Was hat Status mit Gießen zu tun? Weshalb spricht man nicht einmal miteinander? Und wieso kann vor allem linker und "grüner" Protest nur mit Gewalt funktionieren? Hier der Versuch einer Antwort.
Autor: Thomas Eisinger. Dieser Beitrag wurde mit dem Pareto-Client geschrieben. Die neuesten Pareto-Artikel finden Sie auch in unserem Telegram-Kanal.
Am Samstag, den 29.11.25, versuchten Tausende Menschen der Antifa, linksextremer und linker Gruppen eine Versammlung von Menschen zu stören oder gar zu verhindern. Diese Menschen gründeten eine politische Jugendorganisation, diejenige der AfD. Gab es Gespräche zwischen den Gruppen? Gab es den Versuch, Standpunkte auszutauschen oder die Sichtweise der jeweils anderen zu verstehen? Die Antwort ist Nein. Es ging ausschließlich um - teils gewaltsame - Konfrontation.
Dieses Verhalten können wir seit Jahren in allen (westlichen) Gesellschaften beobachten. Wobei die aggressiven Aktionen in Deutschland fast immer von linken Gruppen ausgehen. Wer schon einmal versucht hat, mit jenen «Aktivisten» ins Gespräch zu kommen - wie der Autor dieser Zeilen - hat durchgehend dieselbe Erfahrung gemacht: es funktioniert nicht. Das Ansinnen, über inhaltliche Meinungsunterschiede zu sprechen, endet stets in derselben Routine: einer Beschimpfung mit Stereotypen, Wiederholung bekannter Slogans oder persönlicher Diffamierung. Somit stellt sich die Frage: welche Motivation treibt Menschen an, die jeden Dialog verweigern und nur stören und zerstören wollen?
Dafür gibt es eine Reihe möglicher Gründe: Angst vor den Zielen der anderen, Wut auf die «Kapitalisten», der Wunsch nach einer gerechteren Welt. Im Grunde ethisch hochstehende Motive. Doch wenn die Beweggründe wirklich so gut sind, weshalb wird dann jede Diskussion verweigert? Die Antwort liegt in einem viel tiefer liegenden Motiv: man möchte dazugehören, auf der «richtigen» Seite stehen, sich damit selbst erhöhen. Doch die eigentliche Antwort liegt noch eine Ebene tiefer: es ist der Wunsch, den eigenen Status zu erhöhen!
Das klingt sicherlich für Viele überraschend. Status? Was soll das überhaupt sein? Es ist eines der am wenigsten diskutierten Motive und doch bestimmt es einen Großteil aller sozialen Interaktionen. Status und Gruppenzugehörigkeit zählen zu den wirkmächtigsten Kräften in unser aller Leben. Unser Leben besteht immer wieder aus Statusspielen. Das hat uns die Natur evolutionär einprogrammiert. Im Tierreich ist die Herstellung der Hackordnung innerhalb einer Gruppe instinktiv verankert, jedes Exemplar kennt ganz exakt seinen Platz. Man sollte meinen, darüber sind wir Menschen längst hinaus. Doch das ist ein Trugschluss.
Einige Beispiele: Hierarchien sind eindeutig mit Statusgewinn oder -verlust verbunden. Sehr oft ausgedrückt durch entsprechende Symbole: das teurere Auto, die 1. Klasse Tickets, das größere und schönere Büro und so weiter. Jeder weiß, was gemeint ist. Doch auch in Hobbygruppen ist es nichts anderes. Stets gibt es den- oder diejenigen, die den Ton angeben und andere, die mitmachen. Ob in Vereinen, Parteien, Mannschaften oder Künstlervereinigungen, das Spiel ist stets dasselbe. Ein höherer Status berechtigt dazu, seine Meinung eher durchzusetzen, andere zurechtzuweisen oder gar ihren Ausschluss herbeizuführen. In Familien und Beziehungen ist es ähnlich. Deshalb ist der Wunsch nach Begegnung auf «Augenhöhe» einer der am häufigsten gehörten Wünsche unserer Tage.
Dies ist ein extrem kurzer Abriss dieses komplexen Themas. Im Buch «The Status Game» von Will Storr werden die Mechanismen ausführlich erläutert. Vor allem die Methoden, die verwendet werden, um das Spiel erfolgreich zu spielen. Entscheidend ist, dass es nur drei Ebenen gibt, aus denen das «Spielfeld» besteht: Dominanz, Erfolg und Moral. Dominanz ist der Bereich, an den die meisten wohl als erstes denken bei diesem Thema. Sie drückt sich u. a. aus in Durchsetzungsvermögen, Aggressivität, Empathielosigkeit und ähnlichem. Erfolg ist vielfältiger, aber nicht weniger bekannt. Menschen, die berufliche, sportliche, künstlerische, innovative oder politische Erfolge erzielen, werden unzweifelhaft einen höheren Status erringen, als diejenigen, denen dies nicht gelingt. Der Erfolg drückt sich stets in gewonnenem Prestige aus, neben den typischen materiellen Belohnungen und Symbolen auch Einfluss, Reichweite, Prominenz oder Anhängerschaft (Fans).
Dass dies ein allgemeines Streben ist steht außer Frage. Doch was ist mit all den Menschen, denen es nicht vergönnt ist, die Statusleiter nach oben zu klettern? Oder zu «fallen», wie es Menschen aus berühmten, wohlhabenden, einflussreichen Familien bereits in die Wiege gelegt wurde (Ausnahmen bestätigen die Regel). Jene, die darum kämpfen, ihren Platz in ihrer Gruppe, ihrem Umfeld zu finden. Menschen, die keine großen Erfolge, Reichtümer oder Macht über andere vorweisen können? Denn eines gilt für uns alle, auch wenn das nicht so gern gehört wird: ohne Status fühlt man sich wie ein Verlierer, unwichtig, ungehört, gar wertlos! Ein Gefühl, das so gut wie jeder vermeiden möchte, bereit ist, viel dafür zu tun, um diesem Kerker der negativen Selbstbespiegelung zu entkommen.
Damit kommen wir bei der dritten Möglichkeit zur Statuserhöhung an: dem Spiel um die höhere Moral. Dieser Teil des Spielfeldes ist weniger bekannt, ganz im Gegenteil werden Spielzüge auf diesem Feld oft gar nicht als Statusspiel wahrgenommen. Denn dahinter steht vorgeblich nicht das Erringen von Macht und Prestige, sondern der Wunsch, «Gut zu sein». Was sollte hieran verkehrt sein? Wenn wir alle gute Menschen wären, dann gäbe es all die Probleme nicht auf unserem Planeten. So viel zu dieser Illusion.
In Wahrheit verbirgt sich sehr, sehr oft hinter dieser vorgeblich höheren Moral nichts anderes, als in den anderen Spielen auch: der Wunsch, sich selbst zu erhöhen. Dies soll nicht bedeuten, dass es keine Menschen gibt, die aus ganzem Herzen handeln, nicht primär um Vorteile zu erlangen. Die gibt es ohne Zweifel. Doch gleichzeitig wird dadurch ihr Status in der Gruppe erhöht, ob sie wollen oder nicht. Dann überstrahlt ihr Status fehlende Kompetenz in Bereichen, zu denen er oder sie auch nicht mehr beitragen kann als andere. Gleiches gilt für Prominente wie Sportler, Schauspieler, Sänger, Journalisten, Politiker oder fachfremde Experten. Ihre Beiträge sind nicht kompetenter als die anderer Bürger, sie werden dennoch – vielfach durch Medien – hochstilisiert.
Dieser kleine Umweg war nötig um zur Anfangsfrage zurückzukehren: weshalb ist es nicht möglich, mit ideologischen oder politischen Aktivisten ins Gespräch zu kommen? Die Antwort lautet, dass sie ihren erhöhten Status nur innerhalb ihrer Gruppe aufrecht erhalten können! Wie in jeder anderen Gruppe auch gibt es die verschiedenen Hierarchieebenen, ob bei Antifa, NGOs, Parteien oder was auch immer. Menschen, die sich entschlossen haben, in diesen Gruppen dabei sein zu wollen, müssen Zeit und Energie aufwenden, um sich dort ihren Platz zu verdienen. Demonstrieren, diskutieren (innerhalb der Gruppe!), Gegner schädigen und so weiter. Stück für Stück erlangt man eine gewisse Position unter seinesgleichen. Doch wehe man wird konfrontiert außerhalb des Safe Space der eigenen Gruppe! Sofort stellt sich das Gefühl der Bedrohung ein, denn der eigene Status findet da «draußen» keine Anerkennung. Im Gegenteil, er wird sogar in Frage gestellt.
Was also tun? Der selbsterklärte Gegner teilt nicht dieselben ideologischen Werte, weshalb ein moralisch-ideologischer Statuswettstreit auf dieser Ebene nicht funktionieren wird. Zudem haben viele Gruppenmitglieder die eigene «Lehre» intellektuell gar nicht tief genug durchdrungen um auf Augenhöhe diskutieren zu können, denn ihr Ziel war von Anfang an: dazuzugehören. Somit bietet die Strategie der moralischen Überhöhung im direkten Kontakt keinen Vorteil. Die logische Konsequenz: es wird nicht diskutiert. Niemals. Es dennoch zu versuchen erforderte echten Mut, denn der Ausgang wäre ungewiss. Die Angst, nicht als Statussieger vom Platz zu gehen, ist offensichtlich größer. Andersherum könnte man den fehlenden Mut ebenso als Feigheit bezeichnen. Was dazu passt, dass so gut wie immer eine Gruppe auftritt, niemals ein Einzelner, der ernsthaft an einem Diskurs interessiert wäre. Die Sicherheit der Gruppe ersetzt den Willen zur inhaltlichen Auseinandersetzung, zur Neugier auf andere Weltsichten. Gerade Menschen mit geringem Selbstwertgefühl suchen nichts so sehr wie Sicherheit und Anerkennung. Beides finden sie unter Ihresgleichen. Identität bedeutet hier: identisch zu sein. Identisch in Kleidung, Äußerem, Begriffen, Feindbildern, Medienkonsum und noch viel mehr.
Was also tun? Es bleibt letztlich nur die Strategie der Dominanz, um den eigenen Status zu verteidigen. Und das ist das, was wir seit Jahren erleben: gewalttätige Aktionen, Abbrennen von Autos, Angriffe auf Ordnungskräfte, Beschmieren von Häusern und leider auch brutale Angriffe auf Menschen mit dem Ziel, sie zu verletzen. Dies wird massiv erleichtert (denn ein gewisses Unrechtsbewusstsein existiert natürlich in fast jedem), in dem diese Gegner entmenschlicht werden. Eine uralte Taktik, die verwendeten Begriffe sind allseits bekannt: Faschist, Rechter (niemals: Linker), Nazi, Querdenker, Putin-Troll, Antisemit, Rassist etc. Die Liste dieser Schmähungen wird ständig länger, doch das Ziel ist stets dasselbe: Ausgrenzung und Entmenschlichung, um anschließend so gut wie jede Gewalt rechtfertigen zu können.
Verstärkt wird diese Entmenschlichung heute - und das ist in dieser extremen Form in der Nachkriegsepoche neu - von Organen des Staates selbst, von den großen Medien sowie von prominenten Vertretern aus Gewerkschaften, NGOs, Parteien und selbst der Kirchen! Ein unrühmliches Beispiel ist der aktuell amtierende Bundespräsident, der statt zu Neutralität und gesellschaftlichem Frieden beizutragen, an vorderster Front ausgrenzt und spaltet. So erhalten die Kämpfer um moralischen Status massive Rückendeckung. Ihre Diskursverweigerung wird von allen Seiten gerechtfertigt. Das ist auch der Grund für die massive Einseitigkeit dieses Phänomens. Es werden nie linke oder grüne Parteitage gewaltsam verhindert, die Vermieter von Räumen oder Hallen an linke, linksextreme oder grüne Organisationen werden niemals zur Kündigung der Mietverträge erpresst, Staatsanwaltschaften lassen einseitig die Häuser nur von konservativen Autoren durchsuchen, Gerichte erlassen lächerliche Strafmaße auf der einen Seite und lassen andere für wesentlich geringere Vergehen jahrelang im Gefängnis einsitzen.
Gibt es einen Weg, um diesem Dilemma zu entkommen? Kaum. In der Tat scheint es so, dass das Streben nach Gruppenzugehörigkeit und Status so tief in unseren basalen Bedürfnissen verankert ist, dass es kaum veränderbar ist. Nur lenkbar. Genau das haben diejenigen erkannt, die schon immer an den Hebeln der Macht sitzen, denn sie lenken immer öfter auch diese Bewegungen. Wenn Aktivisten vermeintlich gegen den Kapitalismus kämpfen werden sie genau von jenen mächtigen neoliberalen Kräften gesteuert, gegen die sie nach eigener Überzeugung ins Feld ziehen! Ob woke Ideologie, Klima, Impfregime oder Kriege: nichts davon kam oder kommt aus der Mitte der Bevölkerung. Es ist besonders tragisch, dass sich Millionen Menschen spalten lassen, einen imaginierten Feind bekämpfen, anstatt ihre Energie darauf zu richten, die tatsächliche Wurzel der Ungerechtigkeit anzugehen. Was kann da noch helfen? In jedem Fall Aufklärung! Dazu möchte dieser Text ein klein wenig beitragen.
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