Ein Reich ohne König

Übermut tut selten gut

Da war lange Zeit ein König, der ernährte seine Untertanen mit gesunden Kartoffeln, die er über eine öffentlich-rechtliche Ausgabestelle verteilen ließ. Für diese automatische Vollversorgung kassierte er eine Gebühr, gegen die sich die Untertanen nicht wehren konnten. Der König starb und ein neuer König wurde gekrönt. Der war von einem bösen Geist besessen und dachte sich: Wenn ich ab und zu ein paar zugekaufte, fremde, vom Nährwert her minderwertige Kartoffeln unter die zu verteilenden Kartoffeln mische, wird das sicher niemand merken. Und tatsächlich, niemand merkte es. Die Untertanen waren nach wie vor der Meinung, dass es hochwertige Kartoffeln seien, da sie ja vom König kommen, der sie bislang immer gut versorgt hatte.

Dann erfand der König eine Kartoffelfäule, gegen die die Kartoffeln zu behandeln seien. Und immer noch glaubten die Untertanen, dass die Behandlung der Kartoffeln nur zu ihrem Wohle sei. In Wirklichkeit aber stammte die Behandlung von einem benachbarten König, der in seinem Reich eine Hexenküche betrieb. Wer von nun an die behandelten Kartoffeln nicht essen wollte, bekam gar keine, musste aber weiter die Gebühr bezahlen. Wenn der König mitbekam, dass sich der Untertan mit anderen über die behandelten Kartoffeln unterhielt, konnte es passieren, dass sein Haus in Flammen aufging oder es ihm so gemütlich im Königreich gemacht wurde, dass er das Land verlassen musste, wenn ihm sein Leben lieb war.

Der König, wohl vergrämt, weil er keine passende Prinzessin fand, die er hochzeiten konnte, wurde immer griesgrämiger und verbitterte zusehends. Weil er nichts mit sich anzufangen wusste, ließ er das Gerücht verbreiten, ein benachbartes Königreich würde planen das eigene anzugreifen, obwohl in den Geschichtsbüchern stand, dass dieses andere Königreich das in seiner langen Geschichte bisher noch nie getan hatte.

Die Untertanen, brav, aber auch behäbig, bequem und seit Generationen satt von den vielen Kartoffeln, glaubten auch das, schließlich kam es ja vom König, dem sie bisher vertrauen konnten. So wurden Kanonen und Armbrüste bestellt und alles Geld wurde in die Rüstung gesteckt, während die Straßen, Häuser, Wege und Stege zusehends verfielen. Die einst guten Schulen lehrten so, dass die Untertanen immer dümmer wurden, was dem König sehr gefiel, weil er so seinen Untertanen praktisch alles unterjubeln konnte, was ihm gerade in den Sinn kam.

Und es kam ihm wahrhaftig immer mehr Schlechtes für die Untertanen in den Sinn. In seiner Boshaftigkeit sagte er sich, er mache so lange weiter, bis die Untertanen stopp sagen würden, doch die Untertanen ertrugen alles, statt dem König Einhalt zu gebieten. Dem König ging es dadurch mit der Zeit immer besser, weil er durch seine Boshaftigkeiten seine innere Einsamkeit abtöten und stattdessen eine gewisse Wollust an seinem Tun spüren konnte.

So wurden die Edikte des Königs mit jedem Mal verrückter. Immer wieder fielen ihm neue Schikanen ein und manche wunderten sich dann doch, wie das möglich sein konnte.

Als Warnung ließ der König seine Rechtsgelehrten das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ lesen. Weil diese sehr schlaue, gebildete Leute waren, verstanden sie die Drohung und Sprachen zu ihrem eigenen Schutz fortan nur noch Recht, das dem König genehm war.

Und auch die fahrenden Leute verbreiteten in ihren Moritaten Geschichten, die dem König zum Wohle gereichten. Und die Nachtwächter taten ihnen in ihren kurzen Gutenachtreimen nach. Man hatte sie bestochen.

So entwickelte sich im Laufe der Zeit aus einem einst friedliebenden, wohlständigen Königreich eine Tyrannei, in der niemand niemandem mehr traute. Die Gespräche in den Wirtshäusern waren vergiftet, man schaute genau darauf, was man sagte, um nicht Gefahr zu laufen, von den Schergen des Königs in das Burgverließ geworfen zu werden.

Jeder, der sich gegen den König aussprach, wurde als Ketzer angeprangert.

In den umliegenden Königreichen wunderten sich die Untertanen und sogar die Könige, warum die Untertanen des tyrannisch gewordenen Königs das alles mit sich machen ließen.

Am Anfang lachten sie noch über die Zustände, doch dann erkannten sie, dass auch durchaus eine Gefahr von dem offensichtlich verrückt gewordenen König ausging, weil man überhaupt nicht mehr einschätzen konnte, was ihm als nächste Absurdität einfallen würde.

Währenddessen wurde im Königreich weiter die Angst geschürt, dass fremde Mächte vor den Toren stehen würden, obwohl weit und breit niemand zu sehen war, und keiner, der das von außen mitbekam, konnte verstehen, warum alle drumherum, aber nur die eigenen Untertanen das nicht erkannten.

Der König wurde indes immer übermütiger und fast jeden Tag ließ er neue Absurditäten verlautbaren, die das Fass stetig füllten, bis es schließlich überlief.

In den Hinterzimmern der Wirtshäuser hatten sich schon lange Untertanen zusammengefunden, die der Meinung waren, dass diese Tyrannei aufhören müsse. Sie warteten nur auf eine passende Gelegenheit, den König zum Teufel zu jagen, ohne ihm auch nur ein Härchen zu krümmen, denn das wollten sie nicht. Sie wollten ihm schon ordentlich Angst einjagen, ihn aber verschonen, weil sie glaubten, dass sie sich mit einer Meucheltat auf die gleiche niedere Stufe stellen würden, wie der tyrannische König.

Eines Tages dann, kam der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Die Untertanen, die sich schon lange zusammengefunden hatten, nahmen ihre Mistgabeln in die Hand und zogen los. Aus den Häusern in den Gassen kamen plötzlich immer mehr Untertanen hinzu, denn durch das Herunterwirtschaften des tyrannischen Königs klappte auch die Versorgung mit Kartoffeln nicht mehr und es gab Tage, da mussten sie hungrig ins Bett gehen.

Vor den Toren des Königsschlosses stießen sie auf keinerlei Widerstand, denn auch die Wachen hatten schon längst bemerkt, dass irgendetwas mit dem König nicht stimmte.

Das ganze Schloss wurde nach dem König durchsucht. Weit und breit keine Spur von ihm. Er war verschwunden. Am nächsten Tag erfuhr man durch einen fahrenden Krämer, dass ihm Spione davon berichtet hatten, dass ein Marsch auf das Schloss bevorstünde. Da hatte er sich in seine Reisekutsche gesetzt, die besten Pferde anspannen lassen und sich so schnell er konnte aus dem Staub gemacht. Man erfuhr, dass er bei dem befreundeten König, der seinerzeit bei der Behandlung der Kartoffeln seine Finger mit im Spiel hatte, Unterschlupf gefunden hatte.

Die Untertanen waren froh, dass er weg war, so brauchten sie ihn erst gar nicht zu vertreiben.

Zwei Tage später versammelten sich alle Untertanen auf einem freien Feld vor den Toren der Stadt und hielten Rat. Man beriet, dass man nie mehr einem König trauen wolle und jetzt die Geschicke des Reiches lieber selber in die Hand zu nehmen seien. Mit dem Tag, an dem die Untertanen ihre Angelegenheiten selbst untereinander friedlich und respektvoll miteinander regelten, fing das Reich fast über Nacht wieder an zu erblühen. Den Untertanen, die jetzt keine mehr waren, ging es von Tag zu Tag besser. Die Versorgung mit Kartoffeln wurde in die eigene Hand genommen und man achtete peinlichst darauf, dass es allen gut ging.

Die friedliche Stimmung strahlte auch in die benachbarten Königreiche aus. Die dortigen Könige wurden vorsichtig in ihrem Handeln, weil sie nicht wollten, dass sie das gleiche Schicksal ereilte, wie das des tyrannischen Königs. Man begann regen Handel mit dem Reich ohne König.

Die Untertanen im Reich ohne König stellten in ihrem Alltag immer mehr fest, dass es gar keine Gesetze nötig hatte, wenn man sich einfach nur menschlich verhielt und so, dass der andere sich in seiner Freiheit nicht bedrängt fühlte. Unstimmigkeiten wurden untereinander geregelt, manchmal mithilfe eines Schiedsmanns. Insgesamt aber funktionierte das Miteinander viel viel besser, als vorher, als von dem König noch Edikte erlassen wurden. Viel besser sogar, als noch vor der Zeit des tyrannischen Königs, als oberflächlich noch alles in Ordnung schien.

Man war sich einig, dass die Freiheit des Menschen nicht verhandelbar ist, und dass kein König einem freien Menschen vorzuschreiben hat, was er zu tun und zu lassen hat. Selbstverständlich wurde die staatliche Versorgung mit Kartoffeln und die Zwangsgebühr dafür sofort abgeschafft. Man baute jetzt selber Kartoffeln an und empfand, dass das die Mühe zugunsten der Freiheit wert war.

Untertanen in anderen Königreichen bekamen das mit und dachten sich, dass sie eigentlich auch gar keinen König brauchten, wenn es dem Reich ohne König doch so gut ging. So wurden sie selbstbewusster und waren nicht mehr mit allem einverstanden, was der jeweilige König für sie entschied. Das passte natürlich einigen Königen nicht und es wurde in manchem Königreich unruhig. Doch das wäre eine andere Geschichte.

 

Dieser Beitrag wurde mit dem Pareto-Client geschrieben.”

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(Bild von pixabay)