Aufstiegsutopie

Teil der Lysis

kulturkritischer Essay zur machtpolitischen Gegenwart in Deutschland 2026

Schwarze Treppe auf der die Silhouetten von an die Stufen geketteten Menschen  zu sehen sind. Zwischen den Silhouetten sind blutrote Flecken, welche die Kette scheinbar unterbrechen.


I. Geschichte und Gegenwart zeigen, dass Eliten philosophische Begriffe nie den Unteren überlassen.

Das Dogma des unendlichen Wirtschaftswachstums führt nicht zu allgemeinem Wohlstand, sondern zu extremer Konzentration. Während die Masse konkurriert und durch systemischen Neid und geistige Anpassung diszipliniert wird, dient das Streben nach finanzieller Besserstellung als permanente Karotte vor der Volksnase.

Zu was der deutsche Verhaltensdurchschnitt fähig ist, kann einem gereiften Menschen nicht zugemutet werden. Die allgemeine Unterlassung des grundlegenden Denkens überhaupt, ist nicht mehr bloß ein Massenphänomen, sie hat sich fest im öffentlichen Raum etabliert. Es besteht keine breite Nachfrage nach irgend etwas anderem, als einem möglichst hohen, individuellen finanziellen Einkommen und Komfort. Sinn und Zweck baumeln, aufgeknüpft und gefleddert, am Balken der Weltwirtschaft. Ein ständig wachsender Kuchen, der zunehmend ungerechter aufgeteilt wird, je größer er wird. Ein paar Wenige besitzen hingegen derart große Stücke der Kuchenmasse, ihre größte Sorge ist es, nicht mehr genügend ihnen gewogene Abnehmer zu finden. Ein ständig wachsender Teil lebt auf dem relativen Niveau **zwischen Mikro-Krümel **und einem Tausendstel Mikro-Krümel. Mit sabbernden Mäulern, wedelnden Schwänzen und besessenem Blick springen sie an den eiskalten Wänden der vertrauten, geordneten Verfahren empor. Millionen von erwachsenen Kötern beider Geschlechter erfinden Ausreden und Erklärungen zu Gunsten ihre eigene Privilegien. Wer seine Ansprüche am dreistesten als Naturgesetz verkleidet, erhält dafür feine Prisen Kuchenstaub, bezahlt wird mit Loyalität zur Quelle des Mammons. Neidisch und niemals abgelenkt vom Ziel des eigenen Reichwerdens, drängt die rastlose Meute in die Nischen mit der vielversprechendsten Aussicht auf Fütterung. Die eigenen Welpen wuseln als Unterschicht der Unterschicht umher und werden nicht einmal mehr aktiv dressiert: Ihre bloße Existenz zwingt sie ganz natürlich und automatisch zu Füßen ihrer Rotte und der einzige Himmel den sie kennen, ist der aussichtslose Vergleich nach oben. Die gierigsten Individuen wachsen dabei als einzige heran; werden die eifrigsten Selbstpeiniger und erschließen sich voller rücksichtslosem Enthusiasmus neue Fütterungsstellen. Bereits vollständig durch Vorbild, Zwang und die **Binnenlogik ihrer gewohnten Hackordnung **abgerichtet. Die zurückhaltenden, introvertierten Exemplare werden dabei an den Rand gedrückt; wer nicht nachgibt wird zertreten. Diese Meute überhaupt noch zu füttern ist gemeingefährlich. Vorrausschauende Kuchenverteiler fürchten sich zunehmend vor dem, was man von oben nicht sehen kann. Horizont und Omen stehen sich gegenüber wie zwei sich gegenseitig beobachtende Wasseroberflächen, die das Meer des anderen nicht sehen können. Ozean der Macht gegenüber dem Ozean der Mittel. Zwei Gewässer, die sich nicht vermischen. Wer blufft, gewinnt.

Die Spitze ist es, welche sich von den Unteren abgrenzt, nur ausnahmsweise verhält es sich umgekehrt. Kein Herrscher hat je freiwillig den Weg der Gemeinen eingeschlagen, weil er, so er es täte, keiner der beiden Klassen mehr wertvoll, geschweige denn weiterhin erhaltenswert wäre. Der Niedere hingegen, strebt stets nach oben, weil es für ihn auf seinem Niveau weder Neues noch Reizvolles gibt. Das Unbegehrte was er dort findet, gehört ihm schon. Nach oben hingegen strebend, erhofft er sich alles zu finden, was ihm fehlt. Selbst dann, wenn er eigentlich nicht einmal weiß, ob oder was ihm eigentlich fehlt. Ein Herr will niemals Knecht werden und jeder Knecht will ein Herr sein. So strebt die Machtlosigkeit nach oben zur Macht. Die Spitze der Macht hingegen strebt, entgegen dem weit verbreiteten Irrglauben, nicht zu immer ‘neuen Höhen*’. Die Spitze strebt nicht nach der ‘Spitze der Spitze’, sondern die Spitze strebt zurück zu ihrer Basis. Es ist der Pöbel, welcher stets nach Macht strebt und es ist die Spitze, welche sich zu halten versucht. Sie wollen nicht immer mehr, mehr, mehr, nicht immer reicher werden: Sie wollen es bloß bleiben und an ihre Nachkommen weitervererben. Zum Machterhalt strebt der Machtvolle mit seinem Schaffen und Energie voller Wucht nach unten, um dort unter Druck den Grund der Herrschaft zu formen, die Hunde in Reihe und Glied zu zwingen. Ein Lord will doch gar nicht das Hohe und Unerreichbare! Er schwimmt längst in diesem Gefühl. Was sie wirklich reizt, ihrem Alltag wirklich fehlt, ist das Einfachste: Zeit. Vertrauen. Kinder. Ruhe. Schönheit. Sicherheit. Nähe. Doch keineswegs sind die Machterhaltenden dabei zimperlich oder gar am Gemeinwohl orientiert. Vielmehr ist es ihr Ziel, die Definition von Gemeinwohl so zu kontrollieren, dass sie ihnen langfristig als stabile Machtbasis dient. Was sollte er denn dazu von seiner eigenen Klientel erwarten wollen? Seine rastlose Konkurrenz voller Ansprüche und noch vollerer Bankkonten. Wer dient, wird beherrscht, daran haben Individuen in Machtpositionen kein Interesse. Der Dümmste und Argloseste hingegen, gerade der Aggressivste und der Unkritischste sind dem Herrscher nützlich und ungefährlich. Alle Aufsteiger sind immer Risiken für die eigene Machtbasis. Aber Idioten? Idioten sind in Massen eine ausgesprochen Macht-nützliche Spezies. Berechenbar, steuerbar und ihren Herren im Geiste näher als jedem ihrer Nachbarn. Das Band zwischen Herr und Diener bildet eine loyale Masse auf der man sitzen kann, ist die Basis jedes Mächtigen. Es braucht immer Viele, um bloß einen zu erheben. Das Ziel des Oberen ist es also nicht, oben noch höher zu stapeln, sozusagen eine zweite Sänfte auf die oberste Sänfte aufzusetzen. Es geht ihm nur um die Sänftenträger. Ihnen wird erzählt, nach jeder Reise wechsle man sich mit dem Tragen und dem Getragen-werden ab. Weil die Reise aber in Wirklichkeit niemals endet, die Sänfte selbst gar das Ziel ist, stabilisiert und diszipliniert sich Macht und Ohnmacht von selbst. Wer herrschen will, der will keine immer größere* Sänfte. Er will bloß weiter getragen werden. Wer will denn schon selber laufen und schwer arbeiten? Eben. Gar keiner. Also setzt man die Köter in den Kreisverkehr und sagt: Immer geradeaus. Der Weg ist das Ziel.

Keine Elite störte sich je an Elitenherrschaft. Eine Herrschaft des Pöbels hingegen macht Eliten nicht bloß Schwierigkeiten, sie lässt jede Form tatsächlich verlässlicher Machtstruktur verschwinden. Der Pöbel will herrschen, wird kontinuierlich hungrig gemacht, der Herrscher hingegen muss dem Pöbel bloß die bestehende Herrschaft schmackhaft machen.

Der universale Indikator ist Geldvermögen. Doch auch mit 5.000.000€ ist man noch immer Unterschicht. Teil des ewigen Mittelstands. Im** Milliardärsclub** ist man damit nur einer der Tausendstel Mikro-Krümel. Da bleibt eben ausschließlich noch die Flucht nach oben, die tausendste Million “verdienen”. Dann ist man jedoch auch nur die Unterschicht der Oberschicht. Ja, abgrenzen geht nur nach unten. Wer sich nach oben abgrenzt, ist entweder kein Hund oder aber ein Clown. Das Geldvermögen fungiert als universeller, aber gnadenloser Faktor. Selbst Multimillionäre bleiben im Maßstab von Milliardären bloße Krümelbesitzer. Dieses Hamsterrad des Aufstiegs hat kein natürliches Ende – die Abgrenzung funktioniert immer nur nach unten.

Wer ist denn schon Mittelstand? Arbeiter mit mehr Geld als andere Arbeiter? Leute mit Arbeit? Leute mit Haus? Mehr Geld als ein Arbeitsloser? Was ist mit Erben? Die Begriffe und Kriterien sind willkürliche Schwellwerte welche in den absoluten Relationen verschwimmen. Arm und Reich kennt kein Mittel, nur Relativität. Es gibt keine kürzere Freude als den Konsum.

Der Begriff „Mittelstand“ erfüllt heutzutage, im Jahr 2026, lediglich die Funktion einer elastischen Pufferzone, er ist ein rhetorisches Konstrukt, das Privilegierte vom Prekariat abspaltet und die Illusion nährt, man gehöre ab einem bestimmten Vermögen nicht mehr zum Pöbel.

Im globalen Rahmen setzt sich dieses Muster zwischen den Nationen nahtlos fort. Der deutsche Pöbel starrt nach oben, ignoriert aber dickfällig, bräsig und beharrlich, dass sein eigener Lebensstandard, vom günstigen Smartphone bis zur Discounter-Bekleidung, darauf basiert, dass die offensichtlichen Praktiken der Ausbeutung nach außen verlagert wurde. Der international zutiefst zynische Gesellschaftscharakter offenbart sich wohl an kaum einem Beispiel so tiefgreifend, wie daran, dass die westliche Unterschicht stets noch als passiver Komplize von einem globalen Gefälle profitiert.

Ein mittelalterlicher Lord konnte seine Untertanen nicht einfach auf einem anderen Kontinent verfrachten. Das moderne Milliardärskapital ist jedoch entkoppelt von Territorien. Es droht Staaten nicht mit Gewalt, sondern mit Abzug. Erst die Erpressbarkeit der Politik durch mobiles Kapital gestaltet und definiert die Regeln, wegen denen sich die Erpressung von Staaten durch Produktionsmittel und Rohstoffzugang als so alternativlos inszenieren darf.

Die Spitzenpositionen in Staat, Militär und Wirtschaft sind überwiegend keine weitsichtigen Gestalter oder verdienstvollen Leistungsträger, sondern von Gier, Bequemlichkeit, Sicherheitsbedürfnis und der Angst vor dem Kontrollverlust getrieben. Ihre Rede vom „Gemeinwohl“ ist reine Domestizierungstechnik. Doch verweigere ich der Masse die reine Opferrolle. Die Geschichte zeigt, dass es schlussendlich die Beherrschten sind, welche das System am wirkungsvollsten durch eigenen Neid, Aufstiegsgier und Nach-unten-Treten aktiv reproduzieren. Die Angst vor dem Abstieg kombiniert mit dem Streben nach Bequemlichkeit sichert somit den Erhalt von Hierarchien.

Den Optimismus bezüglich der Philosophie, als Mittel der Mittellosen halte ich für nachvollziehbar, als wohl angebrachten Hinweis. Als ebensolcher ist es jedoch auch unumgänglich einmal zu betonen, dass natürlich alle frei verfügbaren Mittel den Mächtigen selbstverständlich *ebenfalls *zur Verfügung stehen.

Viel mehr ist es sogar so, dass explizit diese freien Mittel, von Machtinteressen mit besonderer Gründlichkeit organisiert und genutzt werden. Die herrschende philosophische Auffassung 2026 ist genau das: Die Philosophie der Herrscher für die Beherrschten.

Wollte man heute von einer Philosophie der Gleichen unter Gleichen sprechen, so muss sich der Beherrschte wie auch der Herrscher gleichermaßen ein **lebenspraktisches Totalversagen **vorwerfen lassen, wo das systemische Unrecht wider besseren Wissens hingenommen wird. Wo die Interpretation und das Ringen um Be-Deutungen die Tatsachen nicht mit einbezieht, bleibt sie eine Spinnerei wie die Psychoanalyse und taugt allenfalls verstanden als mahnende Inszenierung.

Philosophie muss gerechte und kritische Entscheidungen fordern. Wenn eine Haltung, ja wenn Worte keine Taten oder keine Zurückhaltung begründen können, sich exklusiv machen möchten, verkommen sie zur Groschenliteratur.

Wer Unrecht erkennt, muss handeln oder Teilhabe konsequent Verweigern. Sonst wird selbst das schlauste Buch zum Ornament der eigenen Ohnmacht.

Schwarz gekleidete Frau sitzt geknebelt in einer schmalen Gasse und wird von dunklen Fratzen-artigen Gestalten umzingelt und belauert.


II. Gewesenes hat die Allmacht ins jetzt hinein.

Das größte Erbe der Menschheit ist ihr tägliches Verhalten. Es muss davon ausgegangen werden, dass fast sämtliches aggressiv schädliche Verhalten ursächlich ererbt und weitergetragen worden ist und ein kleinerer Teil als Reaktion auf nicht-menschliche Gefahren und natürliche Anpassung stattgefunden hat. Im wesentlichen Umgang miteinander spiegeln sich archaische Muster und Konditionierungen mit enormer Prägewirkung. Je drastischer ein gewaltsamer Einfluss oder beängstigender Zustand wahrgenommen und erlebt wird, desto massiver ist die daraus folgende Traumatisierung.

Das Trauma ist eine Reaktion der biologischen Erneuerungsstrategie auf Schocks. Jedes System benötigt geistige Anpassung, das Unbekannte benötigt geistige Kapazitäten. Bei struktureller, massiver Gefahr löscht das Bewusstsein alle psychischen Anpassungen aus dem Datenspeichersystem namens Körper. Bei jungen Menschen, deren Körper noch weitestgehend ‘unbeschrieben’ sind, geschehen Traumatisierungen von außen unsichtbar, sie erzeugen schlicht keine von Außen sichtbaren Spuren. Weil sie ein Körpersystem beschädigen, welches noch keine sozialen Muster aus seiner Umgebung erben und replizieren konnte. Beim Baby ist noch kein Verhalten entwickelt, von dem Abweichungen festgestellt werden könnten. Der Schaden von physischer Gewalt oder Gefahrensituationen zielt stattdessen vollständig auf denjenigen Teil der kindlichen und körperlichen Wahrnehmung ab, der bereits entwickelt ist. Durch traumatisches Erleben werden stets diejenigen Aspekte der Wahrnehmung erschüttert, die bereits entwickelt sind. Auf die prinzipielle Entwicklung und Erschließung von Wahrnehmung und Sinnesfähigkeiten, wirkt das Trauma hemmend. Die natürliche, unbeschädigte Entfaltung menschlicher Körper und davon untrennbare Geistesaktivität erschließt permanent, bis ins hohe Alter hinein, neue Wahrnehmungsfunktionen und verfeinert und optimiert bereits bestehende durch Anpassung. Dem Schweregrad nach, unterdrückt eine Traumatisierung diesen laufenden Entwicklungsprozess. Um die Entwicklung wieder aufzunehmen, muss die Quelle und Beschaffenheit der eigenen Traumareaktion vom Individuum verstanden** werden. Nur dadurch wird die “traumatische Bremswirkung” aufgehoben und die natürliche Entwicklung setzt allmählich wieder ein. Die Verinnerlichung der Erlebnisse, muss sich dafür zunächst umkehren.

Je weniger Sinneskanäle und Geistesfunktionen ausgebildet sind, desto stärker erschüttert die körperliche Traumatisierung bereits ungeborene Embryos und Neugeborene. Resonanzen, Schwingungen, Rhythmen und körperliche Reize werden in dem Moment vom Organismus verarbeitet, in dem die Bedingungen dafür herangewachsen sind.

Da aus der körperlichen Hardware heraus die Möglichkeit zur Erlangung von geistigen Fähigkeiten und der Anwendung von Sprache erst entsteht, wirken körperliche Traumatisierungen bei Föten, Babys und Kleinkindern mit der höchsten Intensität, bleiben gleichzeitig perfider Weise jedoch zunächst unsichtbar. Wenn die kindliche Sprachentwicklung ausbleibt oder stark eingeschränkt oder verzögert stattfindet, ist die Ursache dafür womöglich schon verjährt und kann mangels Mitteilungsfähigkeit des Kindes einerseits, aber auch aus Unwissenheit oder Unsensibilität des beobachtenden Erwachsenen nicht mehr festgestellt werden. Mangels plausibler Erklärungen bekommt das Kind dann eine von vielen Diagnosen. Bedenkt man, wie häufig derartige Fälle entweder nicht bemerkt oder routiniert verharmlost werden, muss man zwangsläufig zu der Schlussfolgerung gelangen, dass die moderne menschliche Lebensart permanent Traumata kreiert, sie dann nicht erkennt, dann falsch diagnostiziert und schlussendlich dadurch real manifestiert. Das darf man mal sacken lassen.

In einer weitläufigen Straßenschlucht klettert ein gewaltiges deformiertes Skelett ausdruckslos über einen winzig wirkenden Menschen hinweg.


Kerzengerade musst du sein, nicht wachsweich.

Eisenhart musst du werden nicht bleihaltig sterben.

Gehupft und gesprungen, zu was denn gezwungen?

Arroganz macht die Macht,

schwach, macht die Arroganz,

Arroganz macht die Dummen.

Beim aussieben gebt Acht,

besser macht heil und ganz,

horcht auf Summen und Brummen.

Zehnmal kein Thema…

‘mit einmal wird’s erfunden.

~


Dieser Beitrag wurde mit dem Pareto-Client geschrieben.

https://eine-million-stimmen-fuer-den-frieden.de/umsetzung/

Autor: Timogenes (1995-2026) Timogenes@rizful.com

Illustrationen wurden mit KI generiert.

Friedenstaube-Telegram-Kanal


Nebliger Münzregen in gold-braun schummrigem Licht.

…also einfach mit Lyrik vorangehen und Samen streuen

Ich löse auf.