Fremdes Denken ist der Normalfall – ich habe mein halbes Wissen von anderen. Du wohl auch. Nicht die Menge ist das Problem, die Richtung ist es. Über Feeds, die mir Fragen einsetzen, die nie meine waren – und über meine eigene freie Hand dabei.
Was war der letzte Gedanke, der genuin aus dir kam?
Das habe ich mich kürzlich gefragt. Frage ich mich seither. Und ringe mit einer Antwort.
Fremdes Denken
Ich glaube, ich möchte dabei verschiedene Denkräume unterscheiden. Es gibt Dinge, die mit meinem Beruf zu tun haben: Ernährung, Medizin, Wissenschaft. Viele Gedanken, die darin leben, sind nicht meine eigenen. Ich musste und muss immer noch Ideen, Hypothesen, Wissen von anderen übernehmen, darauf vertrauen, dass das schon «stimmt», wahr ist, und es letztlich zu meinem Eigenen machen. Vieles davon ist hilfreich, einiges nicht. Doch ich hatte die Möglichkeit, es im Alltag zu prüfen, und was dieser Prüfung standhält, empfinde ich als "mein" Wissen. Nicht ganz Platons wahre, begründete Meinung. Bescheidener; es funktioniert und ich kann das immer wieder am Einzelnen prüfen.
Und dann Dinge, die mit dem In-der-Welt-Sein zu tun haben und ebenso wenig meine Ideen waren. An dem Ort, an dem ich seit kurzem lebe, bedanken sich die Menschen beim Aussteigen beim Busfahrer und verabschieden sich. Dieses kurze «Grazie, ciao!» war nie meine Idee. Ich habe es geprüft und übernommen. Es macht mir Freude. Vieles andere, was ich tagtäglich tue, war auch nicht meine Idee und ist doch Teil meiner Kultur. Auch hier, es funktioniert, ich kann es in konkreten Situationen prüfen.
Das Kriterium ist also nicht die Herkunft, «fremdes Denken» ist der Normalfall.
Doch es gibt einen Raum, der sich in den letzten zehn Jahren verändert hat. Mein Denken mit mir selbst über mich selbst; ein intimer, beinahe solipsistischer Raum. Gedanken, die mich unmittelbar betreffen, beschäftigen und die Art, wie ich lebe und leben will. Gedanken und Ideen, die mich formen. Dort hatten nur wenige Zugang. Die meisten davon waren bereits tot und sprachen durch ihre Bücher zu mir. Jung, Nietzsche, Steiner, andere grosse Namen. Dazu wirklich enge Freunde, Partner, mein Analytiker – wobei der sehr wenig sagte. Der Raum war spärlich möbliert, jedes Ding darin kuratiert, fast schon museal.
Heute ist dort Chaos. Ich habe den Raum zu lange nicht mehr betreten und nun sitze ich in diesen Haufen Fremder. Woher kommen all diese Gedanken, die mich schier erdrücken? Welche Ideen sind mir davon wirklich eigen? Und wie werde ich die anderen wieder los? Wie unterscheide ich die einen von den anderen?
Ich bin müde.
Push
To be fair, Nietzsche war auch nie «meine» Idee. Doch für Nietzsche habe ich mich entschieden, das Buch in der Bibliothek angelesen, ausgeliehen. Da war eine Frage, ein Pull. Heute? Da sind Fragen, aber da sind Feeds statt Bücher. Und ein Feed kommt zu mir. Invasion?
Gestern Abend, eigentlich wollte ich eine Nachricht beantworten und refelxartig war der Feed offen. Ein Beitrag über Cortisol und Schlaf, dann einer über Mandela-Effekt, dann eine Frau, die ihr eigenes Geschirrspülmittel herstellt. Heute weiss ich von allen dreien noch vage, dass sie da waren. Was sie sagten, ist weg. Und doch denke ich heute darüber nach ob Britney ein Mikrophon hatte, oder eben nicht.
Es ist nicht meine Frage. Sie hat mich nie interessiert, ich habe sie nie gestellt, und trotzdem läuft sie seit gestern Abend mit. Irgendwer hat sie mir eingesetzt, zwischen Cortisol und Geschirrspülmittel. Weiterdenken an Britney kann ich ohnehin nicht: In einem Feed knüpfst du nicht an, wo du aufgehört hast. Er hat keinen Anfang und kein Ende. Was bleibt, ist nicht das, was ich wissen wollte, sondern das, was eben hängengeblieben ist.
Und prüfen kann ich es meist nicht; die Cortisolfrage noch eher, aber Britney? Beim «Grazie, ciao!» ging das: übernehmen, ausprobieren, schauen, ob was passiert. Hier gibt es nichts, woran ich es halten könnte – keine Situation, kein Einzelnes, keinen Alltag. Der Gedanke bleibt einfach liegen. Und ich kann nicht entscheiden, ob er meiner wird oder wieder rausfliegt.
Vielleicht erklärt das auch, warum mir "Verschwörungstheoretiker" mit ihrem selbstgefälligen «I told you» mittlerweile genauso auf die Nerven gehen wie die "Leitmedien", mit denen ich schon vor Jahren gebrochen habe. Ich habe lange geglaubt, das sei eine Frage des Inhalts, und mich entsprechend auf einer Seite eingerichtet. Ist es aber nicht. Beide adressieren mich ungefragt, beide setzen mir Fragen , Themen ein, die nie meine waren, und beide sind sich sicher, dass ich es hören muss. Nicht der Inhalt entscheidet, die Richtung tut es: Push.
So wie man die Gänse vor Weihnachten stopft.
Die freie Hand
Nun, niemand hat mit ein Smartphone in die Hand gedrückt und diese App installiert. Das war ich, etwa 2016. Und niemand fordert mich dazu auf, mehrmals täglich diese App zu öffnen.
Eine eigene Frage zu haben ist Arbeit. Es heisst, eine Leere auszuhalten, bis sie Form annimmt – manchmal wochenlang, und ohne Garantie, dass etwas kommt. Der Feed nimmt mir genau diese Arbeit ab. Er beantwortet, was ich nie fragen musste. Das ist kein Überfall. Das ist ein Angebot, und ich habe es angenommen, jahrelang, mit der freien Hand.
Die Müdigkeit ist also nicht die Müdigkeit einer Überfallenen. Sie ist die Müdigkeit von jemandem, der es bequem hatte. Zu bequem.
Bleibt die Frage nach der Frage
Bleibt die Frage nach der Frage. Wenn Pull das Kriterium ist, trägt es das ganze Gewicht – und ich habe es nie geprüft. Woher weiss ich denn, dass eine Frage meine ist? Vielleicht ist sie selbst schon Sediment, angeschwemmt aus zehn Jahren Feed, und ich verwechsle Vertrautheit mit Herkunft?
Vielleicht ist die Frage aber auch falsch gestellt. Eine Frage ist nichts, was ich habe. Sie ist etwas, worin ich stehe, wenn ich zu denken anfange – kein Besitz, sondern ein Mitschwingen. Dann ist das Kriterium nicht Eigentum, sondern Resonanz. Womit meine Ausgangsfrage in sich zusammenfällt: Nicht, ob ein Gedanke aus mir kam. Sondern ob etwas in mir mitgeht, wenn er kommt. Ich lasse sie trotzdem stehen, ganz am Anfang. Ohne sie wäre ich nicht hier.
Das rein Mögliche
Massimo Cacciari denkt seit Jahrzehnten über das rein Mögliche nach: über etwas, das möglich bleibt, ohne verwirklicht werden zu müssen, und das durch seine Verwirklichung nicht eingelöst und durch sein Ausbleiben nicht entwertet wird. Die ganze abendländische Philosophie hat das Mögliche als Vermögen gedacht, als Potenz, die zur Tat drängt. Cacciari bestreitet diesen Drang.
Ein Feed ist die Maschine, die genau diesen Drang perfekt bedient. Sie verwirklicht alles. Jeder mögliche Gedanke wird geliefert, ausgeführt, ausgespielt, bevor er als Möglichkeit bestehen konnte. Nichts bleibt offen. Und weil Verwirklichtes sofort altert – der Beitrag von gestern ist tot –, muss immer nachgeliefert werden. Deshalb hört er nie auf.
Eine Frage ist der einzige Ort, an dem etwas möglich bleiben darf, ohne schon Antwort zu sein. Sie muss nicht eingelöst werden, um zu bestehen. In dieser Flut und Bequemlichkeit bin ich denkerisch unbeweglich und träge geworden. Beinahe gelähmt.
Fasten
Also fasten. Nicht um des Verzichtes willen, nein. Hunger wird wieder klarer, ist wieder Signal. Ich glaube, ich habe in den letzten Jahren schlicht nicht mehr gemerkt, ob ich etwas wissen wollte. In mir war keine Frage mehr, die mich eben zu Nietzsche oder wen auch immer greifen liess. Und vielleicht geht es beim Fasten ja auch genau darum: den Raum unbesetzt zu lassen. Etwas offen halten zu können, ohne es sofort zu füllen – das scheint mir die Fähigkeit zu sein, die ich verloren habe.
Fasten hat und braucht ebenso ein Ende. Was dann? Ich weiss es nicht.
Und das ist, zum ersten Mal seit langem, keine Verlegenheitsantwort.