Die Abschaffung von Kulturfähigkeiten
Über die Entstehung der Schrift gibt es zahlreiche Literatur. Interessant wird es, wenn man sich den Bogen vorstellt, den die Entwicklung der Schrift über Jahrtausende gemacht hat. Vom Schriftzeichen in den Stein meißeln, bis zur sanften Berührung einer Glasfläche mit der Fingerkuppe, in der der Tastsinn besonders stark ausgeprägt ist, die jedoch nichts mehr zu tasten hat, außer, dass die Oberfläche kalt und glatt ist. Noch nicht einmal eine mechanische Bewegung findet statt, wie beim Schreiben mit einer Tastatur. Was macht das mit den Menschen? Heute gibt es schon viele Kinder, die einen Stift, einen Füller nicht mehr richtig halten können. Von Schönschreiben in der Schule ganz zu schweigen.
Es ist noch gar nicht so lange her, da bestand man darauf, einen handschriftlichen Lebenslauf bei einer Bewerbung zu erhalten. Warum? Weil man in der Tat an der Handschrift viel über den Schreiber erfahren kann. Geht das Schriftbild nach links oder nach rechts? In der Schule hatten die Jungs meistens eine Sauklaue, die Mädchen machten einen kleinen Kreis als i-Punkt.
Gelernt zunächst durch das Schreiben einzelner Buchstaben in klein und groß auf dreireihig liniertem Papier, damit man ein Gefühl für die Proportionen der Buchstaben bekam. Bogen rauf, Bogen runter. Dann einfache Wörter, bei denen geübt wurde, wie man den nächsten Buchstaben an den vorangegangenen ansetzt. Durch viel Übung entwickelte sich der persönliche Schreibfluss. Die Persönlichkeit floss in den zunächst für alle gleichen Ausgang, die lateinische Schrift ein und prägte dem Schriftbild die persönliche Note ein. Daraus entwickelte sich ein technischer Schreibstil, so individuell, wie einmalig. Höhepunkt dieser Schreibkunst, die eigene Unterschrift, als Ausdruck der Persönlichkeit, meist nur sehr schwer nachzumachen. Besonders, wenn es um die Unterschrift der Eltern ging, wenn man mal unentschuldigt fehlen musste, weil etwas Wichtigeres zu tun war.
Das handschriftliche Schreiben hat besonders in den letzten Jahrzehnten ständig abgenommen, somit fehlt die Übung. In früheren Zeiten gab es zunächst nur Schriftgelehrte, zu denen man gehen musste, wenn man etwas verfassen lassen wollte. Das Schreiben war eine Dienstleistung. Dann wurde das Schreiben für alle über eine lange Zeit möglich. Der Schriftverkehr war analog, Liebesbriefe wurden mit der Hand geschrieben. Wer kennt noch die kleinen Zettel, die unter der Bank weitergereicht wurden: Liebe Susanne, willst Du mit mir gehen? „Ja“, „Nein“, „Ich weiß nicht“, bitte ankreuzen. Wie viele haben noch einen Schuhkarton voller solcher Zettel? Und Briefe, zu kleinen Bündeln zusammengebunden? Man fragt sich, was bleibt den heute jungen Menschen, wenn sie einmal in Erinnerungen schwelgen wollen? Werden die Kurznachrichten in vielleicht 40 oder 50 Jahren noch lesbar sein? Funktioniert das Gerät dann noch? Konnten sie über die Jahrzehnte sicher gespeichert werden? Papier überlebt eine sehr lange Zeit.
Dann kamen die ersten Schreibmaschinen auf, A S D F, Pause, Coca-Cola, J K L Ö. Erst mechanisch, dann elektrisch. Ohrenbetäubende Kugelkopfmaschinen von IBM. Dann die ersten Schreibprogramme auf Computern. Bis zu diesem Zeitpunkt war wenigstens noch eine gewisse Fingerfertigkeit angesagt, das 10-Finger-Schreiben. Dann kamen die ersten „Handys“ auf. Drück, drück, drück, mit dem Zeigefinger auf einer winzigen Tastatur, eine Zahl für drei Buchstaben. Die 1 für A, einmal drücken, B, zweimal drücken, C, dreimal drücken. Dann die Smartphones. Auf deren Buchstabenfeld entwickelten viele eine virtuose Tippgeschwindigkeit. Rechtschreibung wurde immer unwichtiger. Nicht richtig, sondern schnell musste es sein.
Alle Buchstaben für alle auf allen Geräten gleich. Null Individualität mehr zu erkennen. Abhilfe schafften die Emogis, abgeleitet von Emotionen, um Gefühle ausdrücken zu können. Oft gar kein Text mehr, stattdessen nur noch ein Emogi als Antwort. Kein Überlegen mehr, wie man was so formuliert, dass es bei dem Adressaten richtig ankommt, mit der Folge, dass der Wortschatz schrumpft. Praktisch, so ein Smiley, aber wo sind wir gelandet? In einem Schreib-Kollektiv, wo der Einzelne gar nicht mehr zu erkennen ist. Gleichmacherei und Untergehen in der Masse. Der einzelne Mensch ist nicht mehr wirklich zu erkennen.
Heute ist die Textverarbeitung in der Arbeitswelt gar nicht mehr wegzudenken. Sicher in vielen Bereichen eine große Erleichterung, aber auch ein schleichender Prozess der Beschleunigung. Als die Deutsche Post sich noch nicht der Geschwindigkeit der poste italiane angeglichen hatte, dauerte ein Brief vielleicht 2 Tage. Darauf wurde geantwortet und es vergingen wieder 2 Tage, bis man Antwort erhielt. Das war die normalste Sache der Welt, weil ja alle zu den gleichen Bedingungen korrespondierten. Heute wird sich schon entrüstet, wenn man nicht innerhalb 5 Minuten eine Antwort auf eine Email erhält, wobei das Email-Schreiben auch schon wieder antiquiert ist. Trotz aller Rationalisierung im Schriftverkehr, die Erde hat sich deshalb keinen Mü schneller gedreht. Und das vollständig papierlose Büro gibt es immer noch nicht. Und keine Vorfreude und Ungeduld mehr, wann denn nun endlich die Antwort auf den Brief kommt, mit dem man sich doch so viel Mühe gemacht hat.
Heute stehen wir am Anfang von Künstlicher Intelligenz mit ungeahnten Möglichkeiten, aber auch Folgen. Nachdem uns Suchmaschinen das Anhäufen eines Wissensschatzes und einer gewissen Allgemeinbildung, abgespeichert in unserem Hirn, abgenommen hat, was zwangsläufig zur Verblödung ganzer Gesellschaftsschichten führt, nimmt uns jetzt die KI in vielen Bereichen das Denken ab und vielleicht sogar auch das Fühlen und das Wollen. Auch hier wieder viel Licht und viel Schatten. Ein Programm zu schreiben, ist in Nullkommanichts erledigt, wofür man früher vielleicht mehrere Tage brauchte. Es gibt aber auch schon Menschen, die anfangen zu heulen, weil die KI, der man einen Namen gegeben hat, mal nicht funktioniert, weil sie in ihrer Einsamkeit die KI zu ihrem Lebenspartner machen, mit dem sie sich austauschen können. Eine Art Symptombehandlung, aber was ist die Ursache für die zunehmende Einsamkeit unter den Menschen?
Die KI soll hier gar nicht verteufelt werden. Das Problem ist, dass viele nie gelernt haben, mit all diesen technischen Errungenschaften verantwortungsvoll und sinnvoll umzugehen.
Die Technologie wird auf den Markt geworfen und jetzt seh‘ selber zu, wie du damit klarkommst. Mit dem dämlichen Gebimmel der Nokias in der Straßenbahn fing es an: „Ich bin jetzt an der Hauptpost, bin in 5 Minuten da.“ Informationsmüll, den kein Mensch braucht. Peinliches Berührtsein, wenn Streitereien in der Partnerschaft in aller Öffentlichkeit ausgetragen oder von Krankheiten lang und breit berichtet wird. Kein Schamgefühl mehr. Es gibt heute noch Menschen, die in einem persönlichen Gespräch um Entschuldigung bitten, wenn das Telefon klingelt. Die sind allerdings im vergangenen Jahrhundert geboren worden und eine aussterbende Art.
Das Problem ist, dass viele nie gelernt haben, technische Geräte als Hilfsmittel zu gebrauchen. Viele sind nicht in der Lage, sich die Frage zu stellen, was sie da überhaupt tun?
Sollte es nicht so sein, wie beim Schreiner, der einen Hobel in die Hand nimmt, das Brett glatthobelt, und wenn es fertig ist, den Hobel wieder aus der Hand nimmt?
Die Praxis sieht anders aus: Es gehört zum Stadtbild, dass man sein externes Gehirn vor sich herträgt, auf den Bildschirm starrt, dabei die Umgebung gar nicht mehr wahrnimmt, manisch das Mobiltelefon aus der Tasche zieht, weil man Angst hat, man könnte etwas verpassen. Und „Handyverbot“ ist schlimmer, als drei Tage nichts zu essen zu bekommen. Und wie wirkt sich das auf die Stimmung aus, wenn man ständig mit gesenktem Kopf durch die Welt geht, während man auf die Glasscheibe starrt? Ist das vielleicht die Ursache für die zunehmenden psychischen Erkrankungen unter Jugendlichen? Wie anders wirkt ein Mensch, der erhobenen Hauptes vorangeht, wie präsent ist er, wie wird er wahrgenommen, wie sieht es innerlich in so jemandem aus?
Schleichend sind wir einer Sucht verfallen, wir sind abhängig gemacht worden. Und gleichzeitig hat man uns von unserer Individualität immer weiter entfernt. Hier findet ein Entmenschlichungsprozess statt, ohne Zwang und Druck, tiefenpsychologisch genial ausgedacht und gut verpackt. Wir tragen unser Ortungsgerät ständig bei uns und ständig gibt es neue Anwendungsmöglichkeiten, die uns das Leben noch bequemer machen. Die angeborene Faulheit, die auch zum Wesen des Menschen gehört, ist hier bestens erforscht worden und wird schamlos ausgenutzt. Und alle machen freiwillig mit. Es scheint ein Nerv getroffen zu sein, der alles Analoge, nicht Kontrollierbare auslöschen kann, bis hin zum bargeldlosen Bezahlen.
Ein langer Weg in sehr kurzer Zeit vom Brief, für den das Postgeheimnis galt, bis zum digitalen Austausch intimster Angelegenheiten durch den Äther, der möglicherweise mit seinen Wellen eine unglaubliche Umweltverschmutzung darstellt, in der wir uns bewegen müssen. Ein Entweichen fast unmöglich. Selbst auf den höchsten Gipfeln stehen Sendemaste.
Ganz abgesehen von dem kulturellen Schaden, den die Gesellschaft erleidet, wenn immer weniger eigenhändig geschrieben wird, wenn eine ordentliche Schreibweise zur Nebensache wird. Es geht gar nicht so sehr um die Sache an sich, sondern die Möglichkeit, seine eigene Persönlichkeit individuell ausdrücken zu können, das Gehirn zu trainieren, in dem man mit eigenen Worten etwas formuliert und das „zu Papier“ bringt, verkümmert immer mehr. Und das kann nur zur fortschreitenden Verblödung einer ganzen Gesellschaft führen.
Darum geht es eigentlich: Um die Abschaffung von Kulturfähigkeiten zugunsten einer immer mehr durchtechnisierten Welt.
Niemand will zur Keilschrift zurück. Es geht um den Verlust des Genusses, ein Blatt Papier oder eine linierte Kladde vor sich zu haben, nachzudenken und mit einem guten Schreibgerät über die Hand mit auf und ab kreisenden Bewegungen seine Gedanken niederzulegen.
(Wem meine Artikel gefallen: Einen Satoshi in Ehren kann niemand verwehren. Danke!)
“Dieser Beitrag wurde mit dem Pareto-Client geschrieben.”
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(Bild von pixabay)