunft weiterhin irgendwo zwischen am-Bedarf-vorbei und vollkommen absurd. Teuer wird’s aber auf alle Fälle.
Es ist Zeit für eine Veränderung. Wir brauchen eine Bahn, die für alle da ist, nicht nur für die Reichen und Privilegierten, welche sie seit Jahrzehnten als Anlageobjekt und Konkursmasse missbrauchen. Wir brauchen eine Politik, die die Interessen der Bevölkerung über die Interessen der Investoren stellt.
Dazu braucht es Menschen, welche sich nicht gegeneinander ausspielen lassen. Wenn die Bahnführung demnächst vorschlägt, wehrfähige, ukrainische Busfahrer abzuschieben um deutsche Arbeitsplätze zu retten, wird es von der Investorenseite wohl nur heißen: “Danke für ihre Fahrt, mit Staat.”
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