Bulgarische Impressionen von Jana Moava.
Autor: Jana Moava. Dieser Beitrag wurde mit dem Pareto-Client geschrieben. Sie finden alle Texte der Friedenstaube und weitere Texte zum Thema Frieden hier. Die neuesten Pareto-Artikel finden Sie auch in unserem Telegram-Kanal.
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Auf der kleinen, vom Meer umspülten Insel Nessebar, die mit ihrer thrakischen Vergangenheit, den byzantinischen Kirchenruinen und mittelalterlichen Straßen wahrlich einen Besuch wert ist und zu Recht als Weltkulturerbe von der UNESCO geschützt wird, gibt es viel zu bestaunen. Ein alter Mann mit Kapitänsmütze steht vor ausgetretenen Steintreppen, die eng und steil zu einem Restaurant hinabführen. Es verteilt sich über mehrere Etagen und bietet einen wunderschönen Ausblick auf das Schwarze Meer und ein Stückchen Strand. Segelboote kreuzen in der Ferne, dahinter erheben sich grünsatte Berge, letzte Ausläufer des großen Balkangebirges. Es glänzt ein einsam Segel im hellblau-weiten Nebelmeer… diese Gedichtzeilen von Michail Lermontow drängen sich geradezu auf.
Der alte Mann mit der Kapitänskappe auf dem ergrauten Haupt sieht gutmütig aus – wir wechseln ein paar Worte auf Russisch, siehe da, es funktioniert. Viele Bulgaren können sich noch so verständigen, ein Glück für die zahlreichen russischsprachigen Touristen, die hier Urlaub machen.
Sind Sie geimpft? fragt mich der Käpt‘n als erstes. Etwas perplex ob der offenherzigen Frage verstehe ich: Er meint die Biontech-Impfung. Als ich verneine, nickt er anerkennend. Nun bin ich glaubwürdig. Darauf zitiert er im Original erste Zeilen aus einem langen Puschkin-Poem, das ihm allmählich ins Bulgarische hinübergleitet, sodass ich manches nur noch erahne. Er habe in Swerdlowsk am Ural gelebt, war mit einer Russin verheiratet, erzählt er. Das wiederum ist gut verständlich.
Wie dieser Mann haben alle älteren Einwohner Bulgariens sehr niedrige Renten und arbeiten den ganzen Sommer lang meist im Verkaufsbereich, doch alle besitzen sie noch als Erbe des Sozialismus privatisierte, ehemals staatliche Wohnungen, ähnlich wie in der Russischen Föderation. Sie müssen also keine Miete zahlen – dennoch reicht es nicht zum Leben, fast alle müssen sich ein Zubrot verdienen. Mit den Frauen in den unzähligen Verkaufsbuden, die neben schöner italienischer Sommerkleidung, bulgarischen Souvenirs, Kosmetika und Strandutensilien auch jeglichen Krimskrams anbieten, kommt der Besucher leicht ins Gespräch. Ach, die EU… Die Frauen – sie wissen gut Bescheid über die Probleme und die Korruption im eigenen Land, wollen weder den Beitritt in die EU noch den Wechsel zum Euro, der bald ansteht. Aber die Entscheidungen würden ja von oben über ihren Kopf hinweg fallen, klagen sie. Woher sie politisch so wach sind? Zwischen den Zeilen lesen sie und ziehen ihre Schlüsse daraus, antworten sie… Ein nützliches Training, das Menschen im Sozialismus lernen konnten.
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Der bulgarische Sonnenstrand (Slanchev bryag) ist als riesiges Labyrinth angelegt, das Neulinge hervorragend in die Irre schickt: kilometerlange namenlose Straßen und kurvige Alleen wechseln ab mit Grünanlagen und schicken Wohn- und Hotelanlagen oder auch Casinos und Banken – dazwischen liegen riesige bewachte nicht asphaltierte Parkareale, deren Mieten sehr teuer sind, und Brachland, auf dem wilde Katzen und Möwenschwärme im Müll picken. Hin und wieder sieht man zerlumpte Romanes-Familien Abfälle und Tonnen durchwühlen. Namen haben nur die Stadtviertel, nicht die Straßen – man kann viele Kilometer laufen und sehr leicht die Orientierung verlieren. Die Fußwege sind recht abenteuerlich: defekte Stellen im Trottoir wechseln ab mit Schotterwegen, fordern ständige Wachsamkeit… Und nicht nur die Wege – nach meiner Ankunft zahlte ich den ersten Einkauf im Supermarkt mit EC-Karte. Doch siehe da: von meinem Konto wurden zwei Posten abgebucht, die ich nicht getätigt hatte. Zum Glück waren es kleine Summen… „Oh“ sagte mir eine nette Einheimische „Die haben deine Bankdaten kopiert…!“ Wie das funktioniert, habe ich bis heute nicht kapiert. Dafür verstand ich etwas anderes: Eines Tages kreuzte nämlich eine Gruppe von Romanes-Kindern meinen Weg, immer wieder deuteten sie klagend auf ihren Mund, der gestopft werden will, sie rissen sich Pullis oder Hosen zurück, zeigten demonstrativ kleinste Narben oder Muttermale. Ich machte es ihnen nach: Als ich meine echte große Wunde am unteren Bein freilegte, ging ein tiefes Stöhnen durch die Gruppe – das war nun also meine Trumpfkarte, nicht zu überbieten! Weiter konnte ich leider nicht ausloten, wie ich sie ins Spiel hätte bringen können oder wie hartnäckig die Kinder einem auf den Fersen bleiben, denn schon war eine Marktfrau zur Stelle und verjagte sie allesamt. Treffe ich sie das nächste Mal, werde ich ihnen etwas zum Essen kaufen. Hungernde Kinder in einem europäischen Kurort – sind wir etwa in Indien?!
Unten am Sandstrand zieht sich eine asphaltierte Promenade Kilometer um Kilometer entlang der weitläufigen Bucht am Schwarzen Meer hin. Hier liegen die für den Massentourismus bestimmten eingezäunten, gepflegten Hotelanlagen, oft mit orientalischen Elementen in der Architektur – Bulgarien wurde gut 500 Jahre lang vom Osmanischen Reich beherrscht, die Spuren sind unübersehbar.
Anfang Oktober werden auf dieser ewig langen Strandpromenade die dicht an dicht stehenden Verkaufsbuden abgebaut. Die schrille Industrie der „Attraktionen“ mit riesiger Kirmes und permanenter kakophonischer Dauerbeschallung ist endlich vorbei, das gigantische Riesenrad steht still. Hoch oben schaukeln leere Kabinen sachte im Wind. Das Horrorschloss, in dem grell leuchtende Skelette und andere Ungeheuer auf und niederfuhren und die Besucher in Entsetzen versetzen sollten, ist ebenso verschwunden wie die überlaute Disco daneben. Die farbenfrohen echten Papageien, mit denen sich Besucher ablichten konnten, zogen in ihr Winterquartier und eine ganze riesige Puppenstube, die mit Kostümen, Perücken, Spiegeln und anderem Interieur im Stil von Louis XIV um Besucher warb, wird für die nächste Saison verpackt. Auch die vielen Imbissbuden und Restaurants machen dicht. Schluss, aus… Endlich, endlich kann man das leise Rauschen des Meeres und die Schreie der zahlreichen großen Seemöwen hören!
Ich bin zu Gast in einem kleinen Apartment in einer der weitläufigen und luxuriösen bewachten Wohnanlagen, deren 5-6 stöckige Häuser mit hübschen Balkonen ausgestattet und nicht nur von gepflegten immergrünen Hecken, blühenden Büschen, versteckten Teichen mit Schwänen und Goldfischen umrahmt sind, sondern auch von schön angelegten, sauberen Swimmingpools unterbrochen werden, die im September noch einladend, Ende des Monats jedoch deutlich zu kühl sind. Was für ein Kontrast zu den Brachen draußen!
Doch nicht nur der schönen Anlagen wegen muss ich mir heftig die Augen reiben: Gleich hinter den gesicherten Einfahrten parken unübersehbar riesige SUVs vom Feinsten, protzigste Luxuskarossen: JEEP CHEROKEE, MERCEDES, FORD, HYUNDAI TUCSON, RANGE ROVER, LEXUS – mit ukrainischen Kennzeichen… Dazwischen mal ein Porsche mit bulgarischer Nummer. Ein Anblick, der auch in deutschen Großstädten kaum zu erblicken ist – oder täusche ich mich? Kriegsflüchtlinge??? Woher haben die so immens viel Geld?! Offensichtlich sind auch Besitzer von örtlichen Immobilien darunter.
„Das kann doch nicht mit rechten Dingen vor sich gehen… Korruption!“ platzt es aus mir heraus – „vermutlich sogar Waffenhandel?! Oder Drogen?“
„Pssst!“ warnt mich meine Freundin, „… halte um Gottes willen deine Klappe! Auf keinen Fall laut darüber sprechen!“ Dies sei wirklich und wahrhaftig gefährlich. Sie weist auf eine mächtige Organisation hin, die einst im südlichen Stiefel Europas ihren Anfang nahm, über die ganze Welt gespannt und eben auch hier tätig sei.
Zum Missfallen der Einwohner bekommen die Kriegsflüchtlinge auch in Bulgarien mehr finanzielle Unterstützung als einheimische Bürger. Eine sehr hübsche junge Frau mit Kind fand schon gleich nach ihrer Flucht aus der Nordukraine eine gute Anstellung im Friseursalon in einer der Luxus-Anlagen. Sie beklagte ihr Los nicht, nein, sie schwärmte vom Zusammenhalt der ukrainischen Diaspora am bulgarischen Sonnenstrand: Sie hätten letztlich sooo einen gemütlichen, ruhigen Winter zusammen erlebt…
Ob die Besitzer der Prunkkarossen wohl dabei waren?
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