durch die Menge
Nervensäge
Wenn Schönheit nicht schwach sein darf, sticht Hässlichkeit in die Lebensfreude, durchstößt
Charme, Humor, Spannung, Drama, Romantik bis zur Erotik und kommt erst beim billigsten Porno und effektreichsten Spektakel zum Stehen.
Ein durchgestochenes, durchlöchertes Menschenwesen verliert soviel seiner lebendigen Substanz, dass nur noch der Nervenkitzel ihm als letzter, spürbarer Reiz bleibt.
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Aber die Geschichte hört dort nicht auf.
Der am verstümmelten Nerv seiner inneren Entzündungswurzeln
herumspielende Geist, erschrickt und entsetzt sich.
Das Bewusstwerden des Schadens ist ein Schmerz, der Beobachter in jammernde Kreaturen verwandelt. Es ist derselbe Schmerz den ein Mensch empfindet, der in Erwartung nach Hause zurückkehrt, ein sicheres Heim vorzufinden und dann vor einer ausgebrannten Ruine steht. Verbrannt ist nicht bloß das Mobiliar und das Haus. Jede Vertrautheit, jede Erinnerung entstellt im ungezügelten Verbrennen ohne Moral. Nicht der restlos verbrannte Stoff der Polster, nicht die durchgeglühten Holzbalken, nicht die verrußten Ziegel. Nein.
Was fort ist, schmerzt nicht so. Leere hat kein Epizentrum, dass zu erschüttern wäre. Die Abwesenheit lässt sich umarmen und von der alten Nähe, dem lebendigen Gefühl zur verlorenen Sache anfassen.
Das was wirklich schmerzt, ist diese verkokelte Kuscheldecke mit kleinen Tieren, die Stofftiere.
Die stummen und entstellten Zeugen jener Kräfte, die keinen Unterschied machen und ihre unmissverständlichen Spuren dem liebevollen, netten, kleinen Nippes einbrennen,
an denen man sich so unschuldig das Herz gewärmt hat. Der dichte Qualm, so heiß und erstickend, dass es stinkt. Kein Eigenduft des Lebens überlebt, vom Rauch heiß zwangsgeschwängert.
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Eine Rakete ‚Hellfire‘ zu nennen und eine Drohne ‚Helsing‘ ist keine kreative Namensgebung.
So klingt die in der Wahrheit versteckte Wahrheit.
Eine nüchterne Werksbezeichnung für Menschenverbrennung, entlehnt aus religiöser Literatur oder Folklore. Von woher sollte man den Namen auch sonst entlehnen? Niemand sagt im Alltag Menschenverbrennung. Wenn es um
Menschenverbrennung geht, dann ist es immer nur ein bedauerliches Einzelschicksal und hat in und durch seine ungeschminkte Härte ohnehin bereits eine sehr geringe Chance auf häufige Erwähnung. Nein, wenn wir wirklich von
gezielter Menschenverbrennung sprechen, dann sagen Menschen dazu Sicherheit, Politik, oder Arbeit.
Im Schlaf verbrannt zu werden, gehört für nicht-Demokraten zum Berufsrisiko.
Auch für
Minderjährige.
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Nun schaut der Mensch nicht auf eine Ruine im Äußeren, er schaut auf die Innere Ruine. Nur ist es
keine Ruine. Eine Ruine ist eine Metapher, die Metapher verharmlost. Es ist ein verätzter Mensch
von innen. Ein amorph-verschmurgelter, gebeulter, welliger, matschiger Raum, der nur Form hält,
weil alles gleichermaßen ineinander verklebt und aufgelöst ist. Die weichen Zonen, die filigranen
Strukturen plattgeschmolzen wie ein Korallenriff nach dem Dynamitabwurf. Splitter, die bloß für die noch eine Bedeutung haben, die wissen, wie’s mal war.
Der erste Schlag ist dieser zerfetzte Schnürsenkel, der mal in deinem Inneren wie ein wunderschönes Spinnennetz aufgefächert hing.
Der Zweite ist die Vorstellung, was da jetzt sein könnte. Was hätte werden, wachsen, schwingen, spielen können.
Der Dritte schickt dich Schlafen.
Das ist der, wo du den kreischenden Nerv deiner Nervenwurzel, die vom Hirn in den Nacken bis zum Rumpf hängt, im fremden Eiter eingetrocknet und empfindlicher als blank gehäutetes Fleisch, bildlich vor dir siehst und nur noch wegsehen willst.
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Doch die Geschichte hört trotzdem nicht auf.
Oh nein. Da ist die Leere plötzlich greifbar.
Am schmerzbrüllenden Nervenzipfel gepackt. Es ist keine Leere.
Das bist Du.
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Immer noch. Die Erde dreht sich auch ungebeten um sich selbst. Und sogar weiter, bis in diesen Satz.
So sehr jetzt ist keiner.
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Wie Du.
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Autor: Timogenes (1995-2026) Timogenes@rizful.com
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