Das Orakel von Teotihuacan

Vor einiger Zeit geschah Seltsames in der Mondpyramide von Teotihuacán in Mexico. Ein Orakel sprach in der Dunkelheit zu mir. Aber lest selbst...

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Vor vielen Jahrhunderten errichtete eine bis heute unbekannte Kultur die Tempelstadt Teotihuacan im damaligen Mechíca. Unweit der Metropole des heutigen Mexiko City liegt die mächtige Mond- und Sonnenpyramide nebst mehr als 10 weiteren kleineren Bauwerken. Mein Führer, ein einheimischer Schamane, führte mich durch ein Loch in der Mondpyramide in einen geheimen Gang. Nach etwa 100 Metern, die wir gebückt zurücklegten, befanden wir uns mit einem Mal in einem größeren Gewölbe. Die Taschenlampe meines Handys zeigte mir in der Mitte des Raumes eine ebenmäßig polierte ockerfarbene Kugel, die auf einer Säule aus blauem Stein ruhte.

Der weise Mann vollführte verschiedene Zeremonien, deren Wortlaut ich nicht verstand, da er Nahuatl sprach, das Idiom der Azteken. Gebannt sah ich zu, wagte kaum zu atmen, so heilig war die entstandene Atmosphäre. Langsam und geräuschlos setze ich mich auf den Steinboden. Mit einem Mal schlug der Schamane mit seinem geweihten Stab, den am oberen Ende ein Schlangenkopf zierte, dreimal auf den Boden. Stille. Der Hall seiner Stimme war im ewigen Stein versickert. Ich wartete voller Spannung darauf, dass irgendetwas passieren würde. Ohne die geringste Ahnung zu haben, was das sein könnte. Es war vollkommen still, nicht einmal unser beider Atem war zu hören.

Mein Smartphone im Taschenlampenmodus zielte noch immer auf die Kugel in der Mitte des Raumes. Doch mit einem Mal begann das Licht zu flackern, erst unmerklich, dann immer schneller. Bis es ganz erlosch, ebenso wie das Display. Vollkommene Dunkelheit umgab mich. Existenzielle Schwärze. Mir wurde mulmig zu Mute. Ohne Licht würde es schwierig werden, den Ausgang zu finden. Gerade als ich leise zu Kakalotl sprechen wollte, geschah es. Die Kugel erglomm aus ihrer Mitte. Schwach, aber deutlich, denn es war die einzige Lichtquelle, die hier existierte. Langsam pulsierend verstärkte sich der Lichtschein. Ich saß wie gebannt, meine Aufmerksamkeit war wie ein Laserstrahl auf dieses vollkommen unwahrscheinliche Objekt gerichtet.

„Tu pregunta, ahorita!“, zischte der Schamane mir zu.

Meine Frage? Welche Frage? Meine Gedanken bewegten sich in Zeitlupe, ich hatte keine Idee, was er meinte.

„Que pregunta? No sé que quiero preguntar!”

Ich wusste wirklich nicht, was ich fragen sollte. Und vor allem: wen!

„La más importante pregunta de todo!”

Also die wichtigste Frage überhaupt. Einfach so, jetzt, in einem Gewölbe unter einer Pyramide. Na gut, was soll’s, dachte ich mir, kann ja nichts schief gehen.

„Que es el futuro del mundo?”

Was ist die Zukunft der Welt? Etwas Größeres fiel mir nicht ein und tatsächlich interessierte es mich wirklich brennend, wie das hier alles weitergehen sollte. Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, da vernahm ich – nein. Da entstand eine Stimme in meinem Kopf. Zum Glück auf deutsch. Nein, auch nicht. Es waren keine Worte in irgendeiner Sprache, es war anders. Als würden meine Gedanken von außen geformt, so dass sie direkt in meinem Geist entstanden. Unfassbar!

Dies wird geschehen: in deinem Land gibt es einen Ältesten, der dein Volk regiert. Er belügt sein Wahlvolk derart, dass die Priester ihn in ein Verließ werfen müssen, um das Land zu schützen. Wenn dies geschieht, so bekommen es viele mit der Angst zu tun. Zu recht, denn auch sie werden in ein Verließ geworfen. Diejenigen, die Pfeile in andere Menschen steckten, werden in Ketten gelegt werden und diejenigen, welche das Pfeilgift erschufen, werden nie wieder das Licht des Tages erblicken.

Großes Geheul und Geschrei wird ausbrechen bei denen, die euch die Wahrheit verkünden sollten, aber seit langer Zeit nur Unwahrheiten erfanden, um euch in die Irre zu führen. Sie werden aus großen Häusern gejagt werden und fortan von Almosen leben.

Schlecht ergehen wird es auch den Stämmen, die stets Angst verbreiten, dass sich bald der Himmel erhitzen und die Meere steigen wird. Sie werden ihre Häuser nicht mehr verlassen vor Schuld und Scham ob ihrer Erfindungen. All dies wird innerhalb eines Mondes geschehen. Das Volk wird ein Freudengeschrei anstimmen und all die Lügner und Betrüger aus den Dörfern jagen.

Eben solches wird geschehen in dem Land, das im Norden dieses Tempels liegt und jenen gehört, die das Geld machen. Ihre Macht wird versiegen, da sie niemanden mehr finden, der ihr selbst gemachtes Geld möchte. Auch die vielen Krieger, die sie für ihren Schutz benötigen, werden sie verlassen. Vor Angst werden sie in fliegende Drachen steigen und auf Inseln im weiten Meer fliehen. Doch zuvor werden sie auf Rache sinnen, denn sie befürchten, dass große Klarheit über die Menschen kommen könnte.

Ein Blitz wird große Zerstörung anrichten und die kleinen Schachteln, die die Menschen stets bei sich tragen, werden dunkel werden. Nicht mehr in der Welt bewegen können sie sich ohne die Schachteln. Doch sie werden ihre Funktion verlieren und nutzlos werden. Dann kommt große Panik über die Völker, denn sie wissen nicht mehr ein noch aus. Auch die Blitze, die in den Behausungen für Licht und Wärme sorgen, werden versiegen.

Erst wird alles noch schlimmer werden, denn die Menschen wissen nicht mehr, wie sie ohne die Kraft des Geldes leben können. Es wird viele Kämpfe und viele Tote geben. Doch dann werden neue Stämme entstehen, die dem LEBEN huldigen werden, statt der Schachteln oder des Geldes. Sie werden überall zu finden sein. Die Ältesten jedoch, die heute noch die Völker lenken, werden nie mehr gesehen werden.

„Algo más?“, noch etwas, fragte ich nach einer Weile, da die Gedankenstimme mit einem Mal verstummt war.

Wenn es euch gelingt, die Angst und Schuld hinter euch zu lassen, so wird es eine blühende Zukunft geben. Falls nicht, so wird die Dunkelheit sehr lange dauern. Hütet euch vor denen, die das Geld machen. Sie müssen für alle Zeit ihre Macht verlieren. Es ist eure letzte Möglichkeit in diesem Zeitalter.

Die Stimme verschwand. Ich war wie betäubt. War das nur eine Illusion? Hatte der Schamane das auch empfangen?

„Lo entendiste?“ Hast du das gehört?

„Si, claro. No tenga miedo. Confía en el ciclo infinito.”

Hab keine Angst. Vertraue dem unendlichen Kreislauf.

Ja, dass musste es wohl sein. Sollte das Orakel recht haben, so blieb mir, blieb uns gar nichts anderes übrig. Der Kraft des Lebens zu vertrauen und die Angst endlich hinter uns zu lassen. So werde ich es machen.

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