Vorsicht weißer Kittel!

Toxische Forschung: Korrupte Professoren gefährden Ihre Gesundheit

Von Hans-Ulrich Grimm

Der Andrang war riesig. Schließlich ging es um ein sensibles Thema: Babynahrung. Die Medien sind da stets empörungsbereit, wenn sie einen Skandal wittern. Denn die Kleinsten unter uns sind natürlich die Schutzbedürftigsten.

Auch ich war deshalb angereist, und saß in diesem überfüllten Raum, wo viele vor allem von den jungen Kinderärzten nur noch auf dem Fußboden Platz fanden, bei diesem wichtigen Kongress ihrer Fachvereinigung.

Sie sind ja die ersten Ansprechpartner für Eltern, und die Ernährung ganz am Anfang hat weitreichende Auswirkungen aufs ganze Leben ihrer Kinder.

Jetzt sollte hier der bedeutendste und einflussreichste Professor die neuen Richtlinien vorstellen.

Gleich zu Beginn vertauschte er erst einmal seine Folien, schließlich hatte er später noch einen weiteren Auftritt, für den schon überall geworben wurde.

In einem größeren, schöneren, helleren Raum präsentierte eine Werbeveranstaltung des Babynahrungs-Marktführers Hipp.

Die Richtlinien waren denn auch danach, mit deutlicher Schlagseite zugunsten des Sponsors.

Empfehlungen mit Schlagseite

Ein Professor in doppelter Mission. Der Kinderärzteverband störte sich daran offenbar nicht. Die Medien sahen keinen Skandal. Die Politik hat solche Praktiken sogar noch gefördert. Die Justiz sah auch keinen Grund einzuschreiten.

In der Fachwelt rümpfen zwar manche die Nase gerümpft über käufliche Kollegen, die „Mietmäuler“, die Gefälligkeitsforschung abliefern. Aber der Karriere hat es nicht geschadet. Bisher.

Doch jetzt beginnt es zu brodeln. Der Unmut wächst.

Gefängnis bei Gefälligkeiten

Sogar von Korruption ist schon die Rede. Und die ist ja bei Beamten, also auch Professoren, eigentlich verboten. Es steht sogar Gefängnis drauf, gemäß Paragraph 332 Strafgesetzbuch (StGB) drohen bis zu fünf Jahre Haft.

Und hier geht es um ein wichtiges Gut: Unsere Gesundheit und die unserer Kinder.

Wenn Professoren sich auf die Seite des Ungesunden stellen, ganze Heerscharen von Ärzten, Bediensteten, Ernährungsberaterinnen in diesem Sinne dirigieren, durch entsprechende Richtlinien, selbst die Gesetzgebung beeinflussen und unser Verhalten, dann macht das krank, kann sogar unser Leben vorzeitig beenden.

Geldgierige Professoren als Gesundheitsrisiko

Wenn Forscher nicht mehr nach der Wahrheit suchen, sondern nur noch nach dem Mammon gieren, gefährden sie nicht nur Leib und Leben der Bevölkerung, sondern auch die Geschäftsgrundlage einer ganzen milliardenschweren Branche: die Expertenindustrie, zu der nicht nur die Wissenschaftler selbst gehören und ihre Universitäten, sondern auch die Verlage, in denen die ihre Ergebnisse publizieren, den Aufsichts-Institutionen bis hin auf zur Weltgemeinschaft.

Sie fürchten um ihren Ruf, ihre Glaubwürdigkeit, ihre Geschäftsmodelle.

Null Toleranz für die Agenten des Ungesunden

„Null Toleranz“ für korrupte Professoren fordert das British Medical Journal (BMJ), eine der einflussreichsten Medizinzeitschriften.

„Das große Problem der Wissenschaft ist der Verlust an Einfluss“, klagt Nature, das wichtigste Wissenschaftsjournal der Welt, aus einem deutschen Verlagsimperium.

Und auch bei der Vereinigung der Kinderärzte ist das Problembewusstsein gewachsen. Sie will jetzt gegen solche Praktiken vorgehen. Was nicht ganz so einfach ist. Schließlich geht es um mächtige und einflussreiche Persönlichkeiten. Wie jenem Herrn, der in doppelter Mission auf dem Kongress unterwegs war.

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Sein Name: Prof. Dr. Berthold Koletzko, Ludwig-Maximilians-Universität München.

Seit Beginn seiner Karriere ist er auch im Dienst der Industrie unterwegs, hat Millionen eingeworben, nach eigenem Bekunden natürlich immer für seine Universität. Noch heute ist er für Nestlé aktiv.

Auch ein anderer Veteran war gern Firmen zu Diensten: der Münchner Professoren-Kollege Hans Hauner. Ich nahm ihn zum ersten Mal wahr in einem Info-Blättchen, das ich von Coca-Cola bekam. Nein, sagte er da, als aufstrebender Nachwuchsforscher, Süßes habe rein gar nichts mit Übergewicht zu tun.

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Das war natürlich auch damals schon Quatsch, und auch in der Wissenschaft bekannt.

Die „Zuckerkrankheit“ Diabetes breitet sich, auch dank solcher Irrlehren, zügig aus, und Professor Hauner wurde ein berühmter Diabetologe. Er wirkte auch maßgeblich an einschlägigen Ernährungsrichtlinien mit – obwohl er nach eigenen Angaben auch „tätig“ war für Danone, Nestlé sowie diverse Pharmakonzerne. Ein anderer Fachveteran war ebenfalls mit von der Partie - obwohl er nach eigenen Angaben sogar Aktien besitzt von Nestlé, Coca-Cola, und McDonald’s, also profitiert vom Ungesunden.

Selbst die berühmte Berliner Großklinik Charité kassierte mehr als eine Million Euro von Coca-Cola. Schwärmte die zuständige Charité-Gendermedizinerin Prof. Dr. Vera Regitz-Zagrosek: „Coca-Cola light unterstützt Frauen dabei, Herz und Seele im Gleichgewicht zu halten.“ (Illu: aboutdrinks) Das Gegenteil ist richtig: Cola light & Co. erhöhen das Risiko für Herzkrankheiten und Depressionen, gerade bei Frauen.

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Manche Veteranen mussten für ihre privaten Geschäfts noch einige Versteckspielchen veranstalten, wie Professor Hans Konrad Biesalski von der Universität Hohenheim bei Stuttgart. Er ließ sich gegen Geld unter anderem von einem Lobbyverband in Sachen Glutamat einspannen, erklärte sogar ein Pfund am Tag für okay (siehe hier). Und engagierte seine Frau für die Abwicklung, über deren eigene Firma. Seine Uni hat ihm das nicht übelgenommen, und die deutsche Bundesregierung berief ihn sogar in ihren “Bürgerrat Ernährung” (mehr dazu hier).

Sein Nachfolger darf seine privaten Geschäfte ganz ungeniert und offen betreiben: Professor Stephan C. Bischoff engagiert sich neben seinem staatlich finanzierten Job an der Uni Hohenheim aktiv für die Food-Konzerne, als Funktionär ihrer Lobbyorganisation, dem International Life Sciences Institute (Ilsi). Und als Leiter einer Abspeck-Filiale des Nestlé-Konzerns an seiner Universität (siehe hier; Foto: Stuttgarter Zeitung/Montage: DR. WATSON).

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(Transparenzhinweis: Professor Bischoff hat zu Beginn seiner Karriere auch an der DR. WATSON Datenbank mitgewirkt).

Die Medien stören solche anrüchigen Verbindungen nicht, sie pflegen sogar eine besondere Zuneigung zu Professoren, die sich von den Herstellern des Ungesunden finanzieren lassen.

Der Berliner Tagesspiegel etwa. Als eine Studie herausfand, dass „Kekse, Fertigmüsli oder Chips“ bei der Zitterlähmung Parkinson in Verdacht stehen, holte sich das Blatt schnell einen Experten, der erklärte, warum „wir trotzdem noch Süßes essen dürfen“.

Sein Name: Stefan Kabisch, „Ernährungsforscher“ an der Berliner Charité.

Auch die Süddeutsche Zeitung präsentierte ihn als Experten fürs Süße („Zuckerersatzprodukte sind ein Weg zu einer gesünderen Ernährung, sagt Stefan Kabisch“.)

Seine Geschäftspartner können sich freuen: „Zuschüsse“ bekommt er nach eigenen Angaben unter anderem von einer Tochterfirma des Südzucker-Konzerns, die süße Zuckersatzstoffe herstellt.

Zur Perfektion gesteigert hat das Verfahren ein neuer Shooting-Star unter den Ernährungsexperten: Martin Smollich, Professor am Lübecker Universitätsklinikum.

Er prostituiert sich ganz offen, im Internet, wirbt um zahlungskräftige Kunden aus dem Milieu, hat sogar eigens eine Firma gegründet. Mit seinen Kompagnons bietet er einen speziellen Service feil, auf LinkedIn und und X (Screenshot).

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Sie verfügten, so verkünden sie stolz „über ein breites Netzwerk in Wirtschaft, Wissenschaft, Fachgesellschaften, Medien und Behörden.“

Tatsächlich reicht es erschreckend weit: von Universitäten über die Food-Industrie bis hin zu staatlichen Institutionen, etwa dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft (AkdÄ). Sie eröffnet uns immerhin einen Einblick, was so reinkommt: das kann schon deutlich fünfstellig sein, im Monat, neben dem normalen Professorensalär von den Steuerzahlenden.

Die Medien aus seinem “Netzwerk” erwähnen das erst gar nicht, präsentieren ihn als neutralen Experten, im Spiegelt=gws-wiz), der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), der Süddeutschen Zeitung (SZ), der Neuen Zürcher Zeitungiz-serp) (NZZ), bei Zeit, Focus, taz. Und sogar in der Ärztezeitung.

Da lobt erVitaminpillen, verharmlostdie Gefahren durch Süßstoffe und industrielle Problemprodukte (»Hochverarbeitete Lebensmittel sind nicht per se ungesund«).

Käufliche Professoren: Das ist nicht nur ein moralisches, vielleicht justizielles Problem. Und das sind nicht einzelne Figuren. Es ist ein ganzes System aus gekauften Experten, die Tatsachen verdrehen, Fakten verfälschen, und einfach weglassen, was ihnen oder ihren Geldgebern nicht passt (aktuell sehr schön hier). Wenn es nicht mehr um Wahrheitssuche geht, sondern um Profit, auch auf Kosten der Wahrheit, dann kann das ins Auge gehen. Wenn vermeintlich seriöse Universitätsmediziner im weißen Kittel das Ungesunde verharmlosen oder gar empfehlen, kann uns das sogar krank machen.

Toxische Forschung gefährdet Ihre Gesundheit. Und zwar nachweislich.

Ein Geständnis liegt schon vor, von Mitgliedern der zuständigen US-amerikanischen Kommission für Ernährungsrichtlinien (mehr dazu hier).

“Sie haben uns in die Irre geführt”

Die offiziellen Empfehlungen der Ernährungsinstitutionen seien „von Grund auf falsch“. Denn: „Sie haben uns in die Irre geführt“, seien mitverantwortlich für Übergewicht, zahlreiche Krankheiten wie Herzinfarkt und Diabetes, sogar frühen Tod.

Eine Ursache: Die Verbindungen der Professoren mit der Industrie. So hatten „fast alle Mitglieder mindestens einen Interessenkonflikt mit der Lebensmittel- und Arzneimittelindustrie“; jeder zweite „sogar 30 oder mehr“.

Lieber dem örtlichen Häuptling glauben?

Gerade wenn es um die Gesundheit geht, ist es besonders verwerflich, wenn „schädliche Industrien“ Einfluss ausüben, über gekaufte Professoren, kritisiert das British Medical Journal (BMJ). Und fordert einen radikalen „Neustart“.

Wenn es der Branche nicht gelingt, das Vertrauen der Menschen wiederzugewinnen, prophezeit schon Nature, das Top-Journal, würden sie sich auf „Freunde und Familie“ verlassen, ihre lokalen Führer. Also: Opa Horst oder den örtlichen Häuptling.

Und der nicht mehr ganz so neue US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy jr. schon angedroht5), dass die staatlichen Forscher seines Landes bald nicht mehr in den einflussreichen Fachzeitschriften publizieren dürften – „weil sie alle korrupt sind“.

Immerhin: Der Verband der Kinderärzte will jetzt strengere Vorschriften in Sachen „Interessenkonflikte“ erarbeiten.

Bis jetzt gelten allerdings noch die alten Richtlinien zur Kinderernährung, kürzlich aktualisiert - leider mit immer noch deutlicher Schlagseite in Richtung Sponsor. Aber das kann sich ja ändern.