Die Abspeck-Mafia: Nestlés geheimes Netzwerk an Universitäten und Kliniken

Wie der größte Nahrungskonzern der Welt auch noch aus den Leiden der Dicken Profit schlägt

Sina hat abgenommen. Schon 12 Kilo! Und sie will weitermachen. Denn so richtig schlank ist sie immer noch nicht.

Das Fernsehen ist begeistert: Was für eine “beeindruckende Frau“! Und sie gibt nicht auf! Trotz „diversen erfolglosen Diät-Versuchen“ macht sie jetzt mit bei diesem „Abnehmprogramm an der Uniklinik Göttingen“, erfahren wir in diesem Film, der ein bisschen wirkt wie ein Werbevideo.

Was der ARD-Sender nicht sagt: Wer dahintersteckt. 

Denn in Wahrheit ist das vermeintiche Programm der Uni Göttingen ein Geschäftsmodell. Und zwar ausgerechnet vom größten Nahrungskonzern der Welt.

Echte Professoren als Nestlé-Filialleiter

Nicht nur in Göttingen, sondern überall im Lande gibt es Filialen, viele an Universitäten und Kliniken. Unter Leitung von echten Professoren und Ärzten in weißen Kitteln. Es soll das einzige Programm sein mit nachgewiesenem Erfolg, behaupten sie jedenfalls.

Aber genau das ist ja das Problem: Kann man solchen Leuten glauben? Oder denken die sowieso nur ans Geld, ihren eigenen Vorteil? Und ans Wohl ihrer Geschäftspartner vom größten Food-Multi der Welt, mit dem nicht ganz so blütenweißen Ruf?

In der seriösen Wissenschaft wachsen die Bedenken gegenüber solchen Geschäftsverbindungen zwischen Professoren, die von uns allen bezahlt werden, um unsere Gesundheit zu fördern, und den „Industrien des Ungesunden“ (mehr dazu hier).

Sie schaden nicht nur der Glaubwürdigkeit der Forschung, wie das wichtigste Wissenschaftsjournal der Welt fürchtet, sondern auch unserem Wohlergehen. Es sei an der Zeit, mahnt ein medizinisches Top-Medium, „die Gesundheit über den Profit zu stellen“. 

Bei Nestlés Netzwerk an Universitäten und Kliniken geht es natürlich in erster Linie um den Profit. So ganz verborgen sind die Zusammenhänge dabei nicht. Geheim bleibt alles nur, weil sie es nicht an die große Glocke hängen und die Medien den Mangel des Schweigens darüber breiten.

Natürlich operiert diese „Mafia“ nicht mit Schutzgelderpressung, Menschenhandel, Mord und Totschlag. Aber durchaus auch mit illegalen Mitteln. Sie hat Verbindungen in höchste Entscheiderkreise von Behörden und Politik, national sowie international.

Und um Leben und Tod geht es tatsächlich auch.

Denn wir sprechen nicht nur von privatem Leid, wie bei Sina, von Hänseleien unter Kindern bis hin zu Mobbing, vom Schnaufen beim Treppensteigen und Schwierigkeiten beim Binden der Schnürsenkel.

Maximale Profite mit dem Leid der Dicken

Übergewicht ist mittlerweile zu einem Menschheitsproblem geworden, mit zahlreichen Krankheiten verbunden, von Herzleiden über Krebs bis zur „Zuckerkrankheit“ Diabetes, inklusive Erblindung und Amputationen.

Es ist wahnwitzig teuer, bringt die Sozialsysteme an die Grenzen, treibt die Abzüge auf dem Gehaltszettel in die Höhe. Allein in Deutschland soll die „Adipositas-Epidemie“ nach brandneuen Zahlen unglaubliche 113 Milliarden Euro kosten.

Umso gefährlicher ist diese Allianz, die sich hier zusammengeschlossen hat, um maximalen Gewinn zu schlagen aus einer Notlage der Patienten.

Profit schlagen aus der Not von Patienten

Die wähnen sich in guten Händen an den Universitäten und Kliniken. Bei Professoren, denen sie vertrauen, ohne zu ahnen, dass es ihnen vor allem um Profit geht. Ihren eigenen und den ihres Geschäftspartners, dem weltgrößten Hersteller ungesunder Nahrung - und damit einem der Hauptverursacher von Übergewicht.

Denn eigentlich gibt es so etwas gar nicht. Jedenfalls nicht in der Natur. Es gibt keine Adler, die wegen Wampe nicht abheben können. Keine übergewichtigen Löwen. Keine adipösen Antilopen.

Kaum etwas hat der liebe Gott (oder Mutter Natur) so penibel organisiert wie die Regulierung unseres Gewichts. Weil es so wichtig ist für unsere Existenz.

Da muss schon einiges kommen, um dieses System aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Industrielle Nahrung, zum Beispiel. Je mehr davon die Leute konsumieren, desto mehr Dicke gibt es, wie Berge von seriösen Studien zeigen (Grafik: republik.ch / Datenquelle hier).

Nestlé ist da natürlich ganz vorn mit dabei, als größter Nahrungskonzern der Welt. 60 Prozent seiner Produkte sind, nach eigenem Eingeständnis, ungesund.

Tütensuppen von Maggi. 5 Minuten Terrinen. Wagner Pizza. Kitkat. Smarties. Das ist Nestlé. Alles, was dick macht.

Und Optimed. Das soll schlank machen.

So heißt das Abspeckprogramm, an dem Sina teilnimmt. Es ist ein Geschäftsbereich des Konzerns, der ihn im Jahre 2006 vom Pharmakonzern Novartis übernommen hatte.

Abnehmen mit Nestlé und dick Chemie?

Bis vor kurzem hieß er Optifast. Jetzt: Optimed. Klingt mehr nach ärztlicher Maßnahme. In Wahrheit steckt Nestlé nicht nur dahinter, sondern auch drin: in der kalorienreduzierten Nahrung, die auch im Fernsehbeitrag mit Sina zu sehen ist. 

Pulver in silbernen Tüten. 12 Wochen lang gibt es so etwas. Fünf Shakes darf Sina täglich zu sich nehmen, insgesamt 850 Kalorien. “Wir haben Tomatensuppe, Kartoffel-Lauch-Suppe, Vanille-Creme und das ist jetzt Kaffee.” So erzählt sie uns im öffentlich-rechtlichen Fernsehen.

Alles mit dick Chemie, auch ganz üblen Sachen wie CarrageenPhosphatMaltodextrin, Geschmackskrücken wie Aroma und sogar Glutamat, auch Süßstoffen wie Aspartam. Also: die ganzen Ingredienzien der Industrienahrung. Damit sich nur ja keiner davon entwöhnt während der Abspeck-Kur.

Was das Fernsehen leider nicht sagt

Das alles sagen sie leider nicht im Fernsehen, im Film vom Norddeutschen Rundfunk (NDR). 

Dabei gehört die Abspeck-Filiale dort sogar zu den Ur-Zellen des Netzwerks; legendärer Leiter war der leider viel zu früh verstorbene Professor Volker Pudel, der es bis zum Präsidenten der ebenso mächtigen wie umstrittenen Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE))) gebracht hat, beliebt bei Medien auch wegen seiner irren Sprüche (»Wer abnehmen will, kann so viel Gummibärchen essen, wie er will.«).

Selbst die Mailadresse gehört zur örtlichen Georg-August-Universität. Gegründet wurde sie 1737, im „Zeitalter der Aufklärung“. Übrigens unter Federführung von Minister Gerlach Adolph von Münchhausen, einem entfernten Vetter des berühmten Lügenbarons. Seine Uni sieht sich heute, laut Eigenwerbung, „der gesellschaftlichen Verantwortung von Wissenschaft verpflichtet“.

Gift für die Glaubwürdigkeit

In der heutigen Zeit hat sich das natürlich ein bisschen verschoben. Im geheimen Abnehm-Netzwerk sind sie natürlich in erster Linie der federführenden Aktiengesellschaft verpflichtet: der Nestlé AG aus Vevey in der Schweiz. 

Und so etwas bleibt nicht ohne Folgen.

Weil die „Korruption“ natürlich Gift ist für die Glaubwürdigkeit der gesamten Branche. So nennen die seriösen Vertreter des Wissenschaftssystems solche finanziellen Verquickungen. Bis hinauf zu den Top-Journalen der wissenschaftlichen Welt: LancetBritish Medical JournalNature. Sie sind alarmiert. Weil es nicht gut ist fürs Image dieser Institutionen. Für uns alle. Für unsere Gesundheit.

Wenn die Professoren, anstatt nach der Wahrheit zu suchen, immer mit einem Auge auf ihren Kontostand schielen.

Wenn sie sich nicht mehr primär von den Fakten leiten lassen, sondern von den Finanzen.

Wenn ihre Urteilskraft getrübt ist, durch die Dollarzeichen in ihrem Auge, immer die Überweisungen aus den Industrien des Ungesunden im Blick.

Wenn auf diese Weise die Forschung verkommt zu Gefälligkeitsforschung und die Lehre zur Quelle von Irrlehren. Sogar an den einst angesehensten Universitäten.

Perfekte Tarnung für die Firma mit dem bösen Image

Wie an der ältesten in Deutschland, der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, gegründet im Jahre 1386. Auch da hat Nestlé eine Filiale. 

Und auch hier erscheint sie wie ein offizielles staatliches Angebot, inklusive Mailadresse vom Klinik-Account, beworben auf einer offiziellen Webseite vom Universitäts-Klinikum, dekoriert mit gleich gleich zwei ehrwürdigen Uni-Wappen.

Auch hier: Null Hinweis, dass der Nestlé-Konzern dahintersteckt. Für viele Inbegriff des Bösen. Da will er lieber nicht erkannt werden. Und die Universität hält sich ans Gesetz des Schweigens, will nicht als Arm der Abspeck-Mafia erkannt werden.

So ist das auch bei vielen anderen Niederlassungen an Universitäten und universitären Lehrkrankenhäusern.

Beim Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel etwa, der Universitätsmedizin Frankfurt, dem Universitätsklinikum Regensburg und diversen Akademischen Lehrkrankenhäusern im Lande, von der Universität Münster, der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) (siehe Grafik).

Alles wirkt offiziell, seriös, staatlich

Die Tarnung ist perfekt. Die Professoren sehen aus wie echte, sind es ja auch, werden von unserem Steuergeld bezahlt. Auch wenn sie in Gedanken bei ihrem Geschäftspartner sind und dem steten Geldfluss von dort: Auf ihrem weißen Kittel haben sie kein rotes Nestlé-Logo.

Und das Schönste: Sie können sogar ganz offizielle Studien machen, in denen sie zeigen, wie toll das Abnehmprodukt ihres Geldgebers ist.

Weil die professoralen Geschäftspartner oft zu den einflussreichsten ihres Faches gehören, können sie auch für ein angenehmes regulatorisches Klima sorgen, dank ihres Einflusses als Berater von Regierung, Behörden, Aufsichtsgremien.

Käufliche Professoren bewerten sich selbst

Sie können sogar die Methode, für die sie jeden Monat bezahlt werden, zum „Goldstandard)“ erheben und in den offiziellen Leitlinien zum anerkannten Instrumentarium erklären. 

Nestlé wirbt mit „fast 100 Studien“ und „beeindruckenden Ergebnissen“**. **Darunter einer, die sogar in einer Fachzeitschrift aus der renommierten „Nature“-Familie erschienen ist. Das Programm, heißt es da, sei „eine hochwirksame Behandlung von Adipositas“ sowie den damit einhergehenden Erkrankungen und mithin eine „vielversprechende Option für die primäre Behandlung von Adipositas“.

Finanziert wurde die „Studie“ vom Konzern aus der Schweiz und dem deutschen Staat in Gestalt des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (Förderkennzeichen FKZ 01GI0843), genauer: dem „Kompetenznetzwerk Adipositas“, dem die Firma ebenfalls angehört.

Verschlungene Geldströme

So geht es munter durcheinander mit staatlichen und kommerziellen Akteuren und Interessen. Das Geld fließt über verschiedene Kanäle, aus kapitalistischen Quellen, auch steuerlichen, von den Krankenkassen, zu den Professoren, die selbst über ihre Einkommensquelle urteilen dürfen.

„Alle Autoren“ seien in den Abspeck-Zentren der Nestlé-Tochterfirma tätig, heißt es am Schluss der „Studie“.

Hauptautor: Stephan C. Bischoff, staatlich alimentierter Professor und zugleich Nestlé-Filialleiter an der Universität Hohenheim bei Stuttgart.

Er gehört zu den einflussreichsten Vertretern seines Faches, ist einer der meistzitierten Forschern Deutschlands, Herausgeber der Zeitschrift „Aktuelle Ernährungsmedizin“. Und er ist sogar an den offiziellen Leitlinien beteiligt, die in der Medizin festlegen, was als anerkanntes Behandlungsverfahren gilt: Bischoff ist “Guideline Officer” der European Society of Clinical Nutrution (ESPEN). Und Mitverfasser der deutschen Adipositas-Leitlinie

Also: ein großer Glücksgriff für die Mutterfirma von Maggi, Smarties, Optimed. 

Keinerlei Berührungsängste

Der Professor hat keinerlei Berührungsängste gegenüber den „Industrien des Ungesunden“. Er ist neben seinem Hauptjob als Staatsbeamter auch hoher Funktionär beim weltweit einflussreichsten Lobbyclub des Ungesunden, dem International Life Sciences Institute (Ilsi))).

Auch wenn solche „Interessenkonflikte“ heute vielfach als anrüchig gelten: unsere Regierenden stören sich nicht daran. Sie haben den Nestlé-Filialleiter und Industrie-Funktionär Bischoff sogar in den „wissenschaftlichen Beirat“ des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) der deutschen Bundesregierung berufen. 

(Transparenzhinweis: Professor Bischoff hat zeitweilig an der DR. WATSON Datenbank der Zusatzstoffe mitgewirkt).

Der Nutzen des Nestlé-Programms? Naja

Nestlés Abspeck-Paket hat es unter seiner Mitwirkung sogar in die offizielle medizinische „Leitlinie“ geschafft, als Empfehlung Nummer 5.14 auf Seite 148. 

Nur: Es nützt leider nichts. Jedenfalls nicht auf Dauer. Denn: Leider sei „das Risiko für einen Wiederanstieg des Körpergewichts nach Programmende sehr hoch“.

Das sind jetzt keine guten Aussichten für Jana, die am Schluss des Fernsehbeitrages an der Göttinger Uniklinik auf einen Leidensgenossen trifft, der schon zum zweiten Mal hier ist, um sein Gewicht „in den Griff“ zu kriegen. Auch Sina findet es eine „richtig tolle Leistung, wenn jemand sagt, ich mach das nochmal“.

Besonders toll ist das natürlich für Nestlé. Die schönste Krankheit nützt ja nichts, wenn sie geheilt wird! Erst chronische Leiden sorgen für regelmäßigen Geldfluss bei den beteiligten Firmen und ihren universitären Helfern.

Für uns alle und auch für die Fülligeren unter uns wäre es natürlich besser, wenn wir es wirklich in den Griff kriegen würden, dieses Schicksalsthema der Menschheit, unserer Weltgemeinschaft: das Übergewicht.

Wenn sich auch die Forscher wirklich dafür interessieren würden, und nicht nur für ihren Kontostand. Die wahren Ursachen finden und benennen. Und nachhaltige Auswege aus der Misere, Lösungen für jenes Problem, das es in der Natur gar nicht gibt, und das erst in die Welt kam durch artwidrige Ernährung, durch Firmen wie Nestlé & Co.

Ist jemand an Bord, der sich mit Natur auskennt?

Was irgendwie fehlt, ist jemand, der sich mit Natur auskennt. Und eine Ahnung hat, warum es keine dicken Adler gibt. Sicher könnten wir von ihnen mehr lernen als von korrupten Professoren. Und billiger wäre es auch noch.

Mehr über die Figur-Geheimnisse aus der Natur, die Störungen in unserem Oberstübchen – und wie wir dauerhaft schlank bleiben:

Hans-Ulrich Grimm: Die Suppe lügt. Der große Ernährungsbetrug – und wie wir uns schützen.1-1)