"Der digitale Euro wird nicht funktionieren"

Daniel Tröster aka "Loddi" kennt sowohl die Banken- als auch die Bitcoin-Welt. Was plant die Bankenbranche mit Bitcoin?

Liebe Abonnenten,

Bitcoin startete 2008 als Gegenentwurf zum Bankensystem. Die Idee: Ein Peer-to-Peer-Netzwerk ersetzt Drittparteien. Man kann sich das vorstellen wie beim Einkauf mit Bargeld: Wenn Münzen oder Scheine den Besitzer wechseln, bekommt das keine Bank mit. Bitcoin geht sogar noch einen Schritt weiter. Das System benötigt auch keine Regierung oder Zentralbank mehr, die den Wert des Geldes garantiert, beziehungsweise verwässert. Das System ist so geschaffen, dass sich der Wert von Bitcoin selbst stabilisiert und bei steigender Gütermenge zunimmt.

Vor allem in den ersten Jahren zog Bitcoin deshalb viele Kritiker des Fiat-Systems an. Es wäre gelogen, wenn Profitgier nicht auch eine große Rolle spielte. Aber einem harten Kern von Bitcoin-Begeisterten ging es immer auch um etwas anderes: Die Schaffung einer besseren Welt durch ein besseres Geldsystem.

Mit dem Start der Bitcoin-ETFs in den USA und vor allem der cryptofreundlichen Politik der aktuellen US-Regierung ist der Weltverbesserungsgedanke etwas in den Hintergrund getreten. Bitcoin scheint einen - prominenten - Platz im globalen Finanzsystem eingenommen, anstatt dieses revolutioniert zu haben. Stablecoins, eigentlich ein Nebenprodukt der Bitcoin-Adoption, spielen eine immer wichtigere Rolle im internationalen Zahlungsverkehr. Der “digitaler Euro” droht den Weg in eine umfassende Kontrolle aller Finanztransaktionen zu ebnen.

Daniel Tröster aka “Loddi” kennt beide Welten gut. Der Bankkaufmann hat sich beruflich mit dem digitalen Euro auseinandergesetzt. Gleichzeitig ist der überzeugte Bitcoiner und Podcaster einer der Stimmen, die die Bitcoin-Adoption in Deutschland vorantreiben. Zeit für ein Gespräch mit ihm.

Daniel, was machst du heute beruflich – und wie bist du da hingekommen?

Daniel Tröster: Ich habe klassisch Bankkaufmann gelernt und bin früh im Electronic Banking gelandet – also im digitalen Zahlungsverkehr. 2014 habe ich zum ersten Mal für 100 Euro Bitcoin gekauft, und mit 35 Euro Gewinn wieder verkauft. Seit rund sechs Jahren beschäftige ich mich intensiv damit: Ich habe bei einer Sparkasse Berater zu Bitcoin und Krypto geschult, an Verbandsprojekten mitgearbeitet, war Produktmanager „Digital Assets“ und arbeite heute bei der Krypto-Tochter der Börse Stuttgart in der Produktentwicklung – spreche hier aber ausdrücklich privat.

Wie groß ist das Interesse der klassischen Banken in Deutschland an Bitcoin?

Deutlich größer als noch vor einigen Jahren. Früher war Bitcoin für viele gleichbedeutend mit Spekulation, Geldwäsche und „schlecht fürs Klima“. Inzwischen gibt es große institutionelle Player im Markt und mit MiCA ein klares Regulierungsrahmenwerk in Europa. Die meisten Banken merken: Das Thema geht nicht mehr weg.

Viele Häuser – große wie kleinere – haben Projekte gestartet. Es geht dabei weniger darum, dass die Bank selbst Bitcoin hält, sondern darum, ihren Kunden in der gewohnten Banking-App neben Aktien und Fonds auch Bitcoin und andere Krypto-Assets anzubieten. In Deutschland werden zum Beispiel Deka und DZ Bank ab 2026 schrittweise in den Privatkundenhandel einsteigen.

Ist das aus Sicht eines Bitcoiners eher gut oder eher problematisch?

Grundsätzlich positiv – sonst würde ich in diesem Bereich nicht arbeiten. Es ist der logische nächste Schritt in der Adoption. Natürlich heißt das nicht, dass alle, die über ihre Banking-App Bitcoin kaufen, es auch wirklich verstehen oder Self-Custody nutzen. Viele werden Bitcoin wie einen weiteren spekulativen Wert sehen. Aber es kommt neues Geld in den Markt, die Hürde zum Einstieg sinkt, und Bitcoin gewinnt massiv an Reputation: Wenn du es bei jeder Sparkasse und Volksbank kaufen kannst, diskutiert niemand mehr ernsthaft, ob das „verboten gehört“.

Du kommst aus der Bankenwelt. Siehst du Bitcoin als Gegenpol zum Bankensystem?

Eher als Gegenentwurf zum Fiat-Geld und damit zur Zentralbank. Banken wird es meiner Meinung nach noch sehr lange geben. Dass Euro und Dollar morgen zusammenbrechen, halte ich für unrealistisch.

Ein zweites Großthema im europäischen Finanzsystem ist der digitale Euro und allgemein CBDCs. Wie siehst du das?

Ich habe mich beruflich ein halbes Jahr nahezu täglich mit dem digitalen Euro beschäftigt. Die EZB spricht von einem Start 2029 – selbst das halte ich für sportlich. Ich sehe viele technische, politische und ökonomische Stolpersteine und halte es für möglich, dass das Projekt massiv schrumpft oder am Ende gar nicht kommt.

Wichtig ist zunächst: Ein digitaler Euro wäre eine sogenannte Central Bank Digital Currency, kurz CBDC – also Zentralbankgeld in digitaler Form, vergleichbar mit Bargeld, nur als App oder Karte. Heute hat der Bürger Zentralbankgeld nur als Banknote in der Hand, alles andere auf dem Konto ist eine Forderung gegen seine Bank.

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Auf dem Papier soll der digitale Euro alles können: Bezahlen an der Supermarktkasse, E-Commerce, Überweisungen zwischen Privatpersonen, Offline-Zahlungen per Karte oder Smartphone. Die EZB will die eierlegende Wollmilchsau. In der Praxis heißt das aber: Viele Akteure müssen mitspielen – und alle wollen Geld verdienen.

Denn auch bei einem digitalen Euro gibt es Intermediäre: Deine Hausbank macht KYC, stellt dir die App zur Verfügung, beantwortet Supportfragen. Auf Händlerseite gibt es Payment Service Provider, Terminals, die Bank des Händlers. Die EZB will gleichzeitig die Gebühren deckeln, damit der digitale Euro für den Handel günstiger wird als Visa oder Mastercard. Aber wenn alle Teilnehmer weniger verdienen als heute, ist der Anreiz gering, das Produkt wirklich nach vorne zu bringen. Am Ende landet der digitale Euro in der Banking-App im achten Untermenü – verpflichtend integriert, aber ohne Begeisterung.

Dazu kommt: Bis 2029 vergeht viel Zeit. Andere Lösungen – vom klassischen Kartenzahlungsverkehr über Instant Payments bis hin zu Stablecoins – entwickeln sich rasant weiter. Ich habe aktuell wenig Fantasie, wie der digitale Euro hier in der Breite konkurrenzfähig werden soll.

Viele Menschen haben beim digitalen Euro Sorge vor Überwachung und Kontrolle. Spielt das in deinen Überlegungen eine Rolle?

Absolut. Bei einer CBDC hätte der Staat theoretisch ein mächtiges Instrument in der Hand: Er könnte Zahlungen nach Betrag, Zweck oder Empfänger begrenzen, Geld mit Ablaufdatum versehen oder detaillierte Nutzungsprofile erstellen. Die EZB betont zwar den Datenschutz und spricht von Anonymität bei Kleinstbeträgen, aber aus Sicht der Bürger ist schon die Möglichkeit zur Kontrolle problematisch. Bei Stablecoins ist das Risiko anders gelagert: Dort haben wir private Emittenten und Finanzaufsicht, aber nicht dieselbe unmittelbare staatliche Steuerungsmöglichkeit wie bei einer CBDC.


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Du hast Stablecoins schon angesprochen. Wo liegt der Unterschied zum digitalen Euro?

Stablecoins sind private Token, die meist eins zu eins an eine Fiat-Währung gebunden sind – heute vor allem an den US-Dollar. Ein Emittent nimmt Kundengelder entgegen, legt sie in sicheren Anlagen wie Staatsanleihen an und gibt dafür digitale Token heraus, die jederzeit wieder eingelöst werden können. Im Kern ist das ein klassisches Bankgeschäft – nur auf der Blockchain.

In Europa regelt MiCA – die Markets in Crypto Assets Regulation – diesen Bereich streng. Wer Krypto-Dienstleistungen anbietet oder einen Stablecoin emittieren will, braucht Lizenzen und Aufsicht. Trotzdem kommt gerade enorm Tempo rein: Erste Großbanken haben bereits eigene Euro-Stablecoins aufgelegt, weitere Institute arbeiten an gemeinsamen, MiCA-konformen Lösungen. Diese Coins sind nicht wie Tether an Dollarreserven gebunden, sondern an Euro-Assets, die reguliert und überwacht sind.

Für die Emittenten ist der Anreiz klar: Sie verdienen an den Zinsen auf die hinterlegten Gelder. Für Nutzer und Banken liegt der Nutzen vor allem im Zahlungsverkehr und im Kapitalmarkt: Internationale Zahlungen, die heute über Systeme wie SWIFT laufen und Tage dauern, lassen sich mit Stablecoins in Minuten und oft günstiger abwickeln. Und wenn in Zukunft mehr Wertpapiere tokenisiert und auf der Blockchain gehandelt werden, kann man mit einem Euro-Stablecoin fast in Echtzeit gegen diese Token „settlen“, statt zwei Bankarbeitstage zu warten.

Ich glaube, dass ein Teil des heutigen Giralgelds langfristig faktisch in Stablecoins „wandern“ wird – oft ohne dass der Endkunde es merkt. Er sieht nur: Das Geld kommt schneller an, Aktienkäufe werden schneller abgerechnet.

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Bitcoin als Zahlungsmittel: Was ist für dich das Spannende an Lightning – und wo siehst du Grenzen?

Lightning ist für mich faszinierend, weil ich damit peer-to-peer zahlen kann: grenzüberschreitend, in Sekunden, zu minimalen Gebühren und ohne zentrale Stelle, die das stoppen kann.

Gleichzeitig bin ich für unseren westlichen Kontext eher vorsichtig-bearish. Solange unsere Recheneinheit der Euro bleibt und Kartenzahlungen für den Kunden „einfach funktionieren“, ist der Use Case an der Supermarktkasse begrenzt. Wenn eine Lightning-Zahlung länger dauert oder unsicherer wirkt, wird sich der Durchschnittskunde nicht dafür entscheiden.

Spannender finde ich Lightning im E-Commerce und in Regionen mit schwachem Finanzsystem oder hoher Inflation. Onlinehändler leiden heute unter hohen Gebühren und Chargebacks bei Kreditkarten. Eine finale, nicht rückbuchbare Zahlung über Lightning, die deutlich günstiger ist, kann hier viel bewirken – selbst wenn nur eine Nische der Kunden sie nutzt.


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