Ein weiterer meiner inneren Heimathäfen ist seit vorigem Frühjahr Geschichte: das Café Mocca musste bedauerlicherweise Insolvenz anmelden wie ich gerade erst erfahren habe. Eine Reminiszenz von M.A. Karjalainen.
Heute las ich in der österreichischen Tageszeitung KURIER, dass das Café Mocca in der Wiener S-Bahn-Station Gersthof einen neuen Betreiber hat. Die für seine Bierlokale bekannte Centimeter-Gruppe (eine ihrer Gaststätten liegt genau gegenüber der Neuerwerbung) plant im Sommer in den Räumlichkeiten ein Café und eine Weinbar einzurichten und den großen Gastgarten als eigene Gastro-Station mit separatem Angebot zu betreiben, da den Kellner nicht zugemutet werden könne, dass sie ständig durch die Station gehen müssen. Das war tatsächlich eines der Besonderheiten dieser Institution.
Aber der Reihe nach.
Es war ein Zufall, dass ich das Café Mocca für mich entdeckte, die genauen Umstände sind mir leider entfallen. Als ich in nach siebenjähriger Auszeit wieder in meine Geburtsstadt Wien zurückkehrte, um sie dann einige Jahre später doch wieder Richtung Niederösterreich zu verlassen, war ich öfter mit der so genannten S 45 unterwegs, einer Schnellbahnlinie, die Heiligenstadt im 19. Bezirk bzw. Handelskai im 20. Bezirk mit Hütteldorf im 14. Bezirk verbindet und dabei den 16., 17. und 18. Bezirk mit insgesamt 9 Haltestellen durchfährt. Als leidenschaftlicher Kaffeehausgeher war ich angetan vom Ambiente des Lokals, das in der Traditon klassischer Cafés eingerichtet war: geölter matter Parkettboden, runde Marmortischchen, Sesseln im Thonet-Flair, und mit rotem Samt bezogene Bänke und Sitzflächen. In den ersten Jahren nach unserem Kennenlernen gab es auch noch kein Rauchverbot, also herrschte auch die rauchig-heimelige Atmosphäre, die ich als Gelegenheits- und Genussraucher von Zeit zu Zeit gerne aufsuchte. Wenig später dann wurde ein eigener Raucherbereich eingerichtet, was aufgrund der Aufteilung des Lokals in drei Bereiche recht gut und ohne dass es den räumlichen Eindruck ge- oder sogar zerstört hätte möglich war. So hatte ich sogar die Möglichkeit, meinen (Nicht-)Raucher-Bedürfnissen nach Lust und Laune zu folgen.
Das gleiche galt fürs Essen: klassisches Kaffeehausangebot mit Mehlspeisen gab es ebenso auf der Karte wie klassische Wiener Küche und kleine Snacks. Auch das Frühstücksangebot, das ich nicht nur einmal genoss, konnte sich sehen und schmecken lassen. Es wurde auf diese Weise zu einem Paradies nicht nur für meine schriftstellerischen Auszeiten vom alltäglichen Leben und der Erwerbsarbeit.
Den vielgepriesenen Gastgarten suchte ich eher selten auf und wenn dann eher im Beisein meiner Frau und unserer Familie. Auch der war eine richtige Oase, obwohl er direkt an dicht befahrenen Straßen lag; durch eine gekonnte bepflanzte Trennung vom Lärm der Großstadt und den Kiesboden fühlte man sich ein Stück weit in der Natur.
In der Stimmung dieses Ortes entstanden die eine oder andere Kurzgeschichte, die ich in meinen Laptop tippte, auch Gedichte nahmen dort ihren Ursprung und so mancher händische Tagebucheintrag stammt aus jener Zeit und von diesem Platz. Manchmal starrte ich auch nur in die Gegend oder beobachtete die anderen Gäste. Und auch meine weniger geglückte Kompsoition „Leben! Auf gutem Grund.“ spielt in genau dieser Lokalität. Dadurch bekommt sie im Nachhinein ein nicht erwartete Wichtigkeit. Vielleicht nehme ich mich dieser quasi weggelegten Veröffentlichung anlässlich meines 50ers nochmal an, lese sie mit neuen Augen, finde sie doch ganz gelungen oder überarbeite sie nochmals. Jedenfalls ist das Werk, für die, die es auch in dieser Erstfassung lesen mögen, jetzt auch als E-Book verfügbar.
Traurig bin ich, dass ich das Mocca nicht mehr besuchen werde können, was allerdings seit meinem Aufbruch in der Corona-Zeit in die weite Welt ohnedies fraglich war. Wien und Österreich sind mir fremd geworden, denn eine Heimat muss anderes bieten. Sie im Außen zu finden ist mir offenbar ohnehin nicht möglich, im Inneren folge ich ihren Spuren, ohne jedoch schon angekommen zu sein.
Das Mocca hatte etwas von dieser Heimat, weil es mir die gewünschte Geborgenheit im Inneren schenkte für die Stunden, die ich dort verbringen durfte. Es reiht sich damit in die anderen Stätten ein, die ich vorher aufsuchte, so etwa das alte Café Drexler am Naschmarkt mit seinem Chef, der in den frühen Morgenstunden nach einer durchtanzten Nacht Lebensspendendes servierte, das alte Jelinek am Loquaiplatz in Mariahilf mit den skurrilen aber liebevollen und immer zu einem Plausch aufgelegten Betreibern und das Carina im Stadtbahnbogen bei der Josefstädterstraße im Achten - bevor es renoviert wurde -, in dem ich meine finnische Frau nach unserer Bekanntschaft auf Facebook bei einem Bier endlich persönlich kennenlernte.
Das Mocca war das letzte in dieser Reihe und hat daher einen besonderen Platz in meinem Herzen. In die Trauer mischt sich die Dankbarkeit, dass wir uns begegnet sind und die Erinnerung an diese wunder-vollen Stunden, die wohl bis zur Stunde meines Todes präsent sein werden.
Hier einige Links zu Fotos vom Café Mocca:
https://servus-in-wien.at/szene/cafe-mocca-im-herzen-von-gersthof/
https://www.meinbezirk.at/waehring/c-lokales/ein-kaffee-la-otto-wagner-wartet-im-caf-mocca_a6366738
https://www.tripadvisor.com/Restaurant_Review-g190454-d11802510-Reviews-Cafe_Mocca-Vienna.html
Bild von Holger Langmaier21) auf Pixabay21)
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