Wild und frei sollt Ihr sein!

Was hat Haarentfernung mit Freiheit zu tun? Ab wo kippt Kultur und Hygiene in ein bloßes Geschäftsmodell?

Dieser Beitrag wurde mit dem Pareto-Client geschrieben.”

 

Wild und frei sollt Ihr sein!

Diese Woche war ich in dem Nachbarort, in dem ich lange gewohnt habe, eigentlich seit meiner Geburt gelebt habe. Die Innenstadt verändert sich von Monat zu Monat. Eine sehr schöne Bäckereifiliale, die es seit über 40 Jahren gab, hat geschlossen, weil sie eine Konkurrenz vor die Nase gesetzt bekommen hat, die nicht besser ist, aber größer. Ein neuer Laden, ein paar Straßen weiter, bietet ein Rest-Sortiment an, das undefinierbar ist. Vieles ist eher Dekoration für die Wohnung, die vermutlich schon vor 25 Jahren niemanden beeindrucken konnte, weil sie maschinengefertigte Massenware für den deutschen Geschmack aus fernöstlicher Überproduktion zu sein scheint. Bilddrucke, Kissenhüllen und Obstschalen ohne Seele. Socken, Sofadecken und Stehlampen, die einen nicht wärmen. Man kann dort etwas kaufen, wenn man unbedingt etwas kaufen muss, aber es gibt nichts Schönes. Dieses Geschäft wechselt regelmäßig seine Schaufensterdekoration und wirkt sehr professionell. Vermutlich handelt es sich um eine ausgeklügelte Marketingstrategie, die den Online-Handel ankurbeln soll, so nach dem Motto: “In der City habe ich nichts Schönes gefunden. Wenn man etwas Schönes haben will, dann muss man online einkaufen.“ Diesen Zweck erfüllt dieser Laden ganz sicher. Ein Entwöhnungsladen für alle, die noch analog einkaufen möchten. „Gib den Leuten das Gefühl, sie hätten Wahlfreiheit, dann murren sie nicht so laut und kaufen irgendwann online ein und lassen sich die Ware brav zur Packstation zustellen.“ Oh wie bin ich negativ drauf. Aber ich kann im Moment nicht arglos und vertrauensvoll durch diese meine Heimatstadt laufen. Ich sehe den Verfall, auch wenn viele Leute ihn scheinbar noch nicht bemerken und die neue Großbäckerei mit den gelbbeschirmten Tischen gut annehmen.

Aber stehen geblieben bin ich dann vor einem großen Schaufenster mit der Aufschrift „Laser & More“, ein steril wirkender Beauty-Salon mit blickdichtem Fenster, der absolut minimalistisch auftritt, aber ein großes Ladenlokal angemietet hat. Früher war darin ein großes Fahrradgeschäft. Jetzt wird dort Jagd auf Haare gemacht. Haare, Nägel und Wimpern sind ein kluges Geschäftsmodell. Wenn Du wenig Haare hast, müssen welche her. Wenn Du viele Haare hast, müssen diese weg. Menschen lassen sich rasieren, wachsen und neuerdings auch lasern. Was ist falsch an Haaren? Wimpern und Nägel werden angeklebt. Warum müssen Nägel bunte Gesichter haben und lang sein? Warum können junge gesunde Menschen sich nicht mehr selbst die Fußnägel schneiden? Mich hat das Thema Haare und Nägel jedenfalls nicht mehr losgelassen, nachdem ich dieses „ästhetisch orientierte Studio“ gesehen hatte. Da war noch eine tiefere Botschaft drin, die aber erst nach und nach zu mir kommen sollte. Nachdem ich nun über 2 Tage auf dem Thema, also nicht auf meinen Nägeln, sondern auf dem Thema herum gekaut habe, sind mir ein paar Erinnerungen an meine Kindheit gekommen.

Ich bin derzeit froh, dass meine Kindheit in den 70er und 80er Jahren lag. Ich habe noch Lebensumstände und Umwelten kennen gelernt, die junge Menschen nicht kennen. Es gibt mir Sicherheit und Orientierung, an bestimmte Menschen aus meiner Kindheit zurück zu denken.

Als ich im Vorschulalter war, bin ich oft zu unseren Nachbarn gegangen. Die wohnten schräg gegenüber, und ich war dort immer willkommen. Ich habe mich nie bei diesen Menschen bedankt für diese Freundlichkeit. Ich habe das als selbstverständlich genommen, dass ich dort immer, wenn ich Lust auf ein Gespräch hatte, ohne Voranmeldung zur Küchentür herein schneien durfte. Wenn man die meist nur angelehnte Haustür öffnete, stand man quasi schon mitten in der Küche. Warum ich nun von dieser Familie erzähle, ist, weil der Familienvater einen stark behaarten Rücken hatte. Es waren feine, dunkle und lockige Härchen, in denen sich auch gut und gerne kleinere Insekten verstecken konnten. Nie wäre er auf die Idee gekommen, sich die Haare auf dem Rücken entfernen zu lassen. Dafür gab es weder Anlass noch Zeit oder Geld. Im Sommer lief er draußen im Garten nur mit einer langen Hose, die von 2 Hosenträgern gehalten wurde, bekleidet herum. Er trug nie kurze Hosen, vermutlich wegen der Zecken. Und der Oberkörper war bei hohen Temperaturen immer nackig, wild und frei. Er stapfte mit seinen festen orthopädischen Schuhen durchs Gebüsch und sammelte Brombeeren und Johannisbeeren, fütterte die Enten im Freilandgehege und die  Kaninchen im Stall und machte gerne aufmunternde Sprüche. Er und seine Frau kamen aus Pommern. Ich wusste damals nicht, wo Pommern lag. Aber ich lernte, dass Pommern wunderschön sein musste. Die beiden erzählten oft wehmütig von dem feinen weißen Strand und dem blauen Meer. Sie zeigten mir ehrlich ihre Gefühle. Sie spielten mit mir, nahmen mich ernst und waren sehr lieb. Von ihnen habe ich Natürlichkeit und Einfachheit gelernt. Sie schätzten ihre Pflanzen und Tiere. Sie lebten auf kleinem Raum, hatten aber diesen wunderschönen großen Garten. In ihrer Wohnung gab es direkt neben der Küche eine Speisekammer, die bis unter die Decke voll war mit der Ernte des Sommers. Das Highlight dieser Speisekammer waren dunkle Säfte aus Brombeeren und Johannisbeeren, die in hellen Glasflaschen mit weicher roter Gummikappe abgefüllt waren. Speziell für feierliche Anlässe gab es zusätzlich selbstgemachten Fruchtlikör aus den dunkelsten und süßesten Früchten des Gartens, der auch mir damals schon schmeckte. Er war mild und sehr fruchtig. Die Kinder durften einmal nippen. Dabeisein, war alles. Im kleinsten Badezimmer der Welt gab es ein riesiges Stück gut riechende türkisfarbene Seife, das an einem Magneten in der Luft hängend festgehalten wurde. Das war praktisch, weil die Seife dann nicht matschig wurde, wenn man sie nass zurücklegte. Die Seifenstücke damals waren vermutlich nicht größer als heute, aber meine Hände waren damals kleiner. Ich durfte jeden Raum der Wohnung betreten. Im kleinen Wohnzimmer lag ein Katzenfell auf dem Sofa. Das gab Wärme, wenn Rücken oder Gelenke schmerzten. Es gäbe noch viel zu erzählen von den Geburtstagen, den diversen Kuchen, den elegant gekleideten Gästen, die auch aus Pommern kamen, und von den Liedern, die zu festlichen Anlässen gesungen wurden. Ich habe dort vor allem musikalisch die Bedeutung von Heimweh kennen gelernt, ohne dass ich die Bedeutung des Wortes bewusst kannte. Sobald eine Person ein ganz bestimmtes Lied anstimmte, dann verklärten sich alle Blicke und es wurde konzentriert gemeinschaftlich ein mindestens vierstrophiges Lied vom weißen Sand und dem blauen Meer gesungen. Diese Nachbarn drückten so viel Natur- und Heimatverbundenheit durch alltägliche Rituale, durch Musik und Essen aus. Und ich habe nie wieder so einen behaarten Rücken gesehen, wie bei diesem Nachbarn, der ihn ganz selbstverständlich „trug“.

Mein Vater hatte auch Haare, aber die wuchsen auf der Brust, nicht auf dem Rücken. Mein Vater trug im Sommer zuhause meist ein weißes Doppelripp-Unterhemd mit einem längeren Goldkettchen, welches auf dem dunkelbraunen krausen Brusthaar gut zur Geltung kam. Ein späterer Physiklehrer von mir hatte behaarte Hände, die aussahen wie kleine Bärentatzen. Er rasierte die Haare nur bis zum zweiten Fingergelenk weg, damit er die Kreide greifen konnte. Oberhalb des zweiten Fingergelenks wuchs ein kleiner Urwald aus dunklem Haar, dessen Ausläufer im Hemdsärmel verschwanden. Ich könnte auch noch einiges über behaarte Frauenbeine erzählen, aber ich sage nur ganz kurz etwas dazu. Behaarte Frauenbeine sind ein politisches Statement. Zu dieser theoretischen Einsicht bin ich mit Mitte 30 gekommen. Die praktische Umsetzung dauerte dann noch ein paar Jahre.

Haare unter den Armen, auf dem Rücken, auf dem Kopf, am Kinn oder sonst wo, sind ein Stück Natur. Sie gehören dort hin. Man kann sie kürzen oder flechten wie man will. Das ist persönlicher Geschmack. Manche Männer flechten sich aktuell einen Zopf aus ihrem Bart. Auch das ist schön. Haare (auf dem Rücken) schützen unsere Haut vor Sonnenbrand. Kopfhaare zeigen an, wenn man in Kellern mit niedrigen Decken läuft, wo man sich den Kopf stoßen könnte. Haare können sich aufstellen, wenn man aufgeregt ist oder einem abends im Garten beim Beobachten des Sonnenuntergangs die kühle Luft das Bein streichelt. Man hat dann das Gefühl, dass einem etwas am Bein hochkriecht, dabei sind es nur die feinen Härchen, die sich aufstellen. Man kann mit Haaren spielen und einfach mal dran ziehen, wenn man jemanden necken möchte. Haut, die ständig enthaart wird, ist gereizt und entwickelt Pöckchen, die man dann pflegen muss. Rasierte Frauenbeine jucken unangenehm und fühlen sich nach drei Tagen an wie ein Reibeisen. Die Rasierklingen für Frauen sind viel teurer als die für Männer. Dafür gibt es diese Einfachrasierer in rosa oder pink, was in gewisser Weise entschädigt. Frauen, die sich Nägel kleben lassen, berichten manchmal, dass der Nagel dadurch angegriffen wird, weil er abgeschliffen und aufgeraut werden muss, damit der Kleber besser greift. Männer, die sich die Brusthaare entfernen lassen, leiden stumm. Vermutlich macht man(n) das nur einmal im Leben. Das muss höllisch wehtun. Paradoxerweise sagen Frauen oft, dass sie es schön finden, wenn Männer sichtlich Brusthaare aufweisen, also wenn diese quasi über dem obersten Hemdsknopf herauslugen. Haare sind ein Zeichen von Männlichkeit. Glatzen sind ein Zeichen von Reife. Und Frauen, die stark behaart sind, gelten als durchsetzungsstark. Haare sind eher ein Zeichen von Stärke und Kraft als alles andere.

Warum gibt es (in Städten) diesen Kult, Haare entfernen zu müssen? Und wer redet uns dies ein?

Gibt es eine Geräteindustrie, die ihre Haarentfernungsgeräte einfach nur vermarkten will?   

Hängt dieser Kult zusammen mit den sozialen Spielregeln, die in vielen Büros herrschen? Ich habe selbst Arbeitsplätze mit Kleiderordnung gehabt. Auch das führe ich hier nicht weiter aus, weil jeder das vermutlich kennt. Vielleicht müssen deshalb die Haare bei einfachen Mitarbeitern im Job weg, weil sie ein Zeichen von Kraft und Stärke sind. Nur der Chef darf einen „behaarten Rücken tragen“, einen „Silberrücken“. Jedenfalls bleiben meine Haare schon seit einigen Jahren dran, und Nägel und Wimpern werden bei mir auch nicht geklebt. Ich habe in meinem Leben auch einiges ausprobiert, aber ich bin heute froh, dass ich meine helle Haut, mein feines Haar und meine sehr kleinen Nägel so annehmen und gut finden kann, wie sie sind. Das war für mich ein anstrengender Lernprozess in einer Umwelt, die immer schon viele falsche Signale gesendet hat. 

Junge Menschen werden heute, so wie zu allen Zeiten, getrimmt auf eine künstliche Schönheit, damit sie gut in ein Büro, in ein Kaufhaus oder eine Bäckerei passen. Ich werde das gerne noch öfter erzählen, dass das früher anders war. Früher war auch nicht alles besser, aber es war mehr Natur in allen Bereichen erlaubt. Und das war sehr schön. Vielleicht hilft das jungen Leuten, wieder den Weg zurück zur eigenen Natürlichkeit und Schönheit zu finden.

Wenn Haare an Deinem Körper sprießen, dann heiße sie willkommen. 

Sie machen Dich einmalig und wunderschön.

Wild und frei sollt Ihr sein!

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