Lust auf Zukunft: Genuss im großen Stil

Wie ernähren wir uns morgen: von China lernen? Ein Frontbesuch im Krieg ums Essen / Von Hans-Ulrich Grimm

Der Tag beginnt hier, spektakulär wie immer, mit einem Frühstück von gigantischem Ausmaß.

Bei meinem ersten Besuch war ich noch etwas unsicher gewesen, wie das wohl schmecken wird. Und dann sehr überrascht, wie gut alles ist, und vor allem: wie gut ich mich gefühlt habe danach. 

Und jetzt bin ich natürlich gespannt, was sich da verändert hat. In China entwickelt sich ja alles in rasender Geschwindigkeit. 

Fortschritt durch Technik - auch beim Essen?

Das Tempo des Fortschritts, High-Tech, Künstliche Intelligenz: Atemberaubend. Rekordverdächtig.

Natürlich ist hier alles größer, moderner, glitzernder, beeindruckender. Schon die Wolkenkratzer in den vielen Millionenstädten, allen voran in Shanghai.

Superlative, so weit das Auge reicht.

Auch in Sachen Ernährung. Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es ein so tiefes, traditionelles Verständnis über den Zusammenhang von Ernährung, Gesundheit und Wohlbefinden, seit 5000 Jahren, dem legendären Gelben Kaiser Huang Di.

Und heute? Wo steht China im weltweiten „Krieg ums Essen“, in dem die Truppen der globalen Konzerne das echte Essen immer weiter zurückgedrängt haben?

Ich war ja vor bald 20 Jahren zum ersten Mal hierher gereist. Es war sozusagen ein Frontbesuch auf Anregung von Nestlé: Im Hauptquartier des weltgrößten Nahrungskonzerns am Genfer See hatten sie mir prophezeit, dass die Menschheit in den Megacities der Zukunft nur noch mit Nestlé-Methoden zu ernähren sei: lange haltbaren, transportablen Produkten, schon aus logistischen Gründen.

Ernährung der Zukunft - nur mit Nestlé-Methoden?

Vielleicht haben sie ja recht, dachte ich mir, fuhr hin und berichtete darüber (siehe hier und hier). Damals gab es in China 125 Millionenstädte. Jetzt sind es über 300.

Wie sieht es heute aus mit dem Vormarsch von Nestlé & Co.? Wie schmeckt’s im Land? Und: Was können wir daraus lernen?

Erster Eindruck: So viel hat sich da gar nicht verändert. Glücklicherweise.

Gerade beim Frühstück, auf das ich mich besonders gefreut habe. Und tatsächlich, im Hotel, praktisch ausschließlich von Chinesen frequentiert: ein Büfett von gigantischem Ausmaß. Essen mit Wow-Effekt.

Das Frühstücks-Schlaraffenland

Da gibt es gebratenen Reis, auch gebratene Nudeln, und Gemüse aller Art, grüne Paprika mit Huhn, rote mit Rind, das hier allgegenwärtige Pak Choi. Es gibt Würstchen und Speck, Eier natürlich, gekocht, gebraten, vom Huhn, von Wachteln. 

Dann gibt es Stationen, an denen Köche Suppen austeilen, von Huhn, Schwein, Fisch, schnell noch nebenbei Wan-Tan-Taschen füllen, die ein bisschen wie Tortellini aussehen. Andere braten auf Wunsch Pfannkuchen oder wickeln Wraps. 

Es gibt natürlich die berühmten Dumplings, wie die Ausländer sagen, die Maultaschen der Chinesen, in der Landessprache  Jiǎozi (餃子) genannt. Und Baozi (包子), eine Art gefüllter Dampfnudeln. Und Congee oder Zhōu (粥), den Reisbrei, den sie hier standardmäßig zum Frühstück nehmen, daneben eine ganze Palette von Saucen, Einlagen, Kräutern, Gewürzen. Auch Tofu. Einen Posten mit Süßkartoffeln, Bohnen, Tofu. Obst natürlich, Melone, Sternfrucht, Äpfel, Bananen.

Und das Beste: das Gefühl im Bauch danach. Viel leichter, leichter, beschwingter, angenehm gesättigt. So ein Angebot ist ja nicht nur Schlaraffenland pur, sondern auch so ziemlich das Gesündeste, was man sich vorstellen kann.

Für alle, die es gern westlicher haben, gibt es auch Gebäck, Croissants, Toast. Cornflakes, Joghurt. Und eine Maschine für Cappuccino & Co..

Sind es 20 Meter Büfett, 50, oder mehr? Es ist auch ein ziemlich großes Hotel. 3781 Zimmer, sagte der freundliche Rezeptionist. Das reicht nicht ganz unter die Top Ten der Welt, aber ziemlich weit an die Spitze.

Das größte deutsche Hotel ist übrigens das Estrel in Berlin mit 1125 Zimmern, gegründet von einem Mann namens Eugen Block, dessen Familie erst jüngst einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde; zuvor war er nur Insidern ein Begriff, durch die Entwicklung vorgefertigten Essens für die Gastronomie („Convenience Food“).

Warnung: Folgendes ist nichts für Empfindsame

Hier in China hingegen sind sie offenbar weithin resilient gegen westliche Überfremdung in Sachen Kulinarik. Auch gegen manch modische Empfindsamkeiten.

Ein berühmtes Hähnchen, Spezialität mancher Regionen, kommt zum Beispiel ziemlich komplett auf den Tisch (Foto: DR. WATSON), bis hin zum Kopf - samt Hahnenkamm. Der ist in Frankreich in alten Rezepten noch präsent, bei uns nur noch in exklusiven Reservaten, etwa auf Substack. Schmeckt überraschend fein, nicht weich, nicht zäh, irgendwas dazwischen. 

Auch Fischkopf ist in China übrigens eine Delikatesse, zu hohen Preisen sogar in Fünf-Sterne-Hotels serviert (Rezept gibt’s hier bei uns). 

Also: Sehr vorbildlich. Alles essen. Nix wegschmeißen. 

Frisch ist der Fisch nur, wenn er gerade noch gelebt hat

Gerade beim Fisch sind sie in China ziemlich extremistisch, was die Qualität angeht. Als frisch gilt er nur, wenn er noch gelebt hat, bevor er auf den Tisch kam.

Deshalb gibt es im Restaurant diese blau schimmernden Aquarien, in denen wir uns aussuchen können, wen wir heute bevorzugen (Foto vom Fang: DR. WATSON; rechts Hans-Ulrich Grimm). Auch auf den Märkten. Und, jedenfalls auf dem Land, sogar noch das lebende Federvieh, Enten, Hühner, die dann auf dem Moped oder im Bus nach Hause transportiert werden.

Also: Im High-Tech-Land China geht es kulinarisch immer noch ziemlich traditionell zu.

Das war bei meinem ersten Besuch so ziemlich die größte Überraschung für mich: angereist auf Anregung von Nestlé, bereit, mich auf eine ganz neue, hochindustrielle Nahrungskette einzulassen – und dann zu sehen, wie die neuen Megacities mit ganz normalen, herkömmlichen Lebensmitteln versorgt werden. 

Chongqing beispielsweise, flächenmäßig die größte Stadt der Welt, mit ihren 36 Millionen Einwohnern, wo ich einen dieser Großmärkte besucht hatte. Ebenso in Peking, 20 Millionen Einwohner, wo ich den Chef des dortigen Großmarktes gefragt hatte, wie viele Bauern seinen Markt eigentlich beliefern. Da dachte er kurz nach, rechnete im Kopf, und sagte dann: 80 Millionen. Ich sagte dann, entschuldigen Sie bitte, dass ich kurz lachen musste: unser kleines Land hat grade so viel Einwohner.

Großmarkt heißt so, weil er wirklich groß ist

Und jetzt also Shanghai, die ultramoderne Glitzermetropole. Im Wirtschafts- und Finanzdistrikt Pudong gibt es nicht nur Wolkenkratzer wie den 468 Meter hohen Fernsehturm oder den Shanghai-Tower mit seinen 632 Metern, sondern auch, in Sichtweite, einen riesigen Lebensmittel-Großmarkt: Der „Zentrale Großhandelsmarkt für landwirtschaftliche Produkte in Shanghai“ (上海农产品中心批发市场) ist der größte seiner Art in der drittgrößten Stadt der Welt mit ihren knapp 30 Millionen Einwohnern (Foto mit Autor: DR. WATSON).

40 Prozent von allem Obst, das sie in Shanghai verspeisen, kommt hier durch.

Einheimische Produkte wie Äpfel, Trauben, Kiwis, Winterdatteln, Orangen und Pfirsiche.

Dazu Importware, Kirschen, Durian, Bananen, Drachenfrüchte, Ananas und Mangos. Insgesamt 320.000 Tonnen im Jahr.

Und Gemüse, 1000 Tonnen täglich, also 365.000 Tonnen im Jahr.

Außerdem 4000 Schweine am Tag, also fast 1,5 Millionen im Jahr, die sogar per QR-Code rückverfolgbar sein sollen bis in den Stall.

Es gibt auch Meeresfrüchte, Geflügel, Gewürze und vieles mehr.

Insgesamt 1,27 Millionen Tonnen Lebensmittel werden hier jährlich umgesetzt, im Wert von umgerechnet** **1,6 Milliarden Euro.

Die kluge Strategie im Krieg ums Essen

So ganz von selbst läuft das natürlich nicht. Alles ist mit strategischem Weitblick geplant. 1998 wurde dieser Großmarkt eröffnet, ein „Schlüsselprojekt“ der Stadtregierung, mit einer projektierten Gesamtfläche von 27 Hektar, verkehrsgünstig gelegen auf halbem Wege zum Flughafen, einer der vier nationalen grünen Modellmärkte des Riesenreiches mit seinen 1,4 Milliarden Einwohnern. Das Gemüse hier stammt zum Beispiel aus 28 chinesischen Provinzen. Der Lastwagen mit den Wassermelonen kam aus dem Nordosten, hunderte Kilometer entfernt. 

Merke: Der Krieg ums Essen ist wirklich ein Krieg. Und gewinnen kann nur, wer die richtige Strategie hat. Und natürlich ein Bewusstsein von den Zusammenhängen. 

**Ein Feinkostgeschäft namens Aldi - mitten in Shanghai **

Selbstverständlich ist das auch bei uns möglich. Es braucht nur ein gewisses Qualitätsbewusstsein – und den Willen, es organisatorisch umzusetzen. Dann sind auch unsere Akteure überraschend wandlungs- und mithin zukunftsfähig.

Aldi zum Beispiel, bei uns ein eher am unteren Rand angesiedelter Billigheimer, tritt in Shanghai wie ein edler Delikatessenhändler auf, mit einem breiten Angebot, das auch anspruchsvolle Chinesen begeistert, inklusive einer höchst appetitlichen Frische-Abteilung mit Obst und Gemüse (Foto mit Autor: DR. WATSON).

Unsere tägliche Chemie - mit Warnhinweis

Es gibt natürlich auch die andere Seite. Die Produkte der „westlichen Ernährung“, die seit langem hier Einzug gehalten haben – und, wie überall, die Menschen dick gemacht haben (siehe hier) und krank, vor allem die Bessergestellten, die sich Cola, McDonald’s und die Produkte von Nestlé & Co. leisten können (siehe hier).

Instantnudeln. Fertiggerichte. Ganze Regalreihen voll. Aber, mit weithin sichtbarer Neonschrift obendrüber. Ein Warnhinweis, vor diesen “chemischen Produkten”? Eine sympathische fernöstliche Form von Ehrlichkeit? Jedenfalls irgendwie vorbildlich.

Wir lassen lieber die Finger davon.

Prüfet alles und behaltet das Gute, sagt der Apostel Paulus (1 Thess. 5,21).

Was also können wir lernen von den fernöstlichen Ernährungs-Weisen?

Erstens natürlich das, was die Chinesen seit 5000 Jahren sozusagen in ihrer DNA haben: dass Ernährung und Gesundheit zusammenhängen.

Wenn wir als Gesellschaft gesünder leben wollen, die Krankheitskosten in den Griff kriegen, mehr Netto vom Brutto, dann spielt Essen & Trinken eine ganz zentrale Rolle.

Dabei wäre es wichtig, weniger auf – zumeist lügenbasierte – Ernährungsempfehlungen oft zwielichtiger Fachkreise zu setzen, sondern das Gute intelligent zu organisieren.

Die Medizin sollte sich nicht nur auf Rezepte und Rendite fokussieren, sondern auch auf die angemessenen Lebensmittel achten.

Das setzt natürlich eine klare Positionierung im „Krieg ums Essen“ voraus.

Die Wissenschaft ist sich da überraschend einig: Am besten für die Gesundheit sind echte Lebensmittel, die „Mediterrane Ernährung“, die mittlerweile als Oberbegriff gilt für naturnahe Kost, viel Obst und Gemüse, ein bisschen Fisch, etwas Fleisch, keine Chemie – kurz: die ganze Palette von unserem Frühstücksbüfett.

Das lehren uns die gigantischen Märkte in den Megacities: Wie wichtig es ist, die Nahrungskette zu optimieren. Damit das gesunde Essen leichter zugänglich ist, die Bauern und Gärtner sichere und auskömmliche Absatzmärkte haben.

Es geht schließlich um die Sicherung der Energieversorgung, für unseren Körper. Um lebensnotwendige Infrastruktur.

Die Ernährung der Zukunft: Nicht mit Nestlé & Co., sondern mit echtem Essen, das den Körper angemessen versorgt, Energie liefert, die Bausteine für ein engagiertes Leben.

Genuss im großen Stil.

So ist das im Gehirn angelegt: Wenn wir das Richtige bekommen, sorgt das für gute Gefühle.

Bis sich diese Einsichten bei uns durchsetzen, kann es natürlich noch dauern.

So lange bleibt nur die private Lösung fürs bessere und gesündere Leben, für uns und unsere Lieben.

Wir haben uns entschieden und nehmen das Frühstück, die Wan-Tan-Suppe, dazu ein bisschen Gemüse, gebratenen Reis, Obst und Müsli. Und dazu ein Cappuccino, prego.