Die meisten Menschen wollen in Frieden leben - so das allgemein angenommene Gesellschaftsbild. Weshalb aber ist die Friedensbewegung, verglichen mit ihrem Auftreten auf Kundgebungen z. B. zum atomaren Abrüsten dieser Tage so schwach? Weshalb tun sich erbitterte Grabenkämpfe auf, wenn über Waffenlieferungen, Wehrhaftigkeit oder die Wirksamkeit internationaler Verträge und Übereinkommen diskutiert wird? Pascal Beucker zeigt in diesem Buch die Komplexität des Begriffs "Pazifismus" und macht deutlich, dass friedliebende Menschen, obwohl in diesem hehren Ziel vereint, hetereogene Motivationen und Ansprüche haben, die mitunter unvereinbar anmuten.
Relevanz und Erwartung
Rückblickend auf die Geschichte der Zivilisation muss leider attestiert werden, dass sich weltweit Menschen ständig in Kriegen befanden und weiter befinden werden. Viele glauben oder hoffen auf das Gute in uns, beschwören Frieden und Gewaltlosigkeit. Daher werden kriegerische Vorbereitungen und Auseinandersetzungen stets von pazifistischen Bewegungen begleitet. Angesichts der immer wiederkehrenden Kriegsausbrüche und wider der Einsicht in einen vernunftbasierten Humanismus, stellt sich die Frage nach der Wirksamkeit dieser Strömung.
„Pazifismus – ein Irrweg?“ fragt der Autor Pascal Beucker bewusst provokant. Er stellt dem Leser dieses Buches eine Übersicht über die Definitionen, die Entwicklungsgeschichte, die Formen und schließlich die Schwächen der in vieler Munde befindlichen Begrifflichkeit zur Verfügung. Der Rezensent nimmt sich diesen Themen und dem Buch an, da auch die Wertig- und Wirksamkeit des Internationalen Völkerrechts mit ihnen verbunden sind.
Überblick und Kernthese
Die Kernthese des Buches bedeutet dem Pazifismus in der Zeit des Friedens seine größte Stärke. Genau deshalb stelle er kein probates Mittel mehr dar, um Kriege zu verhindern, sobald sie ausgebrochen sind.
Der Autor verfolgt den Anspruch, diese Paradoxie aufzulösen. Er beleuchtet die Schwierigkeiten, von „dem einen Pazifismus“ zu sprechen, dessen Formen es vielerlei gebe und deren Motivationen z. B. religiös oder auf rationalem Kosten-Nutzen-Denken begründet sind. Ferner beleuchtet er die Entwicklung der Friedensbewegung von ihren Anfängen über die Ostermärsche und der Bewegung für das nukleare Abrüsten. Dabei wird deutlich, dass die Heterogenität der Akteure oft nur kurzfristig für das gemeinsame Ziel überwunden wird, nach nach dessen Erreichen aber wieder an unterschiedliche Interessen gebunden, dominant wird. Auch Dilemmata bzgl. der Kriegsdienstverweigerung werden beleuchtet und in theoretischen Szenarien auf ihre Logik und Gültigkeit geprüft.
Da der Autor seit mehr als 25 Jahren für die taz arbeitet und dabei in den vergangenen zehn Jahren in Berlin als Redakteur des Inlandsbüro tätig war, sind seine Einblicke beim Beschreiben der politischen Mitwirkungen auf die Entwicklung von z. B. Friedenskundgebungen von Sachkenntnis geprägt. Er nimmt dabei überwiegend die Rolle eines beobachtenden Chronisten ein, der Aussagen dokumentiert und Zusammenhänge einordnet.
Dieses Selbstverständnis prägt auch die Natur des Werkes, welches sich als Mittelstück in die Sachbuchtrilogie „Von Krieg und Frieden“ ein, die von Jörg Armbuster im Verlag W. Kohlhammer herausgegeben wurde. „Logik und Schrecken des Krieges“ (Jochen Hippler) betrachtet dabei verstärkt die Ursachen von Kriegen, während „Den Frieden verteidigen“ (Hartweg von Schubert) sich mehr auf aktivistische Elemente, auf Wehrhaftigkeit und das Völkerrecht stützt. Der Rezensent hat beide erwähnten Werke nicht gelesen und äußert sich nachfolgend weiterhin ausschließlich zu Pascal Beuckers Werk.
Im weiteren Verlauf des Buches betrachtet der Autor den Antimilitarismus, ausgehend von den sozialdemokratischen und sozialistischen Parteien in Deutschland und spricht über Waffenlieferungen und Wehrhaftigkeit. Er wendet im Verlauf seiner dargebrachten Argumentationen diese stets auf den aktuellen Krieg in der Ukraine an.
Stärken und Schwächen des Buches
In „Pazifismus – ein Irrweg?“ benennt der Autor die Komplexität der Begriffe „Pazifismus“ und „Friedensbewegung“. Er stellt die Historie der begrifflichen Nutzung methodisch in unterschiedlichen Definitionsversuchen dar, welche er, darauf aufbauend, in ihrem Wirken anschließend analysiert.
Sein Vorgehen ist strukturiert und einsteigerfreundlich gehalten. Über die unterschiedlichen Themen wie z. B. „Pazifismus“, „Ostermärsche“ oder „Waffenlieferungen“ referiert er in abgeschlossenen Blöcken und handelt Informationen und Thesen dabei in fiktiven Kurzszenarien bzw. rhetorischen Fragen ab. Somit gibt es keine großen Sprünge zw. den einzelnen Betrachtungen; Querverweise erfolgen, wo sie notwendig sind. Der Leser kann sich so sukzessive in die Begrifflichkeiten einfinden, ohne die Übersicht zu verlieren. Dabei wirkt die Abhandlung der einzelnen Kapitel organisch und logisch.
Obwohl Beucker die politischen Akteure in Bezug auf pazifistische Strömungen, Ostermärsche und Debatten über Waffenlieferungen oder Wehrdienst benennt, befasst sich der Text auf politischer Ebene primär mit den deutschen Sozialdemokraten und einigen namenhaften Vertretern der Linken. Das mag an der langen Geschichte der Sozialdemokratie liegen, welche bereits in ihren Anfängen ein gespaltenes Verhältnis zum Antimilitarismus hatte, doch im allgemeinen bleiben Positionen des konservativen und liberalen Lagers wenig ausgeleuchtet.
Im Allgemeinen behält Beucker einen offenen und objektiven Ton, stellt Argumente und Gegenargumente mit ausreichend Raum gegenüber und versucht dem Leser dessen Urteil zu lassen. Dieses Vorgehen ist lobenswert, wird allerdings im mit Fortschreiten des des Buches nach Meinung des Rezensenten etwas aufgeweicht. Hier macht es den Anschein, dass sich die Argumente zwingend logisch präsentieren und nach verkürzter Debatte nur noch zweifelsfreie Schlussfolgerungen zulassen, deren Legitimation auffällig durchweg moralisch konstituiert wird. Es sind die Momente, wo der Autor die Ergebnisse seines vorher sorgfältig aufgebauten Argumentationskonstruktes auf den aktuellen Ukraine-Krieg anwendet, aber dabei die Position der Neutralität verlässt. Natürlich ist es unmöglich, sich auf wenigen Seiten tiefgehend mit der Frage nach der moralischen Rechtmäßigkeit eines Krieges zu beschäftigen, doch spürt man als Leser, dass der Sprachgebrauch des Autors bestimmte Positionen und Meinungen unterstreicht.
Während der Text beispielsweise durch eine lange Hinführung die Notwendigkeit von Waffenlieferungen an die Ukraine rechtfertigen möchte, wird im Gegenzug die kontinuierliche NATO-Osterweiterung nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aus ca. zwei Seiten abgehandelt. Falls das Argument, dass es keinen schriftlichen Abmachungen zur Begrenzung der NATO gibt und sie damit nicht bindend seien, der Grund für das Übergehen dieses Faktes ist, hätte er aus Sicht des Rezensenten erwähnt werden müssen. Auch bedient sich der Text Wörtern und Wendungen, welche ein Vokabular bilden, das tendenziöse Argumentation begünstigt.
Abgesehen von diesen Einschränkungen, erfüllt das Buch sein selbstgegebenes Ziel: In der Einleitung schreibt der Herausgeber, dass das Buch kein Ratgeber, sondern ein Stichwortgeber sein soll, um Debattanten ein Wissens- und Argumentationsfundament zu geben. Wer über Pazifismus oder verwandte Themen sprechen will, muss die Erkenntnisse von dessen Uneinheitlichkeit und Wandelbarkeit, in seinen Argumentationen berücksichtigen können bzw. sich darauf einstellen, da man sonst von falschen Annahmen ausgeht. Das Buch hilft, ein kollektives Grundverständnis für die Komplexität der Fragestellungen zu entwickeln.
Eignung und Empfehlung
Mit diesem Buch liegt den Lesern eine informative Kurzfassung vor, um eine gedankliche Grundlage zu entwickeln, die Notwendigkeit des Pazifismus zur Vermeidung von Konflikten im Vorfeld argumentativ zu bekräftigen. Gleichzeitig wird man sich den Ursachen der Schwächen bewusstwerden, welche die Friedensbewegung in sich trägt und welche in ihrem öffentlich wahrnehmbaren Niedergang zu Tage kommt.
Wer sich für die Geschichte und die Grundannahmen einer gewaltlosen Lebenseinstellung interessiert, findet neben dem Text auch eine kurze, tabellarische Chronologie des Pazifismus und der Friedensbewegung sowie Quellen zur weiterführenden Literatur.
Da im Krieg die Wahrheit bekanntlich zuerst stirbt, ist es wichtig, sich auf die verlässlichen Angaben der Vergangenheit berufen zu können. Nun ist jeder von uns angehalten, eigene Argumentationen aufzubauen Paradoxien aufzulösen. Dieses Buch kann die ersten Schritte im kritischen Rezipieren anregen. Beucker, nach eigener Aussage anerkannter Kriegsdienstverweigerer, verbindet diese These auch mit der Forderung nach mehr Wehrfähigkeit – ein exemplarisches Spannungsverhältnis, dass die Komplexität der geführten Debatten trefflich veranschaulicht.
Pazifismus – ein Irrweg?
Pascal Beucker
W. Kohlhammer Verlag
ISBN-13: 978-3170434325
Dieser Beitrag wurde mit dem Pareto-Client geschrieben.
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