200 Mitarbeiter bei 13 Milliarden US-Dollar Gewinn -wie es Tether gelungen ist, zu einem der mächtigsten Unternehmen der Welt zu werden. Ein Longread.
“Bitcoin, Gold and Land are becoming the hedge against all the darkness in the world.”
Paolo Ardoino
Tether is not only a stablecoin company; it is a stable company.
Paolo Ardoino
Was ist die wahre Größe für den Erfolg eines Unternehmens? Der Gewinn würde man intuitiv antworten. Je mehr Gewinn, desto erfolgreicher eine Firma. Nvidia machte 2024 einen Gewinn von über 70 Milliarden Dollar. Tether ist eine Nummer kleiner: Vor Kurzem veröffentlichte das Unternehmen einen neuen Gewinnbericht. In den ersten neun Monaten dieses Jahres waren es 10 Milliarden US-Dollar. Es gibt aber einen wichtigen Unterschied: Der Chiphersteller Nvidia beschäftigt über 36.000 Menschen. Tether hat gerade einmal 200 Mitarbeiter. Anders ausgedrückt: Ein Angestellter erwirtschaftet rund 80 Millionen US-Dollar im Jahr. Noch drastischer macht es der Vergleich mit dem Traditionskonzern Siemens: Der kam 2024 auf einen ähnlichen Gewinn wie Tether, beschäftigt weltweit aber 32.0000 Menschen.
Tether ist also das profitabelste Unternehmen der Welt - nimmt man den Gewinn pro Mitarbeiter.
Es gibt noch ein paar mehr Gründe, weshalb man Tether kennen sollte. Tether steht mittlerweile auf Platz 17 der größten Halter von US-Staatsanleihen. Die US-Regierung schuldet dem Unternehmen über 135 Milliarden US-Dollar und bezahlt dafür rund vier Prozent Zinsen pro Jahr - was alleine schon einen Gewinn von rund 5 Milliarden im Jahr einbringt.
Tether bietet mit blockchain-basierten USDT-Tokens Zugang zum US-Dollar, ohne dass man dafür ein Bankkonto benötigt. Klingt überflüssig? Dann sollte man mal über den eurozentristischen Tellerrand blicken. Milliarden von Menschen leben noch immer ohne Bankkonto und können so am Wirtschaftsgeschehen nur bedingt teilhaben. Regierungen inflationieren die Landeswährungen und vernichten Ersparnisse. Banken verlangen Gebühren für Auslandszahlungen. Mittlerweile nutzen über 500 Millionen Menschen weltweit die Tether-Währung USDT und können so auch ihre Ersparnisse schützen und transferieren.
In Afrika investiert Tether in „Solar-Kioske“, an denen man gegen eine geringe Gebühr Batterien aufladen kann. Das Pilotprojekt bestehend aus 500 solcher Stationen soll auf 100.000 anwachsen und Menschen Zugang zu Energie bieten.
Tether kauft Medienunternehmen. Im vergangenen Jahr hat Tether 50 Millionen US-Dollar in die Video-Plattform Rumble investiert. Rumble wuchs während der Corona-Krise stark, als regierungskritische Videos auf YouTube zensiert worden waren. In den USA nutzen die Plattform mehr als 50 Millionen Menschen. Weitere Investitionen in Social Media Firmen sollen laut Paolo Ardoino folgen. Der Tether-CEO bezeichnet Telegram-Gründer Pavel Durov als „Zwillings-Seele“.
Tether kauft Land: Für 600 Millionen US-Dollar erwarb das Unternehmen dieses Jahr Anteile eines südamerikanischen Agrar-Konzerns. Adecoagro bewirtschaftet 20.000 Hektar Land in Argentinien. Tether will insgesamt drei Milliarden US-Dollar in das Land investieren. Zuvor hatte Tether eine Mehrheitsbeteiligung an dem argentinischen Düngemittelhersteller Profertil für mehr als 600 Millionen US-Dollar erworben. Tether plant außerdem sogenannte „Agrotoken“, auf der Blockchain tokenisierte Agrarprodukte.
Tether kauft Gold: Rund 100 Tonnen befinden sich laut Ardoino im Besitz des Unternehmens - so viel wie die Goldreserven Brasiliens. Die Barren lagern in Schweizer Tresoren.
Tether kauft Goldminen: Für 200 Millionen kaufte sich die Firma im August in das Goldminen-Unternehmen Elemental Altus Royalties ein.
Tether tut Gutes
Tether ist dabei omnipräsent und innerhalb kürzester Zeit zu einem wichtigsten Unternehmen der Welt geworden. Anders als viele Großkonzerne aber verfolgt der Konzern eine dezidiert freiheitliche Agenda und setzt auf eine sanfte Demokratisierung der Welt. Das Rezept: Mehr Menschen Teilhabe ermöglichen. Tether ist ein profitorientiertes Unternehmen, das betont CEO Paolo Ardoino immer wieder. Aber Tether tut auch viel Gutes. Die Firma hat sich vier Grundsätzen verschrieben, die sie weltweit fördern will: Zugang zum Zahlungssystem, Zugang zu Kommunikation ohne Zensur, Zugang zu Energie und Zugang zu Wissen. Eine ehrenwerte Firma also. Wäre da nicht eine obskure Vergangenheit.
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Ardoino wird im Dezember 2023 CEO der Firma. Davor war der stets freundliche 41-Jährige der Chefprogrammierer des Unternehmens. Ardoino sagte kürzlich in einem Interview, mittlerweile versuche er mindestens „fünf Stunden täglich zu schlafen“. Früher sei selbst das kaum möglich gewesen. Die global operierende Börse Bitfinex habe auch nie geschlafen. Bitfinex ist eigentlich das Mutterunternehmen von Tether und sie führt tief in die dunkle Vergangenheit des Unternehmens.
Bitfinex wird 2012 als Bitcoin-Börse von einem französischen Programmierer namens Raphael Nicolle gegründet. Kurz darauf steigen zwei Geschäftsmänner ein: Giancarlo Devasini, ein italienischer Schönheitschirurg. Von Nicolle dagegen verliert sich jede Spur. Devasini war 1996 wegen Produktpiraterie zu einer hohen Geldstrafe verurteilt worden. Über Ludovicus van der Velde, einem in Asien lebenden Niederländer, weiß man noch weniger. Er war wohl in verschiedene chinesische Unternehmen involviert, von denen einige in Zahlungsschwierigkeiten gerieten. Öffentlich in Erscheinung trat van der Velde nie.
Die China-Connection
2015 übernehmen Devasini und van der Welde das Unternehmen Tether. Der Stablecoin-Emittent war ein Jahr zuvor von Brock Pierce, Craig Stellar und Reeve Collins gegründet worden, um das Geschäft von Tradern zu erleichtern. Stablecoins sind das Schmiermittel für das Bitcoin-Trading. Wer wie Daytrader schnell Positionen kauft und verkauft, braucht Stablecoins - traditionelle Banken reagieren viel zu langsam für die Transaktionen. Tether springt in diese Lücke. Man kann sich das wie in einem Casino vorstellen: Wer an den Spieltisch will, muss vorher sein Geld in Chips umtauschen. Tether nimmt dafür eine geringe Gebühr. Das Geschäft läuft: Anfang 2015 sind 250.000 USDT im Umlauf. Drei Jahre später sind es schon 2,5 Milliarden. Was macht Tether mit den 2,5 Milliarden US-Dollar, die es für die ausgegebenen Token hält? Man kauft davon chinesischen Junk Bonds. Chinesische Schrottanleihen, die wegen ihres hohen Ausfallrisikos auch hoch verzinst sind. Oder geht es eigentlich darum, reichen Chinesen die Möglichkeit zu geben, die strikten Kapitalverkehrskontrollen zu umgehen?
Im August 2016 wird die Börse Bitfinex gehackt und über 119000 Bitcoin gestohlen - der damalige Wert etwa 72 Millionen US-Dollar. Bitfinex, das nach wie vor von denselben Personen geleitet wird wie Tether, Devasini und van der Velde, steht vor dem Konkurs. Der Verdacht: Tether „druckt“ ungedeckte USDT, um sie zu Bitfinex zu transferieren. Bitfinex überlebt, doch ab jetzt steht Tether in der Kritik: Ist es möglich, dass Tether mit ungedeckten USDT-Token Bitcoin kauft, und damit den Kurs in die Höhe treibt? Die Korrelation ist verblüffend: Immer wenn Bitcoin steigt, kommen neue Tether-Dollar in den Markt. Oder ist es andersherum? Hier ein Chart aus dem Jahr 2017, der beide in Relation setzt.
Die Vorwürfe klären könnte ein “Audit”, eine ordentliche Unternehmenssprüfung. Dafür müsste sich das Unternehmen bereit erklären, sich in die Bücher schauen zu lassen, um eindeutig festzustellen, ob Tether wirklich so viele Reserven hat, die Tokens ausgegeben wurden.
Einer solchen Prüfung will sich das Unternehmen nicht unterziehen lassen: das sei technisch gar nicht möglich, und zudem wolle keiner der großen Prüfungsgesellschaften (EY, pwc, KPMG und Deloitte) einen solchen Job machen, sagt Tether. Stattdessen gibt es sogenannte “Attestations” aus - freiwillige Selbstauskünfte, die sich nicht überprüfen lassen.
Später, 2021, wird ein Gericht in New York, sowie die CFTC in zwei Urteilen folgendes feststellen:
- Tatsächlich waren die Reserven zeitweise gar nicht oder nur teilweise vorhanden.
- Zwischen Juni 2016 und Februar 2019 war USDT nur während ein Drittel der Zeit vollständig mit Fiat gedeckt.
Tether muss einmal 18,5 und einmal 41 Millionen US-Dollar Strafe zahlen, und darf außerdem im Bundesstaat New York nicht mehr aktiv sein. Für Tether aber bedeutet das auch: Man ist mit einem blauen Auge davon gekommen. Keine Verhaftung, kein Verbot, keine Abwicklung - und das, obwohl der Fall durchaus mit der späteren Pleite von FTX vergleichbar ist. Auch SBF hatte Kundengelder veruntreut, um Verluste zu verschleiern.
Die FTX-Pleite wird übrigens zur Feuerprobe des Unternehmens: Viele Kritiker vermuten, das Tether-Kartenhaus müsse nun ebenfalls einstürzen. An einem irgendeinen Punkt würden Händler und Börsen das Vertrauen verlieren, und ihre USDT wieder in “echte” Dollar zurücktauschen. Wie bei einem Bank-Run würde der Schwindel dann auffliegen. Doch Tether überlebt die FTX-Pleite und den Bärenmarkt. Und 2024 geschieht die Wende.
Tethers größter Fan: Die US-Regierung
Die zwielichtigen Gestalten Devasini und van der Velde, beide längst Multimilliardäre, ziehen sich aus der Öffentlichkeit komplett zurück. Der medienpräsente Ardoino ersetzt sie. Anders als die Gründer hat der hart arbeitende Programmierer keine zwielichtige Vergangenheit. Auf viele wirkt er sympathisch und erhlich. Tethers Wandel aber ist mehr als nur eine Image-Korrektur. Denn ab etwa 2022 beginnt das Unternehmen seine Anlagestrategie zu wechseln: Anstatt chinesischer Junk-Bonds investiert Tether seine Reserven jetzt in die besten Schuldverschreibungen der Welt: US-Staatsansleihen.
Finanzminister Scott Bessent und Handelsminister Howard Lutnick erkennen: Das Unternehmen Tether kann den USA dabei helfen, ihre Verschuldungsproblematik zu lösen. Mittlerweile sind über 180 Milliarden USDT-Token im Umlauf. Das bedeutet, dass Tether bis zu 180 Milliarden US-Schulden kaufen kann. Tether kompensiert so China und Russland, die seit Jahren immer weniger beziehungsweise keine US-Anleihen mehr kaufen. Das hilft, die Zinsen niedrig zu halten.
Und noch etwas macht das Unternehmen bei der US-Regierung beliebt: Tether hilft, die Rolle desUS-Dollars als globale Leitwährung zu stärken. Immer wieder gibt es Versuche seitens Chinas und anderer BRICS-Staaten, das “exorbitante Privileg” der USA einzuschränken. Bis zu 500 Millionen Menschen, vor allem im Globalen Süden, aber nutzen Tether-Stablecoins, die an den US-Dollar gekoppelt sind. Während die EU und China an ungeliebten CBDCs herumdoktoren, hat das Unternehmen selbst einen “digitalen Dollar” geschaffen.
Deswegen will Tether demnächst auf dem US-Markt stärker aktiv werden. Die rechtlichen Voraussetzungen hierfür, schafft der GENIUS-Act. Vorher will man seine Reserven ordentlich prüfen lassen. Anscheinend ist das, wogegen sich das Unternehmen jahrelang sträubte, nun doch möglich. Tether arbeitet mittlerweile auch eng mit US-Behörden zusammen. Laut eigenen Angaben habe man dieses Jahr 300 Millionen Dollar eingefroren, weil diese aus kriminellen Aktivitäten stammen. Technisch war dies für Tether ohnehin nie ein Problem.
Eine stabile und ehrenwerte Firma also.
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