Ein Ansatz, wie die Blockade in der Friedensbewegung überwunden werden kann. Von Bernd Schoepe. (Teil 4/4)
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Abschließender Vorschlag zur Güte
Meinen abschließenden Vorschlag möchte ich leicht satirisch als „Abrüstungsbeitrag für die Friedensbewegung“ annoncieren. Die darin enthaltenen Anregungen und Überlegungen sind trotz ihres utopischen Überschusses aber durchaus ernst gemeint!
Wie wäre es, wenn in der Friedensbewegung
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nachdem sich die unterschiedlichen Initiatoren/Organisatoren auf einen Forderungskatalog geeinigt hätten, der den friedens- und freiheitspolitischen Mindestkonsens aller Teilnehmer zum Ausdruck bringt – alle Partei- und Organisationsfahnen, - Banner und - Abzeichen, kurz: „die gesamte Palette trennender Symbolik“ (Melchior Ibing), einfach zu Hause gelassen würde?
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die Demonstrierenden sich nur hinter wehenden Flaggen mit Friedenstauben, dem Peace-Zeichen oder dem Pace-Regenbogen versammeln würden?
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sie nicht vorgegebene Schilder mit Parteiparolen und Gewerkschaftslosungen trügen und blockweise damit in Erscheinung träten, sondern bunt gemischt selbst gestaltete Transparente mit eigensinnigen, individuellen Gedanken und Forderungen und selbst ausgedachten Weckrufen zu Krieg und Frieden, die an ihre Mitmenschen appellieren sollen, in die Höhe hielten? Darauf stünde zu lesen, was ihnen wichtig ist, weshalb sie auf die Straße gehen und warum sie gemeinsam für eine bessere, dem Friedensgebot unseres Grundgesetzes folgenden, Politik streiten wollen.
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dann noch die Redner nicht als Redner von Parteien und Organisationen zu uns sprächen, sondern als Bürger zu Bürgern oder besser noch: als Republikaner zu Republikanern? Man würde sie möglichst plural so auswählen, dass das ganze Spektrum an Meinungen, das bei ehrlich und aufrichtig von Herzen friedenswilligen Menschen zu diesem Thema vorkommen kann, also die die ganze Bandbreite möglicher Aspekte, gut abgedeckt wäre, so trefflich repräsentativ wie es eben geht. Die Friedensbewegung würde das Bewusstsein vermitteln, dass es bei ihren Manifestationen um nichts weniger als die Verhandlung der res publica, der gemeinsamen Sache als öffentlichem Wohl ginge. Damit könnte sie einen wichtigen Beitrag zur Überwindung der gegenwärtigen partikularistischen, in Destruktion und Anomie umschlagenden Ordnung leisten.
Meiner Ansicht nach entspräche das dem berechtigterweise oft dieser Tage zitierten Satz „Der Frieden ist nicht alles, aber ohne Frieden ist alles nichts“ von Willy Brandt viel mehr als Parteientaktik, NGO-Lobbyismus, Ausschlusseritis in Folge der Brandmauer-Doktrin oder ähnlich spaltenden Doktrinen (wie z.B. „Antisemitismus“) und allen gesinnungsethisch dekretierten Reinheitsgeboten. Diese können bestenfalls zur Wahrung des Gefühls dienen, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen. Womit sie das Bedürfnis nach risikolos-kommoder Selbstbestätigung in der eigenen Gruppe bzw. ideologischen Blase vermutlich perfekt befriedigen können. Produktiv im Sinne eines Empowerments der Friedensbewegung sind diese Prozesse, Strategien und Tabus jedoch nicht. Eine Massenbewegung kann dadurch nicht entstehen. Setzt man Fragen des Empowerments an die erste Stelle, müsste das Finden von Gemeinsamkeiten, handlungslogisch und natürlich ganz praktisch, vor allem anderen stehen!
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Freilich: Wenn die Linken der Linkspartei mit den Linken bzw. den (aus deren Sicht) Rechten des BSW bzw. mit den Rechten, nein, den Rechtsextremen oder Nazis der AfD (je nachdem, aus beider Sicht) zusammen protestierten, würde das allen – machen wir uns nichts vor – sehr viel zähneknirschende Überwindung abverlangen! Aber sie müssten dann ja raten: Who is Who? – in der von Parteiabzeichen und ähnlichen Gruppen-Identitätsnachweisen bzw. von allen spalterischen Elementen befreiten Version der Friedensdemo 2.0., die ich gerade an die Wand gemalt habe. Und schauen wir uns daraufhin, wenn die Bürger auf dem Podium dann noch wie Bürger reden – und nicht wie Partei- oder Friedensfunktionäre, die nur vorgefertigte Skripte verlesen – in der Menge um. Versuchen wir festzustellen, welche Bürger welche Redner mit besonders viel Beifall bedacht haben werden, in der Hoffnung, uns am Ende dann doch wieder unseres festen Weltbildes mit seiner manichäischen Einfalt vergewissern zu können. Erlauben wir uns aber einmal diese Abweichung und hören den anderen als Menschen zu, statt sie gleich wieder als Differenz, Gegner oder Feind zu markieren. Hören wir genau hin…Und lassen wir das Bild einer Einheit durch lauter Individuen und nichts als Individuen auf uns wirken… (Individuum = das einzelne, in seiner Gesamtheit unteilbare Wesen).
Wie das gemeinsame Handeln den Raum politischer Freiheit schafft
Am Schluss möchte ich mit einem Gedanken aus der politischen Philosophie auf Gabriele Gysis Frage: “Warum beziehen sich die Friedensbewegten aus den verschiedenen Gruppen nicht aufeinander?” zurückkommen.
Hannah Arendt zufolge wird durch das Aufeinander-Beziehen im Sinne eines spontanen Handelns der Raum der politischen Freiheit erst geschaffen. Er „verschwindet“, wie Arendt in „Freiheit und Politik“ schreibt, „sofort, wenn das Handeln aufhört, das Sichverhalten und Verwalten anfängt oder auch die Initiative erlahmt, neue Anfänge in die Prozesse zu werfen, die durch das Handeln entstanden sind.“ (33)
Eine Menge, die sich von Brandmauern und anderen Ideologieverboten und deren Urhebern nicht länger trennen und spalten lässt, sondern durch den Friedensgedanken im Handeln und durch die Überzeugung verbunden wird, dass Konflikte friedlich gelöst und wir trotz unterschiedlicher Interessen und Sichtweisen Gemeinsamkeiten finden können, könnte an der Stelle, an der wir uns befinden – wo Frieden und Freisein zurückgedrängt werden und wir uns in einer Epoche wiederfinden, „in der alles im spezifischen Sinne Politische erstarrt oder in einen ausweglosen Automatismus geraten ist“ (34) – der Anfang von etwas Neuem sein. Denn „in dem Zusammenhandeln realisiert sich“, so Arendt, „die Freiheit des Anfangenkönnens als ein Freisein“ (35). Und die Möglichkeit eines solchen Ereignisses, das für Arendt gleichbedeutend damit ist „in der Politik mit dem Unvorhersehbaren zu rechnen“ (36), wäre seiner Potenz nach kraft- und verheißungsvoll genug, dass die Gemeinsamkeiten sich als so tragfähig erweisen würden, eine bessere Welt darauf aufbauen zu können.
Eine Welt, die, wie Erich Fromm in dem diesem Aufsatz vorangestellten Zitat schreibt, „auf Gerechtigkeit und Gleichheit beruht“.
Könnte das nicht eine mitreißende Vision sein, daran mitzutun?
Anmerkungen
***
(33). Hannah Arendt, Freiheit und Politik, in: Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I, München 2012, S.224.
(34). Ebd., S.225.
(35). Ebd.. Hervorhebung im Original.
(36). Ebd., S.223. Vollständig lautet der Satz: „Gar nicht abergläubisch, sondern nur realistisch ist es, in der Politik mit dem Unvorhersehbaren zu rechnen, auf es gefaßt zu sein und Wunder dort zu erwarten, wo sie tatsächlich dauernd möglich sind.“
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