Lithium als essentielles Spurenelement? Michael Nehls' neues Buch unter der Lupe - MWGFD

In seinem neuen Buch legt Dr. Michael Nehls die Bedeutung von Lithium für die mentale Gesundheit dar. Er plädiert dafür, Lithium als essentielles Spurenelement anzuerkennen und als Nahrungsergänzungsmittel zuzulassen. Prof. Harald Walach hat sich eingehend mit Nehls‘ Argumentation auseinandergesetzt. veröffentlicht am 30.06.25 von MWGFD Presse MWGFD-Mitglied Dr. med. habil. Michael Nehls hat schon eine ganze […]Der Beitrag Lithium als essentielles Spurenelement? Michael Nehls‘ neues Buch unter der Lupe erschien zuerst auf MWGFD.

**In seinem neuen Buch legt Dr. Michael Nehls die Bedeutung von Lithium für die mentale Gesundheit dar. Er plädiert dafür, Lithium als essentielles Spurenelement anzuerkennen und als Nahrungsergänzungsmittel zuzulassen. Prof. Harald Walach hat sich eingehend mit Nehls‘ Argumentation auseinandergesetzt. **

veröffentlicht am 30.06.25 von MWGFD Presse

MWGFD-Mitglied Dr. med. habil. Michael Nehls hat schon eine ganze Reihe vielgelesener und wichtiger Bücher publiziert. Ich bin auf ihn aufmerksam geworden durch sein Buch „Die Alzheimer-Lüge“ [1], das ich sehr nützlich und informativ fand, als ich mit meinem Kollegen Martin Loef an einem Programm zur Primärprävention von Alzheimer arbeitete [2]. Dieses neue Buch reiht sich gut in diese Tradition ein und führt einige Gedanken weiter.

Das Buch

**Michael Nehls: Das Lithium-Komplott. Plädoyer für ein essentielles Spurenelement – Der verbotene Schlüssel zur mentalen Gesundheit. Verlag Mental Enterprises, Vörstetten 2025, 464 Seiten, Softcover, EUR 24,90 ** **Siehe auch: **michael-nehls.de/das-lithium-komplott

**Kurz zusammengefasst: **Es ist ein wichtiges Buch mit sehr viel solide recherchiertem Material. Nehls baut darin das Argument auf, dass Lithium ein essentielles Spurenelement ist, das wir in aller Regel in nicht ausreichender Menge zu uns nehmen. Wir sollten es daher substituieren, obwohl wir nur sehr wenig, nämlich ca. 1 mg davon pro Tag benötigen. Denn unsere Böden, in denen es vorkommt, sind mittlerweile ausgewaschen, so dass sich Lithium vor allem im Meerwasser findet – abgesehen von einigen Mineralwässern.

Da wir nicht ausreichend viel Nahrung zu uns nehmen, die dem Meer entstammt – Fische, Meeresfrüchte – haben wir zu wenig Lithium. Dummerweise ist es aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen in Europa und in vielen anderen Ländern nur auf Rezept erhältlich und als Nahrungsergänzungsmittel verboten. Das liegt sachlich wohl daran, dass in der Literatur einige Vergiftungsfälle beschrieben worden sind und die Behörden noch nicht ganz verstanden haben, dass es sich bei Lithium um ein essenzielles Spurenelement handelt.

Im Tieferen, so würde Nehls argumentieren, kommt das daher, dass in den letzten Jahren entdeckt worden ist, dass Lithium zur Regulation einiger wichtiger Enzyme bedeutend ist, vor allem solcher, die bei der Vermittlung der Entzündungsreaktion wichtig sind. Statt diese einfach, natürlich und kostengünstig flächendeckend über eine Bereitstellung von Lithium zu regulieren, sucht die Industrie nach künstlichen und patentierbaren Lithiummimetika, also pharmazeutischen Stoffen, die chemisch so ähnlich wie Lithium sind und die entsprechenden Rezeptoren ansprechen. Daher auch der Untertitel „Komplott“. Nehls vermutet, dass diese Suche nach künstlichen, Einnahmen verheißenden Molekülen dazu führt, dass die entsprechende Lobbymaschinerie dafür sorgt, dass Lithium „gebannt“ bleibt.

Das wäre in etwa, kurz zusammengefasst, das Narrativ dieses Buches. Ich habe es gelesen mit einigem Hintergrund in manchen der besprochenen Krankheiten und Kenntnis von anderen Nahrungsergänzungsmitteln und Supplementen. Aber von Lithium wusste ich nicht viel. Ich muss sagen: Nehls‘ Argumente haben mich überzeugt, zumindest von der Essenzialität von Lithium, und das ist der wichtige Teil.

Lithium, ein essenzielles Spurenelement

Von einem essenziellen Element – Spurenelement, Vitamin etc. – sprechen wir dann, wenn es für die physiologische Funktion des Organismus von Bedeutung ist und wenn ohne dieses Element mittel- und langfristig Krankheiten und Schäden auftreten, die meistens wieder verschwinden, wenn das Element in ausreichender Menge zugeführt wird. Allen bekannt ist Vitamin C. Man entdeckte im 17. Jahrhundert, dass Seefahrer, die allzu lange auf See waren, ohne frisches Obst, Gemüse, Sauerkraut Skorbut entwickelten. Kapitän Lancaster führte 1601 den ersten Versuch durch, indem er manchen Matrosen Zitronen gab und anderen nicht. Diejenigen, die keine erhielten, entwickelten Skorbut, die anderen nicht. Ca. 150 Jahre später, 1747, wurde der Versuch von Lind wiederholt und erst 1865, also ca. 250 Jahre nach der ersten Entdeckung, war das Ergebnis allgemein akzeptiert. [3] Damals gab es sicher kein Komplott, Vitamin C zu verhindern. Es war einfach die allgemein menschliche Trägheit, um nicht zu sagen Dummheit, die verhinderte, dass man den Durchbruch erkannte.

Eine Essenzialität einer Substanz liegt also dann vor, wenn der Körper die Substanz benötigt und sie nicht oder nicht in ausreichender Menge selbst erzeugen kann, so dass Mangelzustände und Krankheiten entstehen. Vitamin D können wir zwar selber bilden, tun es aber zu wenig, weil wir zu wenig im Freien sind. Ein Vitamin-D-Mangelzustand war früher gut bekannt als Rachitis, einem mangelnden Knochenaufbau. Weniger gut bekannt sind die vielen subtilen Vitamin-D-Mangelzustände: Infektanfälligkeit, Demenz-Syndrome, Anfälligkeit für Auto-Immunkrankheiten und anderes.

Hier kommt nun Lithium ins Spiel: Hierfür gibt es ein Mangelsyndrom, das Nehls beschreibt: Das „Mentale Immun-Defizienz Syndrom (MIDS)“. Das ist irgendwie klug und frech zugleich. Das Argument für die Essenzialität von Lithium kommt aus dem Nachweis, dass Lithium als Spurenelement für einige sehr wichtige Prozesse im Organismus unabdingbar ist:

Die sogenannte Adulte hippocampale Neuroneogenese wurde erst vor einigen Dekaden entdeckt. Bis dahin glaubte man, Neuronen würden nach der Ausformung des Gehirns am Ende der Adoleszenz nicht mehr neu gebildet. Das ist falsch, wie wir mittlerweile wissen. Im Hippocampus, jenem Bereich der Großhirnrinde, der eng mit tiefer liegenden Arealen des limbischen Systems verknüpft ist und in dem unsere Erfahrungen für unser Gedächtnis aufbereitet werden, dort entstehen laufend neue Neuronen. Nur so kann unser Gehirn immer wieder neue Gedächtnisinhalte verarbeiten und alte zur Verfügung stellen.

Diese hippocampale Neuroneogenese bei Erwachsenen ist abhängig von der Gegenwart von Lithium, wie wir mittlerweile wissen. Der Organismus konzentriert Lithium sogar in den entsprechenden Bereichen des Gehirns. Versagt dieser Prozess, oder läuft er nicht optimal ab, dann entsteht das „Mentale Immun-Defizienz Syndrom (MIDS)“. Denn alle psychischen Prozesse, die wir aufwenden, um uns gegen unbrauchbare Information, gegen Gefahr, gegen das Wiederholen von Fehlern zu wappnen und alle Fähigkeiten, die uns dabei helfen, wie soziale Verbundenheit und Kooperation, sie alle benötigen ein intaktes hippocampales System. Aus ihm entsteht unsere Fähigkeit, Erfahrungen zu sortieren, uns Wichtiges zu merken und Störendes aus dem Bewusstsein zu entlassen, Neugier und Kreativität, soziale Kompetenz, Mitgefühl und nicht zuletzt kritisch-rationales Denken. All das macht unser Mentales Immunsystem aus, also die Fähigkeit, bewusst das für uns Hilfreiche von Schädlichem zu unterscheiden.

Die Äußerungsformen dieses Mentalen Immundefizienzsyndroms sind genau die psychischen Probleme, die in den letzten Dekaden verstärkt aufgetreten sind: Autismusspektrum-Krankheiten, die vor allem in den USA enorm zugenommen haben, so dass bald jedes 37. Kind damit diagnostiziert wird [4]; Depressionen und Suizide; Demenzsyndrome; Aggressionen und asoziales Verhalten. Das wären nur die wichtigsten.

Die Formulierung eines eigenen Mangelsyndroms MIDS ist frech, habe ich oben gesagt. Diese Einschätzung kommt daher, dass eine solche Zusammenstellung im Moment nicht von vielen anderen in der gleichen Weise geteilt werden würde. Auch wenn Nehls aus meiner Sicht recht hat. Es wird noch eine Weile dauern – siehe Vitamin C –, bis seine Sicht vermittlungsfähig wird. Denn Wissenschaft arbeitet im Moment sehr kleinteilig. Und der große Bogen, der Nehls‘ Analyse kennzeichnet, ist nicht das, was Konjunktur hat. Daher müsste man vermutlich in vielen kleinen, geduldigen Aufsätzen, die das Argument wiederholt und aus verschiedenen Perspektiven vorbringen und in wichtigen Journalen publiziert werden, die Elemente, die Nehls hier verbunden darbringt, zusammenfassen.

Aber wollen wir hier mal optimistisch bleiben. Dann sieht man, dass Nehls tatsächlich ein sehr stringentes Argument aufbaut. Fünf Dinge, sagt er, sind nötig, damit Essenzialität bewiesen ist (S. 66):

  1. Ein Mangel führt zu deutlichen Problemen, schlechter Reproduktion, frühzeitigem Tod
  2. Das Spurenelement hat ein eindeutiges physiologisches Ziel
  3. Ein Mangel führt zu pathologischen Veränderungen, auch bei anderen Spezies
  4. Stellt man das Element zur Verfügung, verschwindet der Mangel, wie der Skorbut durch das Verzehren von Zitronen
  5. Wenn man das Element nicht mehr zur Verfügung stellt, kommen die Probleme zurück

All das ist bei Lithium der Fall, argumentiert Nehls. Ich gehe jetzt nicht auf alle Argumente ein, die zahlreich sind; sonst wäre das Buch nicht so dick und würde nicht 876 Referenzen enthalten, das meiste wissenschaftliche Originalpublikationen.

Das 1817 entdeckte Lithium spricht eine ganze Reihe von Enzymen und Rezeptoren an, die es zu regulieren hilft, das sog. Lithiom. Das sind mindestens 100, vielleicht mehr Enzyme und Rezeptoren, deren korrekte Aktivität vom Vorhandensein von Lithium abhängt.

Das prominenteste Beispiel ist das Enzym Glykogen-Synthase-Kinase 3 (GSK3). Sie ist an mindestens 100, vielleicht 200 anderen Prozessen beteiligt. Ihre Funktion ist, grob gesagt, folgende: Ist sie aktiv und hochreguliert, dann verhindert sie den Einbau von Glykogen in Muskel- und Leberzellen, erhöht also den Blutzuckerspiegel und stellt damit Zucker zur Verfügung, was im akuten Stressfall nützlich ist. Sonst ist es eher schädlich. GSK3 ist damit ein Gegenspieler zu Insulin. Eine Überaktivität von GSK3 führt also zu Insulinresistenz, Diabetes, erhöhtem Blutdruck, und vielen anderen Folgeproblemen.

Nun ist eine wichtige Erkenntnis, dass GSK3 nur dann überaktiv ist, wenn zu wenig Lithium vorhanden ist. Denn Lithium und Magnesium sind gemeinsam an der Regulierung von GSK-3 beteiligt. Magnesium aktiviert und Lithium hemmt das Enzym. Und wie überall im Organismus geht es um die rechte Balance. Die kann sich nur einstellen, wenn Lithium in ausreichender Menge vorhanden ist.

Weil nun GSK3, entdeckt in den 80er Jahren, so allgemein wichtig ist und in sehr vielen Bereichen des Organismus eine Rolle spielt, ist es auch ein Lieblingsziel der pharmazeutischen Industrie für künstliche Lithium-Ersatz-Pharmazeutika, die dieses Ziel ansteuern und regulieren können.

Das ist aber nur ein Beispiel. Es gibt noch viele andere Enzyme, Rezeptoren und Ionenkanäle, die lithiumabhängig funktioniere – genauer gesagt, die nur dann richtig funktionieren, wenn Lithium in ausreichender Menge vorhanden ist.

Diese ausreichende Menge ist klein, wie eine Abbildung auf S. 183 zeigt. Auch das therapeutische Fenster ist nicht sonderlich groß, also diejenige Menge, ab der ein positiver Effekt zu sehen ist und ab der Vergiftungserscheinungen auftreten. Im Trinkwasser finden sich meistens zwischen 0,01 bis 0,1 mg pro Liter, die man aufnimmt, wenn man einen Liter Wasser pro Tag trinkt. Ab 1 mg Lithium-Zufuhr pro Tag hat man das Optimum erreicht, das bis etwa 10 mg pro Tag reicht. Danach taucht bereits die Gefahr von leichter Vergiftung auf. Ab 100 mg bis 1 g Lithium pro Tag ist man im Bereich von Vergiftungen, die bei höherer Dosierung durchaus auch zum Tod führen können.

1949 wurden insgesamt vier Publikationen im Journal der American Medical Association publiziert, die Vergiftungserscheinungen und Todesfälle beschrieben [5-8]. Das kam daher, dass damals Kochsalz als Übeltäter der Bluthochdruckepidemie gesehen wurde und ein Ersatz eingeführt wurde, der im Wesentlichen auf Lithiumchlorid basierte. Das schmeckte ähnlich, wurde reichlich genommen und konnte offenbar bei Überdosierung zum Tod führen.

Es dürften diese Publikationen gewesen sein, die die medizinische Gemeinschaft alarmierten. Ob Nehls‘ Vermutung stimmt, dass sich dahinter ein Komplott zur Ächtung von Lithium verbirgt, weiß ich nicht. Es ist natürlich denkbar. Denn in diesem Jahr 1949 übernahm Austin Smith als Chefredakteur von JAMA, der 10 Jahre später zur Industrie wechselte. [9] Aber damals waren die Lithiumtargets noch nicht bekannt. Allenfalls könnte es sein, dass der Industrie ein Dorn im Auge war, dass Softdrinks wie Cola und 7Up, die Spuren von Lithium enthielten, sehr beliebt zur Stimmungsaufhellung waren. Deren Lithiumzusatz wurde dann auch prompt verboten.

Kehren wir zurück zur therapeutischen Menge: 1 mg Lithium erreicht man im Trinkwasser nur dann, wenn man spezielle Mineralwasser aus vulkanischem Gestein konsumiert (lithiumorotat.de/lithiumhaltige-heil-und-mineralwasser); die Leitungswasser enthalten Lithium eher nur im Mikrogrammbereich (originalhealth.net/3606). Wasser aus vulkanischem Gestein enthält aber oft auch noch andere Substanzen. Wenn man eine Substitution anstrebt, empfiehlt Nehls aufgrund der Literatur 1 mg pro Tag bei einem 70 kg schweren Erwachsenen. Das entspricht 25,7 mg Lithiumorotat. Orotat ist aus verschiedenen Gründen die empfohlen Darreichungsform.

In der Therapie von manischen Depressionen, wo Lithium zum ersten Mal zum Einsatz kam, werden meistens Dosierungen von 100-200 mg Lithium in anderen Verbindungen (Carbonat, Citrat, Chlorit) verwendet. Damit ist man nicht immer erfolgreich und kommt oft auch an die toxische Grenze. Längerfristige Substitution im essenziellen Bereich ist lt. Nehls empfehlenswerter.

Überhaupt haben eine Reihe von epidemiologischen Untersuchungen gezeigt, dass der Lithiumgehalt in Trinkwässern mit der Verbreitung von Suizidraten, Depression, Schizophrenie, Aggression und Kriminalität und anderen Krankheiten korreliert.

Nehls zitiert viele Tierversuche, bei denen Lithiumunterversorgung oder -ersatz im Tierversuch mit unterschiedlichen Krankheitsmodellen durchgeführt wurden. Sie alle belegen: Lithium spielt eine essenzielle Rolle.

Ein interessantes Argument für die Essenzialität ist dieses: vor etwa 120.000 Jahren, als sich der modern Homo sapiens sapiens in Südafrika entwickelte, war die menschliche Population stark geschrumpft auf eine kleine Gruppe, die die große Vergletscherung der vorausgegangenen Eiszeit überlebt hatte. Diese kleine Gruppe, von der anscheinend alle modernen Menschen abstammen, lebte und ernährte sich vor allem am Meer. Dort hatten sie genügend Omega-3-Fettsäuren aus marinen Quellen – Muscheln, Fische, Schalentiere – und ebenfalls Lithium, die auch in diesen marinen Quellen vorkommen.

Ich finde diese Argumente, die Nehls für die Essenzialität anführt, durchaus überzeugend. Wer diese Überzeugung teilt und inzwischen mit dieser essenziellen Menge von 1mg Lithium pro Tag experimentieren will, muss entweder ein entsprechendes Mineralwasser trinken oder sich Lithiumorotat verschreiben lassen oder es in den USA bestellen, wo es offenbar frei erhältlich ist.

Lithium und Neuroinflammation

Dieses Argument für die Essenzialität von Lithium nimmt die ersten 170 Seiten des Buches ein. Die nächsten 40 Seiten von Kapitel 3 befassen sich mit praktischen Aspekten und Fragen der Interaktion mit anderen Substanzen.

Kapitel 4 – Lithiom als Bindeglied zwischen Körper, Geist und Seele – enthält sehr viele Informationen. Sie lassen z.B. auch verstehen, warum Lithium so essenziell zur Verhinderung überschießender Entzündung ist und warum Lithiummangel in entsprechenden Situationen, z.B. bei Covid-19, zu einem Zytokinsturm und einer Neuroinflammation führt. Denn bei einer Verletzung oder bei Stress werden sog. Disease Associated Molecular Patterns (DAMPs) und bei einer Infektion Pathogen Associated Molecular Patterns (PAMPS) von entsprechenden Gefahrensensoren der Immunzellen der natürlichen Immunabwehr, etwa der Neuroglia im Gehirn, erkannt. Solche Rezeptoren sind die sogenannten „Toll-Like-Receptors (TLR)“. Ein wichtiger ist der TLR-4. Er aktiviert das GSK3, dessen Aktivität dazu führt, dass der Transkriptionsfaktor NF-kappa-Beta in den Zellkern einwandert und dort eine Kaskade pro-entzündlicher Interleukine, etwa Interleukin 1beta, 6, 18, den Tumornekrosefaktor alpha und andere freisetzt. „Toll-like“ heißen diese Rezeptoren übrigens offenbar deshalb, weil ihre Entdeckerin, die Medizin-Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard, bei der Entdeckung gesagt haben soll, sie seien ja „toll“.

Wir haben es hier also mit einer evolutionär sehr alten Abwehrkaskade zu tun, übrigens ein weiteres Argument für die Essenzialität von Lithium. Denn man findet sie in vereinfachter Form bereits bei Schnecken und einfachen wirbellosen Tieren. Bei allen Lebewesen werden schädliche molekulare Muster vom TLR-Rezeptor erkannt und führen über GKS3-Aktivierung zu einer Entzündungs- und Abwehrreaktion. Die GSK3-Aktivierung ist, wie wir oben gelernt haben, lithiumabhängig. Ist zu wenig Lithium vorhanden, kann sie nur schlecht reguliert werden und es kommt zu einer Überschussreaktion. Im Gehirn entsteht dann Neuroinflammation mit all ihren bekannten Folgen.

Nun versteht man auch, warum die Pharmaindustrie versucht, in diese Prozesse mit Lithiummimetika einzugreifen. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? Man hätte die ganze Palette der psychisch-mentalen Probleme von Angststörungen über Autismus, ADHS, Depression bis zu Parkinson und Demenz im Portfolio und kann daran verdienen.

Die nächsten 140 Seiten der Folgekapitel verwendet Nehls darauf, all diese Krankheiten, bei denen Lithium eine wichtige Rolle spielt und potenzielle Lithiummimetika für die Industrie lukrativ wären, herunter zu buchstabieren. Er führt in der Literatur Primärstudien, Tierexperimente und Metaanalysen an, die das belegen. Das Material ist umfangreich und von der Dichte her erdrückend.

Auf den letzten 50 Seiten von Kapitel 7 erläutert der Autor den Untertitel und warum er von „Komplott“ spricht. Das ursprüngliche Verbot, das auf die 1949 beschriebenen Vergiftungsfälle zurückgeht, habe ich mir näher angesehen. Ich kann darin nur begrenzt ein Komplott erkennen. Ich denke, die weite Verbreitung des lithiumhaltigen Kochsalzersatzes hat hier einige wache Ärzte alarmiert. Dass das in einem Klima, in dem man die moderne Pharmazeutik aufbaute und die Komplementärmedizin abhalfterte zu einem Verbot führte, leuchtet ein. Aber damals waren keine Lithiumimetika im Gespräch. Damals ging es vor allem um Antibiotika, Cortison und andere Entzündungshemmer, und die Bedeutung von Lithium war allenfalls empirisch durch die Wirkung lithiumhaltiger Wässer bekannt.

Dass dies heute vielleicht anders ist, nachdem GSK3 und seine zentrale Rolle erkannt wurde, leuchtet nun wiederum ebenso ein. Ich glaube aber nicht, dass der Begriff „Komplott“ hier gerechtfertigt ist. Es reicht vermutlich vollkommen aus zu sehen, dass die Industrie eine ganze Familie neuer Produkte und Patente im Blick hat, dass sie die Forschung zu diesen Produkten massiv finanziert, sich dadurch das Wohlwollen, die Denkfabriken und die Zuwendung ganzer Universitätsinstitute kauft und dadurch die Mehrheitsmeinung auf Kongressen bestimmt. Und schon schreibt und forscht keiner mehr über Lithium. Denn dafür gibt es kein Geld. Möglicherweise beeinflussen noch ein paar Kommunikationsbüros über die Hintertür die öffentliche Meinung. Derartige Prozesse gibt es, seit die moderne Universitätsmedizin mit ihrem pharmazeutischen Bias dominant geworden ist. Und sie wirken nicht nur gegen Lithium, sondern im Grunde gegen das gesamte Arsenal der Naturheilkunde und Komplementärmedizin. [10] Es muss nicht einmal aktiv aufrechterhalten werden, denn es ist der modus operandi unserer modernen Medizin schlechthin.

Michael Nehls Buch ist wichtig, weil es eine Fülle von Belegen zusammenträgt. Ich wünsche ihm, dass es von ein paar klugen Köpfen der Wissenschaftsgemeinde und der Regulationsbehörden gelesen wird, die das Grundargument würdigen können und darauf hinarbeiten, dass das alberne Verbot fällt, Lithium als Nahrungsergänzungsmittel in Europa zur Verfügung zu stellen. Dann kann wenigstens von unten her, durch informierte Konsumenten, ein Wandel entstehen. Denn dass sich ein Wandel in den Köpfen der führenden Universitätsforscher einstellt, ist nicht sehr wahrscheinlich, mindestens nicht in den nächsten 250 Jahren, wenn man das Beispiel von Vitamin C nimmt.

Der Text ist flüssig geschrieben und durch viele Erläuterungen auch für Laien verständlich. Er leidet manchmal an Redundanzen, indem das, was der Autor selbst sagt oftmals durch längliche Zitate aus Originalarbeiten unterstrichen wird. Das ist für Leserinnen und Leser, die nicht vom Fach sind, vielleicht nützlich, aber ermüdet manchmal. Für Fachleute sind die reichen Endnoten hilfreich, die die nötigen Referenzen auf die Originalliteratur enthalten. Einige habe ich geprüft; sie waren durchwegs korrekt.

Ich halte das Buch für sehr wichtig, gerade in der Diskussion nach Corona, um Post-COVID und das Post-Vac-Syndrom. Denn es hilft, die entsprechenden physiologischen Prozesse zu verstehen und könnte dazu beitragen, dass wir die Bedeutung von Lithium endlich anerkennen.

Literatur

  1. Nehls M. Die Alzheimer Lüge: Die Wahrheit über eine vermeidbare Krankheit. München: Heyne; 2014
  2. Walach H, Loef M, editors. Demenz – Prävention und Therapie: ein Handbuch der komplementärmedizinischen und nichtmedikamentösen Verfahren. Essen: KVC Verlag; 2019
  3. Berwick DM. Disseminating innovations in health care. Journal of the American Medical Association. 2003;289:1969-75
  4. Mawson AR, Binu J. Vaccination and neurodevelopmental disorders: A study of nine-year-old children enrolled in Medicaid. Science, Public Health Policy, and the Law. 2025;6(January):v6.2019-25
  5. Corcoran AC, Taylor RD, Page IH. Lithium poisoning from the use of salt substitutes. Journal of the American Medical Association. 1949;139(11):685-8. Epub 1949/03/12. doi: 10.1001/jama.1949.02900280001001. PubMed PMID: 18110875
  6. Hanlon LW, Romaine M, III, Gilroy FJ, Deitrick JE. Lithium chloride as a substitute for sodium chloride in the diet: Observations on Its Toxicity. Journal of the American Medical Association. 1949;139(11):688-92. doi: 10.1001/jama.1949.02900280004002
  7. Stern RL. Severe lithium chloride poisoning with complete recovery:Report of Case. Journal of the American Medical Association. 1949;139(11):710-1. doi: 10.1001/jama.1949.72900280001006
  8. Waldron AM. Lithium intoxication. Journal of the American Medical Association. 1949;139(11):733-. doi: 10.1001/jama.1949.02900280049022
  9. Anonymus. Austin Smith Assumes New Duties. New England Journal of Medicine. 1959;260(19):989-. doi: 10.1056/NEJM195905072601913
  10. Walach H. Heilung kommt von innen: Selbstverantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen. München: Knaur Verlag; 2018