Vom Hüten und gehütet werden, von Freiheit und Unfreiheit
Ein Schaf kann sich fest einreden, es sei ein Hütehund, es kann vielleicht versuchen, das Wesen des Hütehundes nachzuahmen, spätestens beim Bellen wird es schon an seine Grenzen stoßen, es kann die größten Anstrengungen unternehmen, und doch wird es seinem Wesen nach immer ein Schaf bleiben.
Der Hütehund hat seinem Wesen nach, die Fähigkeit, eine Herde Schafe in die Richtung zu treiben, in der er sie haben will, weil Schafe das ihrem Wesen nach zulassen. Schaf und Hütehund können nichts dafür, dass sie ihrem Wesen nach so sind, wie sie sind.
Menschen sind nicht anders. Sie sind ihrem Wesen nach entweder Hütehund, oder Schaf, aber sie haben prinzipiell eine Wahl, was sie sein wollen. Es macht eigentlich gar keinen Sinn, Energie darauf zu verwenden, aus einem Schaf einen Hütehund machen zu wollen, wenn das Schaf es nicht will. Und ein Hütehund wird nicht so blöd sein, aus sich ein Schaf machen lassen zu wollen. Da gibt es ein Ungleichgewicht.
Einen Unterschied zwischen Mensch und Schaf gibt es allerdings doch: Im Gegensatz zum Schaf haben die Menschen einen freien Willen. Wenn sie wollen, können sie sich verändern, ihr Schafsein ablegen. Das ist allerdings mit einiger Mühe und Arbeit verbunden und dazu sind viele leider zu bequem, obwohl genau das sie zu ihrem eigentlichen Menschsein hinführen würde.
Die Menschen können sich entscheiden, ob sie ein Hütehund sein wollen, der die Schafe vor sich hertreibt, oder ob sie ein Schaf sein wollen, dass sich vom Hütehund treiben lässt.
In Deutschland, mentalitätsbedingt, aber sicher auch anderswo, ist sich der größte Teil der Schafe noch nicht einmal bewusst, dass sie in der Lage wären, selbst entscheiden zu können, ob sie Schafe sein wollen.
Ein kleiner Teil hat sich dafür entschieden Hirtenhund (oder schlimmeres) zu sein, weil er es angenehmer findet, die Herde vor sich herzutreiben, statt getrieben zu werden.
Würden die Schafe, die zahlenmäßig in der Mehrzahl sind, sich der Tatsache bewusst werden, dass sie viele mehr sind, als der eine Hütehund, könnten sie ihn allein schon durch ihre Überzahl verjagen, um dahin zu gehen, wo sie weiden wollen und nicht wohin der Hütehund sie treibt.
Doch da ihnen aufgrund ihres Wesens gar nicht bewusst ist, dass sie es könnten, weil sie eben in der Überzahl sind, geben sie sich, wohl auch aus Bequemlichkeitsgründen mit ihrem Schafsein zufrieden – und der Hütehund weiß das, das ist das Dilemma!
Die Schafe müssten noch nicht einmal alle einer Meinung sein, die Gemeinsamkeit, das Wissen darum, dass sie ja viel mehr sind, als nur der eine Hütehund, würde schon ausreichen, um dem Hütehund seine Macht über sie zu entreißen. Doch das fällt ihnen einfach nicht ein!
Hinzu kommt noch, dass sie sich so sehr daran gewöhnt haben, einen Hütehund zu haben, der ihnen sagt, wo es lang geht, dass ihnen schon allein die Vorstellung Angst macht, dass sie ohne ihn frei entscheiden könnten, wohin sie gehen wollen, wenn der Hütehund nicht da wäre. Auch das weiß der Hütehund, und er verachtet sie für ihre erbärmliche Angst.
Dann gibt es noch die schwarzen Schafe, die sich seit ihrer Geburt durch ihre andere Fellfarbe vom Rest der Herde deutlich abheben. Auch sie können selbst nichts dafür, dass sie anders sind. Sie haben sich die Farbe ihres Fells ja nicht aussuchen können. Genau so wenig, wie die weißen Schafe dafürkönnen, dass sie mit einem weißen Fell geboren wurden.
Die schwarzen Schafe haben gar keine andere Wahl, als sich damit abzufinden, damit leben zu lernen, dass sie immer in der Herde auffallen werden. Ihre exponierte Situation drängt sie förmlich dahin, einen anderen Blick auf die Herde der weißen Schafe einzunehmen, ob sie wollen, oder nicht. Manchmal in einer schwachen Minute sind sie verzweifelt über ihre Auffälligkeit und wünschen sich nichts mehr, als einfach auch nur ein weißes Schaf zu sein, denn es liegt ihnen fern, sich über die anderen zu erheben oder etwas Besonderes sein zu wollen. Die schwarzen Schafe sind durch ihr anders farbiges Fell in der Lage, die Herde zu verstehen, weil sie am Ende ja selbst auch ein Schaf sind, nur eben mit einer anderen Fellfarbe. Der Hütehund kann das nicht.
Für die Herde sind die schwarzen Schafe eine Gefahr, weil sie nicht so sind, wie sie selber. Im Schnee können sie durch nur ein einziges schwarzes Schaf aus der Luft entdeckt werden. Ihre Gleichfarbigkeit bietet ihnen Schutz, in der Herde können sie ihre Individualität verbergen und im Großen Ganzen aufgehen.
In dieser sozialen Schaf-Organisation kommt der Schäfer eigentlich gar nicht vor, der, dem sie alle, die weißen und die schwarzen Schafe und auch der Hütehund gehören.
Die Schäfer der Herden sind die unsichtbaren Einser, die erst aus den Nullen, den Schafen, eine 10 machen, wenn sie zusammengefügt werden, oder eine 100 oder eine 1000, je nachdem, wie groß die Herde eines einzigen Schäfers ist. Erst in diesem Zusammenspiel bekommen die Einser Wirkmacht.
Die Welt der Schafe ist eine Welt für sich, und die der Schäfer auch. Erst wenn diese in Beziehung zueinander treten, entsteht eine Spannung, die erst das Bedürfnis nach Macht des Schäfers über die Herde erzeugt.
Wären die Schafe in der Lage zu erkennen, dass ihre gefühlt grenzenlosen Weidegründe durch den Schäfer festgelegt werden, würden sie sich ihrer Unfreiheit bewusst werden.
Die schwarzen Schafe sehen es als ihre Aufgabe an, den weißen Schafen die Zäune am Rande der Weide zu zeigen, damit sie erkennen können, dass sie eingepfercht und somit unfrei sind.
Hierbei stoßen sie bei vielen weißen Schafen auf Widerstand, weil die gar nichts von ihrer Unfreiheit wissen wollen.
Die weißen Schafe sollten den schwarzen Schafen mehr vertrauen als dem Schäfer, weil sie sich am Ende durch ihr gemeinsames Schafsein näher sind, als das Schaf dem Schäfer.
Doch bis dahin ist es wohl noch ein langer Weg, weil immer wieder Stimmen in den Reihen der weißen Schafe laut werden, die sagen, dass es ja gut ist, dass es einen Hütehund und einen Schäfer gibt, weil beide sie vor dem bösen Wolf schützen, von dem eine ständige Bedrohung ausgeht, auch, wenn dieser schon seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen worden ist.
„Was die Herde am meisten hasst, sind diejenigen, die anders denken. Es ist nicht so sehr die Meinung an sich, sondern die Kühnheit, selbst zu denken, etwas, was sie selbst nicht können.“ – Arthur Schopenhauer
“Dieser Beitrag wurde mit dem Pareto-Client geschrieben.”
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