Das Bewegen in verschiedenen Koordinatensystemen, keine Chance
Sehr geehrte Eltern,
ich bin der Klassenlehrer Ihres Sohnes Fritz, dessen Zick-Zack-Kurs im Unterricht ein Ausmaß erreicht hat, den man nur mit massiven Entzugserscheinungen von Slalomfahrten auf den Abfahrtspisten im schönen Sauerland erklären kann.
Ich habe jahrzehntelange praktische Erfahrung im Umgang mit Tatsachenwahrheiten und der Realität. Sowohl im Unterricht, als auch privat. Ich möchte gleich zur Sache kommen: Was das ständige Lügen Ihres Sohnes betrifft, so ist das eine Charaktereigenschaft, die ich nur in seinem Elternhaus und privat-sozialem Umfeld verorten kann. Als sein Lehrer ist es meine Aufgabe Wissen zu vermitteln. Es gehört nicht zu meinen Aufgaben, grundsätzliche Charaktereigenschaften weder zu fördern, noch diese zu korrigieren. Meine Aufgabe ist es positive Talente, die ich entdecke, im Rahmen meiner Möglichkeiten zu fördern und zu stärken. Das Lügen gehört nicht dazu. Es gehört nicht zu meinen Aufgaben, insofern erzieherisch tätig zu werden, in dem ich versuchen würde, ihm das Lügen abzugewöhnen.
Das Vermitteln einer gewissen Wahrheitsliebe, das Anstimmen des nach meiner Meinung nach allen Menschen innewohnenden Wahrheitssinn, ist für meine Begriffe eindeutige Aufgabe des Elternhauses.
Ihr Sohn wird täglich mit einem Privatflugzeug zur Schule gebracht. Sein äußeres Erscheinungsbild, zweifelsohne tadellos, lässt darauf schließen, dass er aus einem recht wohlhabenden Elternhaus stammt. Das sei ihm von Herzen gegönnt, ich kenne wirklich keinen Neid, doch es scheint etwas Wahres an dem Spruch zu sein: Geld verdirbt den Charakter. Nach seinem Schülerpraktikum bei Blackrock ist er noch verhaltensauffälliger geworden.
Die ständigen Lügen haben seitdem zugenommen. Inzwischen sind diese so massiv, dass die ganze Klasse aus dem Fenster schaut, ob es schon hell ist, wenn er nur „Guten Tag“ sagt.
Ich bin leider noch nicht fertig.
Das Lügen alleine wäre schon schlimm genug. Phantastereien, wie, dass ihr Sohn sicher ist, eines Tages einmal Bundeskanzler zu sein, gehören zu den „Spinnereien“, die für sein Alter vollkommen normal sind. Ich habe auch schon von anderen Schülern gehört, dass sie einmal Gesundheitsminister sein werden, obwohl sie eine Sechs in Biologie hatten und allenthalben maximal das Zeug, die mathematischen Grundkenntnisse hatten, zweitklassiger Leiter einer Bankfiliale in einem verschlafenen Nest irgendwo auf dem Land zu werden, wo sie keinen großen Schaden anrichten können.
Mindestens genau so schlimm, wie das Lügen, ist sein Auftreten, das ich hier näher beschreiben muss. Sein überselbstbewusstes Auftreten äußert sich in einer toxischen Mischung aus Selbstüberschätzung und Unfähigkeit. Dieses Auftreten kenne ich sonst nur von Menschen, die an dem Stockholm-Syndrom leiden. Wäre ich Psychologe, würde ich attestieren, dass dieses schon sehr weit fortgeschritten ist.
Weiter hat er sich einen, ich nenne ihn, eloquent-akzentuierten Sprachstil angeeignet, der sowohl bei den Mitschülern, als auch bei mir, ich muss es gestehen, eine Art von passiver Aggressivität auslöst, weil auch dem an kognitiven Fähigkeiten schwächsten Schüler in der Klasse auffällt, dass nicht das geringste dahinter steckt. Viele in der Klasse bezeichnen ihn als „Schaumschläger“, und das ist nur die harmloseste Bezeichnung, die anderen Bezeichnungen erspare ich Ihnen. Er prahlt ständig damit, was er alles kann und demnächst noch realisieren wird, nichts dergleichen ist bislang nachprüfbar eingetroffen.
Dieser Sprachstil ist obendrein noch durchtränkt, mit einer moralischen Hybris, die bei anderen, noch nicht so stark ausgebildeten Persönlichkeiten, den Eindruck erwecken kann, sie seien „der letzte Dreck“, bitte entschuldigen Sie auch diese Ausdrucksweise. Mit einer unverfrorenen Selbstverständlichkeit vermittelt Fritz, „die Weisheit mit dem Löffel gegessen zu haben“. Diese Überheblichkeit quillt aus jedem Wort, das er von sich gibt, so dass es zunehmend unerträglicher wird, ihm überhaupt zuzuhören.
Berichtet er meist ungefragt von seinen Zukunftsvorstellungen, sind die derartig überdreht, dass man aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr herauskommen will. Er selbst jedoch ist felsenfest davon überzeugt und über jeden Zweifel erhaben.
Mit voller Überzeugung erzählt er gestern, dass es Zeit ist, anzuerkennen, dass der Rasen grün ist, und nie anders als grün war, und morgen behauptet er, der Rasen sei rot und er hätte niemals etwas anderes gesagt. Ich gestehe, selbst mir bleibt da der Mund offenstehen und ich muss wie ein Karpfen nach Luft schnappen.
Als ich vor Kurzem für die Pausenaufsicht eingeteilt war, bekam ich auf dem Schulhof mit, wie nicht nur die Mitschüler, sondern sogar auch die Mitschülerinnen raunten, man müsse Ihrem Sohn bei passender Gelegenheit einmal auflauern und ihn mal so richtig ordentlich verprügeln. An dem Tag, als er entschuldigt mit Ihnen in Davos war, habe ich seine Mitschüler darauf angesprochen und es mit großer Mühe erreichen können, diesen Plan fallen zu lassen, womit ich zu meiner eigentlichen Bitte komme:
Im Interesse eines gedeihlichen Fortkommens des Unterrichts und zum Wohle aller, ersuche ich Sie hiermit, Ihren Sohn von der Schule zu nehmen und auf ein Internat zu schicken, wo er möglicherweise eher auf Gleichgesinnte trifft und sich sehr wahrscheinlich auch wohler fühlen würde. Möglicherweise könnte Salem für ihn der geeignete Ort sein. Ich wäre gerne bereit, Sie bei der Suche nach einer geeigneten Alternative zu unterstützen. All das wäre es mir wert, wenn er nur nicht weiterhin die ganze Klasse mit seinem unerträglichen Auftreten vergiften würde.
Bitte sehen Sie mir meine offenen und teilweise auch drastischen Schilderungen nach, ich bin wirklich sehr verzweifelt.
Mit freundlichen Grüßen
der Klassenlehrer von Fritz
Antwort der Eltern:
Sehr geehrter Herr Klassenlehrer, sehr geehrte Lehrer*innen,
danke für Ihre offenen Worte.
Wir möchten Sie daran erinnern, dass wir bei der dringend notwendigen Renovierung der Schule einen nicht unerheblichen Teil der Kosten großzügig und sehr gerne übernommen haben. Die kleine Landebahn für das Sportflugzeug, nebst umlaufender Langlaufbahn für den Sportunterricht sowie begrünte Ruhezonen für die Schüler, die auf dem nebenan der Schule brachliegenden, von uns gekauften Grundstück, wir haben bauen lassen, geht ebenfalls auf unsere Rechnung.
Wir denken gar nicht daran, unseren Fritz auf eine andere Schule zu schicken. Und erlauben Sie uns bitte auch offen zu sein: Wenn Sie der Lage und einem herausragenden Genie, wie unserem Fritz nicht gewachsen sind, dann legen wir Ihnen nahe, entweder die Schule zu wechseln oder vielleicht noch besser sogar gleich einen anderen Beruf zu ergreifen.
Mit freundlichen Grüßen
die Eltern von Fritz
(pareto und Friedenstaube auch auf telegram unter https://t.me/pareto_artikel und https://t.me/friedenstaube_artikel )
* (Wem meine Artikel gefallen: Einen Satoshi in Ehren kann niemand verwehren. Danke!)*
(Dieser Beitrag wurde mit dem Pareto-Client geschrieben.)
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