Der fiktive Plan zur Rettung "UnsererDemokratie" – von Thomas Eisinger
Autor: Thomas Eisinger. Dieser Beitrag wurde mit dem Pareto-Client geschrieben. Sie finden alle Texte der Friedenstaube und weitere Texte zum Thema Frieden hier. Die neuesten Pareto-Artikel finden Sie auch in unserem Telegram-Kanal.
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Es war einmal eine Idee. Welche das war und wie die Geschichte – vorläufig – endete, das ward hier niedergeschrieben. Teil 1 lesen Sie auch hier.
Als die reichen Männer dem Volk die Demokratie geschenkt hatten, dachten sie, alles wäre gut. Um ganz sicher zu gehen, hielten sie sich eine Vielzahl williger Wissenschaftler und Marktschreier, um die Wahrheit stets selbst herstellen zu können. Doch eines schönen Tages, als sie eines ihrer legendären Bankette abhielten, schlich eine furchtbare Erkenntnis mitten zwischen ihren Smokings hindurch und setzte sich fest wie ein orientalischer Teppichhändler. Die ganze Runde erstarrte, Hummer und Wagyu-Filet blieben gar im Halse stecken. Wie auf ein geheimes Kommando verschlossen sie ganz fest die Augen, in der Hoffnung, dass beim Wiederöffnen ebendieser Spuk verschwunden sein möge. Doch er blieb, saß grässlich zwischen ihnen.
In wilder Entschlossenheit stellten sie sich hin und boten ihm die Stirn. Der Allermutigste hob an und sprach: «Wir selbst waren es, die UnsereDemokratie dem Volke schenkten. In der Gewissheit, dass wir stets die passenden Kandidaten auswählen würden. Doch eines hatten wir nicht bedacht: Das Volk könnte den Wunsch äußern, nicht nur die willfährigen Unsrigen zu wählen, sondern selbst über ihre Anliegen abzustimmen. Ihre Stimmen werden immer lauter und unsere Argumente immer dünner. Niemals darf dies geschehen!»
Zustimmendes Murmeln bestärkte den Edlen, weiterzusprechen: «Nun, so höret, mir kam ein weiser Plan zu Ohren, der schon anderweitig Anwendung findet. Wollt ihr davon hören?»
Das Murmeln wurde lauter, die Köpfe nickten in ungeduldiger Manier.
«Gut, so will ich euch künden von dieser Idee, die all unsere Probleme einer wohlfeilen Lösung zuführen kann. Wie wir alle wissen, glaubt das Volk bis heute, die Gesetze hätten Gültigkeit für alle.»
Lautes Gelächter unterbrach seine Rede.
«Ich weiß, ich weiß, man fasst es kaum. Doch ist es uns in all den Jahren und Jahrzehnten gelungen, den Glauben an unabhängige Richter aufrecht zu erhalten. Zum Glück interessiert sich der Plebs nicht sehr dafür, außer einer von ihnen ist selbst betroffen. Dennoch bemerken sie nicht, dass keiner aus unseren Kreisen je hinter Gitter kommt. Das ist bis heute so. Jedoch – », er machte eine wohl abgestimmte Pause, «jedoch, der Wind dreht sich. Es geht so weit, dass sich der Pöbel erdreistet, bei der Besetzung UnsererRichter ein Wörtchen mitreden zu wollen. Man stelle sich das vor! Sie sind nicht einmal in der Lage zu verstehen, weshalb UnsererRegierung das Geld niemals ausreicht, obwohl die Steuern immer mehr und immer höher werden. Und da bilden sie sich ein, sie könnten bei wichtigen Staatsgeschäften und der Jurisprudenz ihr Stimmchen erheben!»
Beifälliges Gemurmel ertönte aus den Reihen der Anwesenden. Einige hatten schon davon gehört, dass renitente Marktschreier das Volk aufzuwiegeln versuchten. Wieso warf man dieses Pack nicht einfach in den Kerker? Dies war für die meisten Anwesenden bis heute nicht zu verstehen. Oder man schickte ihnen die Assassinen, so wie das zu allen Zeiten üblich war. Doch heute sollte man sich an Regeln halten, die Stimmung des Volkes nicht reizen. Welch ein Hohn!
Ein junger Prinz trat hervor und richtete sein Wort an die Edelleute: «Nun, es mag wahr sein, was wir so eben zu hören bekamen, mir selbst wurde Ähnliches zugetragen. Wir sollten dem eine gewisse Bedeutung zumessen. Jetzt hier und heute eine Lösung finden, damit wir in Ruhe wieder auf unsere Ländereien und Segelschiffe zurückkehren können.»
«Hört, hört!», riefen die Befrackten unisono. «Wohl an, so lasst uns rasch zur Lösung kommen, denn sogleich wird das Dessert aufgetragen!»
Der Prinz verschaffte sich Aufmerksamkeit. «Nun, ich denke, es kann ganz einfach sein. Wenn das Volk rebelliert, so nehmen wir uns ein anderes Volk!»
Die Umstehenden blickten zunächst ihn, dann sich gegenseitig fragend an. Ein anderes Volk nehmen? Schon wieder? Auch ohne es auszusprechen, schienen sich die Anwesenden einig zu sein, dass dies nicht die beste Idee sei. Aus der Historie ihrer Väter und Vorväter wussten sie, dass bei solchen Unternehmungen stets ein gewisses Risiko bestand. In seltenen Fällen war es schon geschehen, dass am Ende das Volk selbst am Buffet saß.
«Wartet, edle Herren!» Ein grauhaariger Herr von beeindruckender Figur war hervorgetreten. «Ich bin geneigt, eine andere Idee in den Ring zu werfen. Doch bevor ich sie ausbreite, seid versichert: In jedem Fall muss der Pöbel eine angemessene Züchtigung erfahren. So scharf, dass es eine ganze Generation braucht, um sich davon zu erholen. Doch nun höret, denn mein Plan ist schon länger gereift.»
Beifälliges Nicken und hie und da ein wenig Ungeduld trieben den Sprecher nun an.
«Vor jeder guten Schlacht ist es das Wichtigste, den Gegner, dessen Absichten und Mittel genau zu kennen. Das dumme Volk als Gegner darf nicht unterschätzt werden, denn wie seit Anbeginn unserer Reiche ist seine Zahl der unseren weit überlegen. Was also sind deren Absichten? Sie wünschen Mitsprache und geringere Steuern sowie ein Ende der Gebühren für das Wetter. Natürlich werden wir niemals darauf eingehen, doch alles abzulehnen wäre unklug, es könnte sie weiter aufstacheln. Ich schlage deshalb folgende Taktik vor: Zunächst erwecken wir den Anschein, wir würden ihre Wünsche ernst nehmen, das nimmt ihnen ein wenig Wind aus den Segeln. Wir machen ein kleines Angebot – vor den nächsten Wahlen – das besänftigt sie weiter. Doch noch bevor wir auch nur den allergeringsten Wunsch erfüllen wird etwas Furchterregendes geschehen: Die Horden des Osten werden uns bedrohen!»
Unruhe entstand unter den Umstehenden, überraschte Rufe unterbrachen den Sprecher: «Was? Ist das wahr? Wieso erfahren wir erst jetzt davon?» Der Redner hatte Mühe, sich wieder Gehör zu verschaffen.
«Seid unbesorgt, liebe Freunde, nichts dergleichen steht zu befürchten. Doch ebendies ist es, was wir dem Volke verkünden werden. Wieder und wieder, von allen Seiten, die drohende Gefahr muss in allen Farben ausgemalt werden. Denn – wie ihr bestens wisset – aus allem, was tausendfach wiederholt wird, entsteht eherne Wahrheit. Große Angst und Wehgeschrei wird sich sodann erheben.»
Verhaltenes Gelächter schallte durch den Saal, Gläser wurden angestoßen, in den Augen sah man Respekt für den Plan aufblitzen.
«So dies geschehen ist, werden wir dem Volk erklären, dass nun anderes wichtig sei als ihre kleinen Anliegen, denn die Friedenszeiten wären nun endgültig vorbei. Mit dem Feind im Osten wäre an Verhandlungen nicht zu denken, denn er steckt mit dem namenlosen Bösen unter einer Decke. Das Land – UnsereDemokratie! – müsse verteidigt werden. Alles andere sei zurückzustellen. Doch bedenket: Dank fast hundertjährigen Friedens weiß das Pack gar nicht mehr, wie Kampfeslust sich anfühlt. Somit werden wir unsere wohlgenährten Doktoren des Geistes und der Propaganda bitten, ihr Wissen wiederum für eine lohnende Sache einzusetzen.»
«Ja, das ist gut! Die sind gut genährt, ihre Zahl geht bereits in die Tausenden, sie sollen sich gefälligst nützlich machen!»
«Ihr sprecht wahr. Und ich habe bereits einen ihrer honorigsten Vertreter konsultiert. Es war ein sehr bemerkenswertes Gespräch. Seine Empfehlung war, etwas auszugraben, was seit Jahrzehnten verschollen ist, zumindest in unseren Gefilden. Wisst ihr, wovon ich parliere?»
«Nein, nun sprich schon, das Dessert wartet auf uns!»
«Nun denn, so lauschet. Wir graben etwas aus, von dem wir lange, sehr lange, erzählten, es würde überhaupt nicht mehr existieren. Nur Volksfeinde hätten damit Umgang, man dürfe es offen niemals zeigen, Schimpf und Schande haben wir stets darüber ausgegossen. Doch nun! Wir werden es mit neuem, freudvollem und ehrvollem Leben wiedererwecken! Ich vermute, ihr ahnt es bereits, wenn nicht, so gebraucht eure Imagination! Ich spreche von nichts anderem als Vaterlandsliebe!»
«Oh! Ah! Nicht möglich!? Hört, hört!», so klang es nun verwundert aber auch zustimmend aus der Runde.
«Lauschet, dies ist der Plan: Wir graben sie aus, erwecken sie mit neuem Leben und präsentieren sie stolz der Menge, die bisher immer davor gewarnt worden war. Zunächst wird sich der eine oder andere erstaunt die Augen reiben, gar widersprechen. Doch nichts ist leichter, als solche als Vaterlandsverräter zu brandmarken und vor die Tore zu jagen. Doch das ist erst der halbe Plan. Hört zu: Statt die Steuern zu senken, werden wir sie erhöhen! Das wird sogleich jeder begrüßen, denn es dient ja einem edlen, sogar dem allerbesten Zwecke; der Verteidigung UnsererDemokratie sowie des eigenen, nun auf einmal höchst geliebten Landes! Der Verteidigung von Häusern und Burgen, von Straßen und Fabriken, Wäldern und Feldern, dem Schutz ihrer treuen Frauen und lieblichen Töchter. Wer – außer feindlichen Kollaborateuren – sollte da dagegen sein? An diesem Punkt haben wir schon mehr als die Hälfte des Weges zurückgelegt.»
«Was? Was kommt denn nun noch? Ich sehe bereits die Diener mit den Torten, so macht voran!»
«Bedenket, in unserer Freude über die gelungene Aktion dürfen wir eines nicht vergessen: Es gibt Widersacher in unserem eigenen Land, Verräter, Feindesleugner. Jene auszuschalten ist entscheidend fürs Gelingen. Doch auch dies sollte kein großes Hindernis sein, denn die von uns erdachten Gesetze geben uns jedes Recht. Wir schlagen neues Geblüt zu Richtern, die uns gefällig sein werden. Sie haben bereits heute so viel Ungemach angerichtet, dass sie auf Gedeih und Verderb unserem Wohlwollen ausgeliefert sind. Betrachtet sie getrost als Leibeigene!»
«Genial! Woher nehmt ihr diese Weisheit?»
«Ein letztes Wort, gestattet mir, eure Zeit noch eine Winzigkeit in Anspruch zu nehmen. Sobald wir an diesem Punkt angekommen sind, werden wir alle Widersacher zu Ketzern erklären lassen, zu Feinden UnsererDemokratie. Wir werden ihnen jede Möglichkeit zum Broterwerb nehmen, ihre Geldsäckel pfänden. Diejenigen unter ihnen, die sich widersetzen oder gar für Frieden eintreten, werden wir öffentlich an den Pranger stellen. Die bekanntesten Exemplare werden wir als abschreckendes Beispiel in den Kerker werfen lassen – als Warnung an den Rest. Und als Krönung des Ganzen –», er machte eine dramatische Pause, «als Krönung werden wir die Luft höher besteuern als in jedem anderen Land auf dem Erdenrund. Dann werden sie sehen, wohin sie mit ihrer Eigenmächtigkeit gekommen sind!»
Der Beifall war ohrenbetäubend. Alle willigten in den Plan ein, voller Begeisterung spürten sie, dass sie für viele, viele Jahre sicher sein würden vor dem tumben Volk. Als die Diener die Platten mit Torten, Baissers, Zuckergebäck und Früchten hereintrugen, war das Vanille-Eis um den Apfelstrudel bereits leicht geschmolzen. Aber nur leicht.
Hier geht es zum ersten Teil der Geschichte…
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