"Erseelt und beschöpft"

Während die alte Welt – mit Getöse – zu Ende geht, kommt die neue Welt bereits hervor. Sie braucht auch neue Wörter. Hier sind zwei davon.

Die beiden Wörter verdanke ich dem wunderbaren Musiker Jens Fischer Rodrian. Nach zwei intensiven Tagen bei dem Genossenschaftstreffen 2026 von Menschlich Wirtschaften eG und am Ende seines Konzertes mit Lüül, sagte er:

“Ich bin erseelt und beschöpft.”

Es sah aus wie ein Versprecher, denn Jens versuchte sich zu korrigieren. Aber die Wörter waren widerständig. Sie wollten offenbar in die Welt.

Welch großartige Begriffe, dachte ich. Eindeutig Wörter für die neue Welt. Jene Zeit, die wir gerade hervorbringen, während die alte Welt zerbricht.

Seit ich sie gehört habe, verlassen sie mich nicht mehr. Sie haben sich in meiner Sprache festgesaugt.

Erseelen

Ein schönes neues Verb, das noch gedeutet werden möchte. Es wartet … Auf seine Erseelung?

Wie alle Verben lässt es sich konjugieren:

Ich erseele. Du erseelst. Er, sie, es erseelt. Wir erseelen. Ihr erseelt. Sie erseelen.

Spüren Sie, wie die Bedeutung langsam in den Begriff kriecht? Sie aus sich selbst heraus hervorbringt? Erseelen – eine neue Form des Erkenntnisgewinns. Weder über den Kopf, noch über das Gefühl, noch über die Körperwahrnehmungen. Etwas erseelen … Wahrnehmung einer anderen Art. Auf einer anderen Ebene – ob tiefer oder höher ist wohl Geschmacksache.

Ich fange mit dem Begriff der Seele sonst eher wenig an. Ich ahne, was damit gemeint ist, aber das Wort ist so philosophisch ausgedeutet, so religiös aufgeladen, so spirituell besetzt, dass ich es meist nicht benutzen mag.

Aber etwas erseelen … welche Verlockung in diesem Begriff steckt! Eine Verheißung. Wer bin ich, wenn ich etwas erseelt habe? In jedem Fall eine andere als vorher, da der Vorgang der Erseelung mich automatisch verändert. Meine Perspektive erweitert. Ja, mich nährt.

Sofort möchte ich alles mögliche erseelen. Geht es Ihnen auch so?

Macht es einen Unterschied, ob ich einen Menschen erseele oder eine Pflanze oder ein Tier? Geht es auch mit Steinen, Wasser, den Sternen und Planeten? Einem Kühlschrank oder dem Tisch? Mir scheint: Ja! Allerdings fällt die Antwort qualitativ jeweils unterschiedlich aus. Mir scheint (nach einigen Tagen experimentieren), dass Erseelen nicht im Geheimen geht. Denn das, was erseelt wird, wird es bemerken. Das scheint eine der Besonderheiten beim Erseelen zu sein.

Beschöpfen

Das zweite Verb hat eine andere Qualität. Eine, die sich mir nicht ganz so leicht erschließt. Während das Erseelen so etwas wie Erkunden in sich trägt und nach Erfahrung oder Erkennen auf anderen Ebenen strebt, will Beschöpfen etwas tun. Vielleicht: etwas mit der Schöpfung anfangen? Etwas Neues hervorbringen?

Vielleicht erwächst auch hier die Bedeutung aus dem Konjugieren. Versuchen wir es einmal:

Ich beschöpfe. Du beschöpfst. Er, sie, es beschöpft. Wir beschöpfen. Ihr beschöpft. Sie beschöpfen.

Es wird klar: Auch das Beschöpfen braucht ein Gegenüber. Einen (oder etwas), das beschöpft wird. Das mit wunderbaren neuen Dingen gefüttert oder aufgeladen wird. Etwas, das ich geschöpft habe, bringe ich einem anderen dar. Und bereichere ihn. Denn der Begriff meint eindeutig Positives oder sehen Sie das anders?

„Ich wurde beschöpft“ – das klingt doch schon nach Fülle, nach Bereicherung, nach Geschenken. Davon habe ich gerne mehr!

Oder: „Wir beschöpften dieses oder jenes Thema.“ Da wurde nichts zerredet. Oder auseinandergenommen. Sondern verdichtet, gefüttert, angefüllt, so dass sich alle nach der Beschöpfung freudig, erhöht und lebendig fühlen.

„Ich bin erseelt und beschöpft“

Wahrlich zwei Wörter für die neue Welt.

Vergleichen Sie:

„Ich bin beseelt und erschöpft“. So heiß es bisher. Dass eine Veranstaltung jemanden „beseelt“ hatte, war eine Ausnahme, gehört es doch zu den Kennzeichen der alten Welt, dass alle soweit wie nur irgend möglich von sich selbst distanziert sind. Seelenlos eben.

Wie anders dieses: „Ich bin erseelt und beschöpft“. Was könnte es anderes heißen, als einerseits: Ich wurde von anderen in einer Weise wahrgenommen, dass sie mich kennen. Die anderen wiederum fühlen sich durch das Erseelen meines Wesens genährt. Und andererseits: Ich wurde mit vielem Schönem beschenkt, das mich bereichert, angeregt, inspiriert und erhöht hat.

Dass die beiden Wörter an jenem Ort und zu jener Zeit in die Welt drängten, ist ein Hinweis darauf, dass sowohl die Genossenschaft Menschlich Wirtschaften eG als auch ihre Treffen zu jenen Akteuren gehören, welche die neue Welt hervorbringen. Anders hätten die beiden Wörter nicht gerade dort das Licht der Welt erblickt.

Oder wie verstehen Sie das?

 

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Bild: Quantenbild Glückseligkeit von Jayc Jay

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