Das Ende des Urteilens

Was bleibt, wenn alle Trennungen fallen? Ein philosophischer Text über Nondualismus als Schnittstelle von Quantenphysik (Bohm, Dürr) und Bewusstseinsphilosophie (Spira, McKenna). Die zentrale These: Bewusstsein ist primär, Materie sekundär.

Stell dir vor, Du wachst auf, nicht im Bett, sondern in der Mitte eines Ozeans. Die Wellen, die dich umspülen, sind nicht mehr außerhalb; sie sind du. Dieser Ozean ist du. Es gibt kein “Ich” und “Du”, kein “Hier” und “Dort”, kein “Jetzt”, “gestern”, “morgen”. Nur das endlose Fließen.

Dieser Text webt sich aus den Fäden der vorherigen – Bewusstsein als schwingendes System, Resonanz als Anklingen der Potentialität, Holismus als Brücke zwischen (zu vielen) Fragmenten. Ein Sinnieren, das auf den Urgrund schielt. So gibt es “nichts da draußen” zu erobern, denn es ist alles da. Es ist immer alles da. Auch das, was wir vielleicht nur ahnen können. Alles ist. In der Auflösung der Trennung.

Nondualismus: Einheit jenseits der Trennung

Mit dem Nondualismus – “nicht-zwei” – möchte ich keine weitere Theorie anführen, sondern ein Erkennen: Alles ist eins, und dieses Eins ist Bewusstsein.

Die explizite Welt entsteht nicht aus Materie, die folglich Bewusstsein gebiert; die Welt ist die Reflexion des Bewusstseins in sich selbst. Doch wir hängen so tief in dieser Dualität: “Ich” gegen “Du”, Innen gegen Außen, Vergangenheit gegen Zukunft. Die Materie selbst hat aber keinen Urheber außer uns selbst. Zu dieser Aussage kommen auch manche Quantenphysiker, hier berühren sich einmal mehr Naturwissenschaft und Philosophie – sicherlich ein Grund, weshalb ich im Nondualismus zu Hause bin.

Was ist also der erwähnte Ozean, was ist Bewusstsein? David Bohm nannte es die “implizite Ordnung” – eine verborgene Ganzheit, aus der sich die “explizite Ordnung” unserer manifesten Welt entfaltet. Die Trennung zwischen Beobachter und Beobachtetem löst sich auf; alles ist eingefaltet in einer fundamentalen Verbundenheit. Hans-Peter Dürr ging ja noch weiter: Materie ist geronnener Geist, Potenzialität, die sich verdichtet. Am Anfang steht nicht das Ding, sondern die Möglichkeit, das “Wirk” – reine Beziehung, noch bevor etwas erscheint.

Rupert Spira, ein wichtiger Vertreter des Nondualismus, formuliert diesen Gedanken weiter und mit einer Klarheit, die ich selten antreffe:

“Bewusstsein ist das einzige, das bewusst ist; alles andere ist bewusst, aber nicht bewusst-seiend.”

Kurz, es gibt kein “außerhalb”.
Die Welt ist nicht getrennt von dir; sie ist dein Erkennen. Die Welt ist Du, in Dir. Die Welt ist aber auch ich, in mir. Und vielleicht sind die beiden Welten fundamental verschieden.

Nehmen wir eine simple Frage als Ausgangspunkt: Wer liest diese Worte? Nicht die Augen, nicht dein Gehirn – sondern das Gewahrsein selbst. Dieses Gewahrsein ist nicht “in dir” lokalisiert – viele verwechseln das mit “dem Denken”. Vielmehr erscheinst “du” im Gewahrsein. Du, mit all deinen Wahrnehmungen, Empfindungen, Gedanken. Sie sind wie eine einzelne Welle im Ozean. Und nur ein Teil davon ist eben bewusst.

Von Wahrheit zu Erkenntnis

Wahrheit ist nondual, unendlich, und sie bedeutet vor allem Auflösung. Auflösung Deines Egos. Die Welt ist ich, in mir, aber bin ich?

Das sind ungewohnte und vielleicht auch unbequeme Gedanken. Und es sind nicht meine Gedanken.

Es ist Zeit, dass wir Jed McKenna kennenlernen. Er fordert das Füttern des Ego – mit Praktiken, Gurus, einem “PhD in Waking Up” – aufzugeben, um nicht länger in einer Illusion gefangen zu bleiben. Eine Illusion, die er auch “Pseudo-Spiritualität” nennt; das Sammeln von Praktiken, Konzepten, Gurus. Also alles, was das Ego weiter aufbläht, während es vorgibt, es transzendieren zu wollen.

Seine Methode, diese Pseudo-Spiritualität zu überwinden, ist die “Spiritual Autolysis”. Sie meint radikal schreibend, alles dekonstruieren, was du für “wahr” hältst, bis nur noch das Unwiderlegbare übrig bleibt. Alleine am Schreibtisch, sich selbst aus dem Traum herausschreiben. Dazu stellt er eine zentrale Frage:
“What do we know for sure?” – und meint damit absolute Wahrheit, das Unwiderlegbare.

Was weißt Du wirklich? Ohne Zweifel? Weißt Du wirklich, wer Du bist? Was / wer ist das, was Du als “Ich” erlebst? Ich habe einen Tag mit der Frage zugebracht und kam zum Schluss, dass ich die Frage anders stellen möchte.

Ich frage mich nicht mehr “Was kann ich wissen?”, sondern “Was kann ich erkennen?”

Der Unterschied?

Wissen ist epistemologisch. Wissen ist eine Sammlung gesicherter Fakten, die das Subjekt von außen betrachtet. Erkenntnis ist phänomenologisch, verkörpert, transformierend. Erkenntnis verändert den Erkennenden. Wenn du erkennst – nicht nur theoretisch weißt –, dass die Trennung zwischen “Ich” und “Welt” illusorisch ist, kannst du nicht mehr auf dieselbe Weise leben. Was ich erkannt habe, kann ich nicht mehr vergessen. Die Welle, die sich als Ozean erkennt, hört nicht auf, Welle zu sein – aber sie urteilt nicht mehr über andere Wellen.

Oder um uns nochmals bei Rupert Spira zu bedienen:

“The separate self is not an entity that needs to be got rid of; it is an activity that needs to be seen through.”

(Das getrennte Selbst ist keine Entität, die es zu beseitigen gilt; es ist eine Aktivität, die durchschaut werden muss.) Das Durchschauen ist Erkenntnis – nicht das Sammeln von Wissen und Fakten, Denken, sondern das Durchschauen der Struktur selbst.

Und in dieser Erkenntnis, diesem Durchschauen zeigt sich: Alles ist da. Alles ist ich. Alles Gute, alles Böse. Jede menschliche Möglichkeit ist in mir angelegt. Unter anderen Umständen könnte “ich” die Verräterin sein, die Mörderin, die Feige, die wegschaut, die Böse. Das ist keine moralische Relativierung, sondern Erkenntnis, und diese Erkenntnis lässt die Grundlage für Urteile in sich zusammenfallen. Wenn du deine eigenen Abgründe kennst, wie kannst du die der anderen verurteilen?

Das Böse – das Leid, der Schmerz, nenn’ es wie du magst – kann zum Erwecker werden. Wie ein Stachel, der dich aus dem Schlaf reißt. Ohne Schatten kein Licht. Ohne Ohnmacht keine Sehnsucht nach Wirksamkeit.

So nennt sich Fausts Mephisto “ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.” Und nein, es geht nicht darum, das Böse zu urteilen – egal in welche Richtung – es geht darum, es anzuerkennen. Zu erkennen. Und die transformative Kraft dessen zu nutzen. So sitze ich nicht nur in der wohl hundersten Stunde universitärer Vorlesung meines PhD, weil ich “Freude an Forschung” habe, sondern weil ich am Leid des größten medizinischen Massenexperiments aufgewacht bin!

Aus McKennas Autolyse folgte für mich nüchtern: Transformieren kann ich nur mich selbst. Nicht die anderen. Nicht die Welt. Nicht das Böse. Nur mich.
Das durchschneidet alle Fantasien vom Retten, Heilen, Bekehren.
Was ich aber kann und seither umso bewusster tue, ist mich als Impuls in die Beziehung einbringen zu anderen: authentisch, aufrichtig, durchschauend. Und in jeder Begegnung erkenne ich mich selbst. Und ich stelle mich als Du zur Verfügung, als Resonanzangebot. Bubers “Ich werden am Du”. Und wenn der andere nicht mitschwingt? Auch gut. Manche Wellen kollidieren zu spektakulären Wasserfontänen und lösen sich dann auf.

Resonanz als Tor

Resonanz, dieses Mitschwingen, das meine bisherigen Texte durchzog, wird im Nondualismus zum Tor der Erkenntnis. Wenn ein Gedanke, ein Lied, ein Blick in dir widerhallt, ist das kein Zufall: Es ist das Bewusstsein, das sich selbst erkennt. In der Tradition des Sufismus oder des Zen ist Resonanz die “Gnade des Augenblicks”, dieser Moment, in dem die Welle merkt, sie ist der Ozean. Eckhart Tolle beschreibt es als “Präsenz”: Wenn du voll anwesend bist, ohne “Ich-Geschichte” (ein anderer Begriff für Ego), emergiert Resonanz aus sich selbst heraus. Sie webt das Neue: Eine Idee resoniert, und plötzlich fließt sie in Worte, Handlungen, Verbindungen – nicht erzwungen, sondern enthüllt.

Wo anfangen?

Nondualismus ist ein Tun – oder besser: ein Sein. Wo also anfangen?

Werde Dir gewahr, wie, wann und wen du urteilst. In jedem Urteil steckt Trennung: Die Bösen sind immer “die anderen”. Das Böse ist immer “da draußen”. Aber wo ist es in dir? Was hast Du heute “böses” getan? Deinen Kollegen schlecht gemacht? Den Busfahrer? Einen politisch Andersdenkenden? Dein Kind angeschrien? Den Hund geschlagen? Eben.

Schaffe Raum für Resonanz im Alltag: Beim nächsten Gespräch mit jemandem: Hör nicht, um zu antworten oder kontern, sondern um zu verstehen oder zu resonieren. Nicht jedes Gespräch muss dialogisch (Frage-Antwort) sein. Spür den anderen – das “Du” in deiner Präsenz. Und manchmal ergießt sich in diese Präsenz die Resonanz: Eine Idee entsteht, weil die Trennung fällt.

Schau genau hin: Nimm fünf bis zehn Minuten, setz dich hin, schließ die Augen und starte mit der bekannten Frage: “Wer bin ich?” Lass Gedanken kommen – “Ich bin der Körper”, “Ich bin meine Gedanken”, “Ich bin meine Rolle” – und schau sie an, ohne zu greifen. Spür, wie sie verblassen; zurück bleibt ein stilles Gewahrsein, ein “Ich bin”, das nichts braucht.

Was ist absolut wahr (oder was kann ich erkennen)? Nicht die Geschichten, nicht die Gefühle – nur das, was bleibt, wenn alles abgetragen ist. Ist es der Atem? Der Raum? Die Präsenz? Hier kollabiert die Dualität. Wiederhole es; zuerst tut es weh (Ego-Zuckungen, sagt McKenna), dann fließt das Neue – Ideen, Einsichten, die aus dem Urgrund quellen.

Das Neue atmet in Dir

Wahrheit ist nicht “da draußen”, sondern im Hinschauen selbst; Wirklichkeit ist eine Erscheinung, Realität ist das, was bleibt. Die Freiheit, zu sein, ohne zu werden. Alles ist da – in dir, als du. Wo anfangen? Genau hier. Atme ein. Spür die Welle und der Ozean lacht.

###