JPMorgan führt Bitcoin erstmals in seinen Langfrist-Annahmen – mit der höchsten erwarteten Rendite. Spannender als jede Prognose ist aber, was Bitcoin eigentlich ist: das erste Gut mit absoluter, nachprüfbarer Knappheit. Knut Svanholm nennt es „Element Zero“.
Am 19. Oktober 2026 hat J.P. Morgan Asset Management seine Long-Term Capital Market Assumptions 2027 veröffentlicht – die jährliche Langfrist-Annahme, mit der große Vermögensverwalter ihre strategische Aufteilung planen. Zum ersten Mal in 31 Ausgaben taucht darin Bitcoin auf. Und zwar ganz oben: Mit einer erwarteten jährlichen Rendite von 10 % über die nächsten 10 bis 15 Jahre liegt Bitcoin vor US-Immobilienfonds (8,2 %), US-Aktien (7,5 %) und Gold (5,5 %).
Kurz darauf machte die Schlagzeile die Runde: „JPMorgan stuft Bitcoin als bestes Asset ein.“ Das ist zugespitzt – und es ist die am wenigsten interessante Lesart dieser Nachricht.
Was JPMorgan tatsächlich geschrieben hat
Die Formulierung vom „besten Asset des Jahrzehnts“ stammt nicht von JPMorgan selbst, sondern aus einem Post von Matt Hougan, Chef-Investmentstratege des ETF-Anbieters Bitwise – der Bitcoin-Produkte verkauft und die Nachricht entsprechend gern so liest. Im Bericht selbst steht etwas Nüchterneres:
- Bitcoin hat von allen modellierten Anlageklassen die höchste erwartete Rendite (10 % pro Jahr, geometrisch).
- Dieselbe Tabelle nennt eine Schwankungsbreite von 55 % pro Jahr – rund dreimal so viel wie Aktien oder Gold.
- Das Spektrum reicht von etwa –10 % im schlechten bis +17 % pro Jahr im guten Szenario.
- JPMorgan empfiehlt Bitcoin ausdrücklich nicht als Beimischung für diversifizierte Portfolios, weil die Korrelation zu anderen Anlagen zu instabil sei. Bitcoin steht deshalb nicht einmal in der Haupt-Matrix des Berichts, sondern in einer eigenen.
Man kann darin also eine Bestätigung sehen. Oder einfach eine Bank, die neun Jahre nachdem ihr Chef Jamie Dimon Bitcoin öffentlich als „Betrug“ bezeichnet hat, einen Platz in ihren Tabellen dafür freiräumt – weil die eigenen Kunden danach fragen.
Keine Anlageberatung:
Wir sagen hier nicht, dass Bitcoin 2026, 2030 oder sonst wann „das beste Investment“ ist. Renditeprognosen von Banken sind Modellannahmen – und JPMorgan schreibt selbst, dass sie nichts garantieren. Dieser Artikel handelt von etwas anderem: davon, was Bitcoin ist, nicht davon, was der Kurs morgen macht.
Die falsche Frage: Ist Bitcoin das beste Asset?
„Bestes Asset“ ist eine Kategorie aus der Welt der Vermögensverwalter. Dort ist alles vergleichbar: Aktien, Anleihen, Immobilien, Rohstoffe – jedes bekommt eine erwartete Rendite, eine Volatilität, eine Korrelation, und am Ende fällt eine Gewichtung heraus. Bitcoin in diese Tabelle zu schreiben heißt, es als weitere Zeile zu behandeln. Als Ding unter Dingen, das man gegen andere Dinge abwägt.
Damit geht genau das verloren, was Bitcoin von allen anderen Zeilen unterscheidet. Denn jede andere Zeile in dieser Tabelle hat eine Eigenschaft gemeinsam: Man kann mehr davon herstellen. Unternehmen geben neue Aktien aus, Staaten neue Anleihen, Bauträger ziehen neue Häuser hoch, Minen fördern neues Gold. Und das Geld, in dem all diese Renditen gemessen werden, wird ohnehin jedes Jahr mehr – warum, zeigt Schützt Bitcoin vor Inflation?.
Bitcoin ist das erste Gut, bei dem das nicht geht.
Element Zero: Knut Svanholms Bild
Der schwedische Autor Knut Svanholm hat dafür das wohl treffendste Bild gefunden. Im Klappentext seines Buches Bitcoin: Everything Divided by 21 Million (deutsch: „Bitcoin: Alles durch 21 Millionen“) heißt es sinngemäß:
Auf der Suche danach, Zeit zu sparen, stieß Satoshi auf die Entdeckung eines neuen, schwerelosen, absolut knappen Elements. Der Showstopper für jeden Zeitdieb. Element Zero. Bitcoin.
Ein Element im Periodensystem ist durch seine Ordnungszahl bestimmt – die Zahl der Protonen im Kern. Gold hat 79, Silber 47, Kupfer 29. Bitcoin hat in diesem Bild die Null: Es steht vor allen anderen, hat keine Masse, keinen Ort und keine Farbe. Es hat genau eine Eigenschaft, aber die so rein wie kein anderer Stoff: Es gibt davon nicht mehr als 21 Millionen Einheiten.
Schon 2018 hatte Svanholm in seinem Essay Bitcoin and Thermodynamics geschrieben, was dieses System hervorbringt, sei absolute Knappheit – „ein Konzept, dem die Menschheit noch nie begegnet ist“. Und weiter: Das mache Bitcoin womöglich zum ersten von Menschen geschaffenen Konzept, das direkt mit den Gesetzen der Physik verbunden ist. Gemeint ist die Energie, die beim Proof of Work in jeden Block fließt und sich nicht zurückholen lässt.
Seine Überlegungen zu Souveränität und Mathematik haben wir in der Rezension zu „Bitcoin: Selbstbestimmung durch Mathematik“ ausführlicher besprochen.
Warum selbst Gold nur „ziemlich“ knapp ist
Gold gilt seit Jahrtausenden als Inbegriff der Knappheit – und es ist tatsächlich sehr knapp. Aber nicht absolut:
- Es wird ständig mehr. Laut World Gold Council liegen oberirdisch rund 216.000 Tonnen Gold, jedes Jahr kommen etwa 3.600 Tonnen aus den Minen dazu. Das ist ein Angebotswachstum von rund 1,7 % pro Jahr – seit Jahrzehnten ziemlich stabil, aber eben nicht null.
- Steigt der Preis, steigt die Förderung. Lagerstätten, die sich bei 1.000 Dollar pro Unze nicht lohnen, werden bei 4.000 Dollar plötzlich abgebaut. Das Angebot reagiert auf die Nachfrage – genau das, was ein Wertspeicher eigentlich nicht tun sollte.
- Niemand kennt die Gesamtmenge. Wie viel Gold noch in der Erde, im Meerwasser oder auf Asteroiden liegt, ist eine Schätzung. Unternehmen planen bereits Missionen zum Asteroidenbergbau.
- Selbst Alchemie funktioniert inzwischen. 2025 berichtete das ALICE-Experiment am CERN, dass bei Kollisionen von Bleikernen im Teilchenbeschleuniger Gold entsteht – wirtschaftlich völlig bedeutungslos (ein paar Billionstel Gramm), aber physikalisch eben möglich.
Dazu kommt das Prüfproblem: Ob ein Barren echt ist und ob die Goldreserven in einem Tresor wirklich existieren, muss man glauben oder aufwendig prüfen lassen. Mehr dazu im Vergleich Bitcoin vs. Gold.
Wie Bitcoin absolut knapp wird
Bitcoins Obergrenze ist kein Versprechen einer Organisation, sondern das Ergebnis von drei ineinandergreifenden Schichten.
Mathematik legt die Menge fest
Jeder Block schüttet eine feste Belohnung aus. Sie startete 2009 bei 50 Bitcoin und halbiert sich alle 210.000 Blöcke, also etwa alle vier Jahre. Summiert man diese Reihe auf – 210.000 × (50 + 25 + 12,5 + …) –, landet man bei knapp 21 Millionen. Genau genommen sogar etwas darunter: 20.999.999,9769 Bitcoin, weil die Belohnung irgendwann kleiner als ein Satoshi wird und auf null abgerundet wird. Die ganze Herleitung steht in Die Bitcoin-Angebotsformel.
Aktuell sind rund 20,1 Millionen Bitcoin im Umlauf. Seit dem Halving 2024 wächst die Menge um weniger als 0,9 % pro Jahr – bereits halb so schnell wie Gold. Nach dem nächsten Halving 2028 sind es gut 0,4 %, um das Jahr 2140 wird der letzte Bruchteil ausgegeben. Danach: null. Für immer.
Kryptographie schützt das Eigentum
Eine feste Menge nützt nichts, wenn jemand die vorhandenen Einheiten einfach kopieren oder fremde Coins ausgeben könnte. Hier kommt die Kryptographie ins Spiel: Jede Ausgabe muss mit einer digitalen Signatur aus dem passenden privaten Schlüssel belegt werden, und jeder Block ist über SHA-256-Hashes mit allen vorherigen verkettet. Wer die Geschichte umschreiben will, müsste die gesamte Rechenarbeit seitdem wiederholen – schneller als der Rest der Welt.
Tausende Nodes setzen die Regel durch
Die dritte Schicht wird gern unterschlagen, ist aber die entscheidende: Die 21 Millionen sind eine Konsensregel, die jeder Bitcoin Node unabhängig prüft. Zahlt sich ein Miner auch nur einen Satoshi mehr aus als erlaubt, lehnen alle Nodes den Block ab – er existiert für das Netzwerk schlicht nicht. Es gibt keine Zentrale, die man überzeugen, bestechen oder zwingen könnte. Wer die Grenze anheben wollte, müsste Zehntausende unabhängige Betreiber weltweit dazu bringen, freiwillig Software laufen zu lassen, die ihre eigenen Bitcoin verwässert.
Das ist der Unterschied zu jeder Notenbank: Dort entscheiden ein paar Dutzend Menschen in einem Sitzungssaal über die Geldmenge. Bei Bitcoin entscheidet niemand – die Regel ist die Entscheidung.
Knappheit, die du selbst nachzählen kannst
Hier liegt der eigentliche Bruch mit allem, was es vorher gab. Bei Gold musst du der Schätzung von Geologen glauben. Beim Euro musst du der EZB glauben. Bei Bitcoin kannst du die Gesamtmenge selbst nachzählen – auf einem kleinen Rechner zu Hause, mit einem einzigen Befehl:
bitcoin-cli gettxoutsetinfo
Das Feld total_amount zeigt die exakte Zahl aller existierenden Bitcoin, berechnet von deiner eigenen Node aus der vollständigen Blockchain, ohne dass du irgendwem vertrauen musst. Keine Bank, kein Wirtschaftsprüfer, kein Staat. Don't trust, verify – das ist nicht nur ein Spruch, sondern eine Funktion. Warum sich eine eigene Node auch sonst lohnt, steht in 6 Gründe, eine Bitcoin-Node laufen zu lassen.
Kein anderes Gut der Welt bietet das: eine Obergrenze, die nicht nur behauptet, sondern von jedem Menschen mit einem Internetanschluss überprüfbar ist.
Alles durch 21 Millionen
Aus dieser Eigenschaft folgt der Gedanke, der Svanholms Buch den Titel gab: Wenn es nur 21 Millionen Bitcoin gibt und nie mehr geben wird, dann lässt sich der Gegenwert von allem – jeder Stunde Arbeit, jedem Haus, jeder Aktie, jeder Unze Gold – als Bruchteil dieser festen Menge ausdrücken. Alles durch 21 Millionen. Der Maßstab bleibt stehen, und alles andere bewegt sich daran.
Bei Fiat-Geld ist es umgekehrt: Der Maßstab selbst wird jedes Jahr gedehnt. Wer dort in Euro misst, misst mit einem Gummiband – und wundert sich, warum Häuser, Lebensmittel und Mieten „teurer werden“. Was eigentlich passiert, ist, dass der Euro schrumpft. Wie es dazu kam, beschreiben Was ist Geld eigentlich? und Was geschah 1971?.
Darum ist die JPMorgan-Tabelle in gewisser Weise ein Kategorienfehler. Sie misst Bitcoin in Dollar-Rendite – also mit genau dem Gummiband, zu dem Bitcoin die Alternative ist. Element Zero ist keine weitere Zeile in der Tabelle. Es ist ein Kandidat für die Spalte, in der man alle Zeilen misst.
Fazit
Dass eine der größten Banken der Welt Bitcoin in ihre Langfrist-Annahmen aufnimmt, ist eine Randnotiz mit Symbolwert: Ignorieren ist keine Option mehr. Die Renditezahl darin ist eine Schätzung – mit dreifacher Schwankung, ohne Garantie und von JPMorgan selbst mit Warnhinweisen versehen.
Was dagegen keine Schätzung ist: Die Obergrenze von 21 Millionen gilt heute, sie galt 2009, und sie wird 2140 noch gelten. Nicht, weil jemand es verspricht, sondern weil Mathematik die Menge festlegt, Kryptographie das Eigentum schützt und jeder Teilnehmer die Regel selbst prüft. Das ist der Grund, sich mit Bitcoin zu beschäftigen – lange bevor man über Kurse nachdenkt. Und es ist ein Gedanke, dessen Wert gerade darin liegt, dass er sich nicht in einer Renditetabelle ausdrücken lässt.
Wer verstehen will, warum das wichtig ist, landet früher oder später bei der Frage, was Geld eigentlich leisten soll – und bei Bitcoin fixes this.
Verstehen statt spekulieren Im Bitcoin-Workshop in München zeigen wir dir, wie die 21-Millionen-Grenze technisch funktioniert, wie du sie mit deiner eigenen Node nachprüfst und wie du deine Bitcoin sicher selbst verwahrst – ohne Kurstipps, dafür mit Verständnis.
Dieser Artikel erschien zuerst auf bitcoinlighthouse.de – dort findest du auch unsere Bitcoin-Workshops in München.