Geburtstagshelden

Ein Rückblick auf die runden Geburtstage in meinem Leben anlässlich meines 60ers mit der Ermutigung der Finnen, die zum alljährlichen Wiegenfest nicht "Kinder" sondern "Helden" feiern.

Jetzt ist es also so weit. Ich trete dem Klub der Sechzigjährigen bei. Ein paar Stunden habe ich noch, wenn ich diese Zeilen schreibe, wenn sie gelesen werden, dann bin ich wohl schon über diese Schwelle getreten.

Warum macht ein runder Geburtstag so viel mehr Drama als jeder andere? Die halbrunden haben zugegebenermaßen auch eine gewisse Dynamik, aber immerhin ist erst Halbzeit im jeweiligen Jahrzehnt. Und dann spielt da auch noch die Zahl vor der 0 eine nicht unbedeutende Rolle.

Mit 10 war ich – wenn ich mich richtig erinnere – stolz endlich zweistellig zu sein. Die 20 war meinem Gefühl nach weniger gewichtig als die 18, der Tag, an dem ich volljährig wurde. Da stand ich knapp vor der Reifeprüfung und der Entscheidung, ob ich nun meinen Militärdienst mache oder mich der damals noch üblichen Gewissensprüfung stelle, um Zivildienst leisten zu dürfen. Ich kneifte, die Macht meines Vaters, der Berufssoldat war, war noch zu groß. Die Matura bestand ich mit gutem Erfolg, auch in den Fächern, wo ich in all den verlorenen Schuljahren nicht so toll performte, namentlich Englisch, Latein und Französisch. Den Einser in Deutsch verhaute ich mir mit einem „dass“-Fehler. OK, sei’s drum, nachher hat nie mehr jemand danach gefragt und ich bin heute ein durchaus erfolgreicher Lernbegleiter in der deutschen Sprache und ein auf verschiedenen Ebenen nahezu perfekt Schreibender.

Die 30 war geprägt von einem großen Lebensumbruch, der rund zwei Jahre davor mit einem Burnout begonnen hatte und sich zu diesem Zeitpunkt im Bruch mit meinem ganzen alten Leben inklusive der bereits gegründeten Familie manifestierte. Ab da fuhr ich fast 14 Jahre mit 180 durch meine Existenz, machte in „bester“ Begleitung so in ziemlich allen Lebensbereichen unzählige Fehler, die noch bis heute nachwirken und die ich – bis jetzt - nicht alle wieder gut machen konnte.

Und ich wechselte meine Frisur – vom schulterlangen Lockenhaar bis zur Vollglatze – jedenfalls öfter als Beruf und Beziehung. Ein Phänomen an das mich heute der Fußballer Antoine Griezmann erinnert, den man auch im Monatstakt mit anderer Haarpracht sehen kann. Der könnte übrigens mein Sohn sein, er ist sogar ein Jahr jünger als meine jüngste Tochter.

Knapp vor meinem 44. Geburtstag bewahrte mich meine heutige Frau vor dem Totalcrash. Und so konnte ich meinen 50er schon in tatsächlich guter Gesellschaft verbringen. An diesem Geburtstagsabend durfte ich im Wiener Bücherschmaus, der von zwei lieben Freunden gegründet worden war, eine Lesung aus meinen Texten machen – ein sehr gelungener Event. Für dieses Fest hatte ich sogar einen Dialog verfasst, der als Broschüre auflag und den ich mit meiner Liebsten auch vertont hatte. Nicht mein stärkster Text, zugegebener Maßen. Zuviel Philosophie und Moral, ein wenig zu sehr konstruiert, zu wenig Herz.

Von da an feierte ich jedes Jahr in kleineren und größeren Runden in meinem Zuhause. Den 55er schaffte ich gerade noch vor dem ersten Corona Lockdown, ein Jahr später waren nur noch zwei der Gäste von damals wieder bei mir; aber dafür eine große Zahl von neuen Menschen, die sich in diesen irren Jahren von Woche zu Woche bei uns zuhause trafen, um gemeinsam durch den so genannten Pandemie-Wahnsinn zu gehen.

Kurz danach ging es mit Frau und Sohn auf Reisen. Und wir reisen immer noch. So findet der 60er rein feiertechnisch in kleinstem Rahmen statt. Ganz lassen will ich die Öffentlichkeit aber nicht. Auch diesmal wird es eine Lesung geben, allerdings als Video – für alle, die gemeinsam mit mir einen Blick auf mein (Dichter-)Leben werfen wollen. „60 Jahre und kein bisschen leise“ wird das Programm heißen, dass voraussichtlich am 27. Februar seine Premiere auf Odysee und im Pareto Space feiern wird. Ich freue mich, wenn Sie, wenn ihr dabei sein wollt.

Denn der 60er hat mehr Ecken und Kanten als jeder andere Geburtstag davor. Und das liegt mehr an den äußeren Einflüssen, die ich zu sehr verinnerlicht habe, als an den tatsächlichen Umständen in meinem Leben.

Was wurde mir da nicht alles von Menschen, die diese Schwelle schon überschritten haben, gesagt. Was macht da nicht alles die Gesellschaft, in der wir leben, daraus. Es handelt sich – außer man frönt der Werbung, die naturgemäß jedes Alter schönzufärben weiß – um durchaus negative und entmutigende Botschaften, etwa „Wie viele Jahre noch?“ oder körperlicher Verfall oder ausgedienter Gaul mit Aussicht auf Gnaden- oder Schlachthof. Um nur einige zu nennen. Ich muss gestehen, dass mich der Tod mehr den je beschäftigt – und dass ich trotz all des Todesmutes in meinen Texten, vor allem in der Kolumne „Moriturus T. Salutat“, sehr dunkle Tage durchleb(t)e. Mein Sohn, demnächst 15, hat mich sehr eindrücklich darauf angesprochen, dass ihn das bedrückt.

Und so habe ich all meinen Mut zusammen genommen, um mich in die Gegenwart zu begeben. Zu spüren, zu erfahren, zu erleben, was alles jetzt ist und jetzt noch möglich ist. Und dennoch darauf zu achten, das Notwendige zu tun, die offenen Baustellen so gut wie möglich abzuschließen, so dass die nächsten Jahre von Freude und Lebensmut begleitet sind und auch das Ende, wann auch immer es ansteht, gut bewältigt werden kann – für mich, aber vor allem für die, die ich liebe.

Die Finnen haben für diese und eigentlich alle Geburtstage, den Begriff „syntymäpäiväsankari“ geprägt, was übersetzt „Geburtstagsheld“ heißt. Das spricht mich sehr an. Statt Kind ein Held. Nun gut, dem will ich gern entsprechen. Und auch dem Grundsatz, dass Älterwerden allein noch kein Verdienst ist, sondern von Jahr zu Jahr ein Stück mehr an Verpflichtung, das Erlebte, das Erfahrene und die eine oder andere Weisheit, so sie denn schon reif ist, mit den jüngeren Generationen zu teilen.

Abschließend noch ein herzliches Dankeschön an alle, die mich auf die eine oder andere Weise, in der Nähe und in der Ferne, begleiten und damit mein Leben um so viel reicher machen, als ich jemals zu hoffen wagte. Ich freue mich, wenn wir gemeinsam weiter durch’s Leben gehen.

60 Jahre und kein bisschen leise

Michael Karjalainen-Dräger aka M.A. Karjalainen erzählt aus seinem (Dichter-Leben) und liest aus viereinhalb Jahrzehnten Texten & Dichtung

ab 27.2.26 auf Odysee und im Pareto Space


Bild von MiO66) auf Pixabay66)

Dieser Beitrag wurde mit dem Pareto-Client geschrieben.”

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